Die Franzosen scheinen die wahren Meister im Inszenieren von alltäglich anmutenden Lebensläufen junger Schwuler zu sein.
Auch Lionel Baier erweist sich in Dummer Junge – Garçon Stupide in dieser Hinsicht als durchaus talentiert. Sein Protagonist Loïc ist ein 20jähriger Schwuler, der seine Sexpartner über Internet-Chatforen findet. Dabei möchte er immer so schnell wie möglich zum Schuss kommen und dann wieder das Weite suchen.
Gefühle bleiben außen vor, aber auch der Mensch an sich, denn Loïc reduziert die Treffen auf simple Lustbefriedigung. Als er Lionel begegnet, ist er aus dem Konzept gebracht. Denn dieser Mann scheint viel eher daran interessiert zu sein, sein Gegenüber kennen zu lernen, als mit diesem sexuell aktiv zu werden.
In seinen Grundzügen und in der ersten Stunde Spielzeit ist Dummer Junge – Garçon Stupide ein wirklich überzeugendes, realitätsnahes Porträt eines heranwachsenden, ziellosen Schwulen. Doch in der letzten halben Stunde versucht Lionel Baier zuviel des Guten. Die Handlung wird auf zum Teil unglaubwürdige Weise dramatisiert. Dass der Protagonist durch einen Todesfall zum Nachdenken über sein Leben gebracht wird, ist ein allzu durchgenudeltes filmisches Konzept. Zudem verheddert sich der Regisseur in den letzten Minuten in zwei neu etablierten Handlungssträngen über die Fotoleidenschaft seines Protagonisten und dessen Faible für einen Fußballstar.
Hauptdarsteller Pierre Chatagny gelingt es indes recht überzeugend, seiner Figur Kontur zu verleihen. So mancher inszenatorische Einfall (Lionel bleibt währen des gesamten Films unsichtbar, Loïc unterhält sich in diesen Szenen mit einer subjektiven Kamera) ist Baier aber erstaunlich gut geglückt, weswegen man über die wenigen dramaturgischen Anfängerfehler getrost hinwegsehen kann und trotzdem ansprechend unterhalten wird. FB
F/CH 2004 (Garçon Stupide) Regie und Buch: Lionel Baier. Buch: Laurent Guido. Mit: Pierre Chatagny, Natacha Koutchoumov, Rui Pedro Alves, Lionel Baier, Laurent Guido. 94 Min. Salzgeber. Ab 11. Mai 2006 im Kino.
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