
Seit dem Fall der Mauer im Herbst 1989 fehlte es in Deutschland an jenem kollektiven Taumel, den man, so ist das wohl, hin und wieder zur nationalen Selbstbestätigung braucht.
Deutschland, einig Vaterland, dümpelte verdrossen und griesgrämig durch einen schier ewig währenden mentalen November. Und war sich dabei meistenteils so gar nicht einig. Bis – und hier beginnt das Märchen – zu jenem Fußball-WM-Sommer 2006. Kein Regen, dafür Sonne und blauer Himmel! Und die Welt zu Gast bei Freunden. Und diese Freunde waren tatsächlich auch freundlich! Was die Nationalmannschaft zu dieser Freundlichkeit beitrug, ist schwer zu ermessen, aber fürs rauschende Wir-Gefühl war sie nun mal Gradmesser und Projektionsfläche.
Hinter die nun wirft Sönke Wortmann, Regisseur und Fußballfan, einen Blick. Deutschland. Ein Sommermärchen ist eine Innenansicht. Zu sehen: Helden bei der Arbeit. Beim Training und Duschen. Beim Essen und Schlafen. Die Anspannung vor dem Spiel, die Erschöpfung danach. Das Adrenalin, die Euphorie. Sieg und Niederlage. Niemand war so nah dran, so involviert ins Team der Nationalelf wie Wortmann. Es ist zu spüren, dass er ein Akzeptierter war. Locker, entspannt gehen die Gefilmten mit der Kamera um. Man verstellt sich nicht. Man vertraut einander. Gleichzeitig vermag Wortmann nicht, bei allem, was er an Intimem zeigt, seien es nackte Hintern unter der Dusche, oder erschöpfte, angespannte, auch verzweifelte Gesichter, in eine tiefere Schicht vorzudringen.
Wortmanns Blick ist, tatsächlich, ein schwärmerischer. Wer schwärmt, analysiert nicht. So ist Deutschland. Ein Sommermärchen ein melancholischer Rückblick – und eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an den Fußball, eine Liebeserklärung an diese Nationalelf. Ja, und auch eine an Deutschland. SG
D 2006. Regie: Sönke Wortmann. Buch: Ulrich Köhler. Mit: Joachim Löw, Michael Ballack, Jens Lehmann, Miroslav Klose, Torsten Frings, Oliver Kahn, Timo Hildebrand. Kinowelt. ca. 90 Min. Ab 5. Oktober 2006 im Kino.
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