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Du bist nicht allein




Filmkritiker lassen in ihren Besprechungen ja gerne mal andere Filmtitel fallen, mit denen sie ein Stückweit mit ihrem Filmwissen prahlen, andererseits und natürlich in erster Linie aber auch versuchen, dem Leser dadurch ein besseres Bild davon zu vermitteln, was sie mit dem neuen Werk im Kino ungefähr erwartet.

Das ist vor allem dann hilfreich, wenn man den Regisseur noch nicht kennt oder sich dessen Werke stets so stark voneinander unterscheiden, dass man andere Bezugspunkte finden muss.

Bernd Böhlich ist im Kino ein noch recht unbeschriebenes Blatt, denn Du bist nicht allein ist nach Mutterseelenallein erst der zweite Film des Autorenfilmers, der bislang hauptsächlich fürs Fernsehen (Sturmzeit) gedreht hatte. Sein Werk wird voraussichtlich in jeder zweiten Rezension mit den Filmen Andreas Dresens (Sommer vorm Balkon) verglichen werden, was alles andere als schlecht ist, zählt Dresen doch mittlerweile zu den verlässlichsten und originellsten Filmemachern unseres Landes. Wie Dresen also geht Böhlich in Du bist nicht allein dem Schicksal einiger „kleiner Leute“ nach, die mit den Unbilden der sozialen Realität im Deutschland des Jahres 2007 zu Recht kommen müssen und sich trotz diverser Rückschläge nicht unterkriegen lassen.

Hans Moll (Axel Prahl) ist ein arbeitsloser Maler, der zusammen mit seiner Frau (Katharina Thalbach) und seinem Teenagersohn in einem hässlichen Berliner Hochhausklotz wohnt. Frau Moll erhält gerade die Chance, eine Stelle als Nachtwächterin zu übernehmen und dem kläglichen Haushaltsgeld damit ein bisschen auf die Sprünge zu helfen.

In der Wohnung am anderen Ende des Flurs ist gerade Jewgenia (Katerina Medvedeva) mit ihrem Vater und der jungen Tochter eingezogen. Hans hilft der hübschen Exil-Russin zuvorkommend dabei, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben und beginnt Stück für Stück, sich in die allein erziehende Mutter zu verlieben. Ebenfalls neu in der zusammen gewürfelten Hochhausgemeinschaft ist der promovierte Physiker Wellinek (Herbert Knaup), der nicht nur von seiner Frau, der Schauspielerin Sylvia (Karoline Eichhorn), auf die Straße gesetzt wurde, sondern ebenfalls arbeitslos geworden ist. Von seiner neuen, spartanisch eingerichteten und ziemlich verlebten Zweizimmerwohnung hat er noch einen exklusiven Balkonblick auf Sylvias Haus, von der er einfach nicht loskommt.

„Du bist nicht allein“ heißt nicht nur der Schlager, den Axel Prahls Hans vor den russischen Verwandten bei Jewgenias Einweihungsfeier herrlich schräg zum Besten gibt – die Titelzeile des Liedes steht auch symbolisch für das, was Bernd Böhlich in seinem Film erzählt. Die Figuren sind nah dran an den Menschen im Hier und Heute, viele Zuschauer werden sich mit deren Schicksal zwischen sozialer Tristesse und der Sehnsucht nach Veränderung gut identifizieren können. Dabei gelingt es dem Regisseur sehr überzeugend, die Balance zu wahren zwischen Drama und Komödie.

Der Handlungsstrang mit Katharina Thalbach und Axel Prahl sorgt dabei natürlich zunächst und vordergründig für die komischen Elemente. Doch unter dieser lockeren Fassade werden im Laufe der Zeit auch immer mehr Risse ersichtlich. Das Schicksal des getrennt lebenden Ehepaars, das von Herbert Knaup und Karoline Eichhorn verkörpert wird, ist indes von Anfang an lakonischer und ernster gezeichnet. Aber auch hier offenbart sich mehr und mehr eine feine Ironie, die gegen Ende dann hinter dem Elend hervorblitzt.

Wie es bereits Andreas Dresen in Sommer vorm Balkon verstand, aus einer an sich bedrückenden Ausgangssituation am Ende doch noch ein Feel-Good-Movie zu zimmern, gelingt hier auch Bernd Böhlich. In dieser Nuance setzt sich Du bist nicht allein auch von thematisch vergleichbaren Produktionen der so genannten Berliner Schule ab, denn viele der überzeugend auf Authentizität pochenden Regisseure haben noch nicht gemerkt, dass die richtige Prise Humor nicht nur das Publikum ungleich mehr anzusprechen versteht, sondern auch die Glaubwürdigkeit zusätzlich unterstreicht. FB

D 2007. Regie und Buch: Bernd Böhlich. Mit: Axel Prahl, Katharina Thalbach, Katerina Medvedeva, Herbert Knaup, Karoline Eichhorn, Jürgen Holtz, Mathieu Carrière. Neue Visionen. 90 Min. Ab 19. Juli 2007 im Kino.

 

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