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Control


Manchester 1977: Eine graue, triste Arbeiterstadt, die in Anton Corbijns dreckigem Schwarzweiß noch um einiges trostloser aussieht. Die Schornsteine spucken schwarzen Ruß und die Menschen stehen Schlange beim Arbeitsamt.

Hinter dem Schreibtisch sitzt Ian Curtis (Sam Riley), Anfang zwanzig, ruhig, verschlossen, nachdenklich. Er kommt gerade so über die Runden und umgibt sich bewusst mit Leuten, die es schwerer haben als er. In seiner Freizeit verbringt er die Stunden damit, Gedichte in sein Notizbuch zu schreiben – depressive Texte voller Dunkelheit und Verzweiflung. Seine Freundin Debbie (Samantha Morton) ist sein einziger Halt. In einer verliebten Verrücktheit macht er ihr einen Heiratsantrag. Als ein paar Kumpels einen Sänger für ihre Band suchen, meldet er sich. Die Dinge scheinen endlich aufwärts zu gehen.

Initialzündung war das legendäre Manchester-Konzert der Sex Pistols, das der Sage nach vielen den Weg auf die Bühne geebnet haben soll, darunter den Bandmitgliedern von The Clash und The Smiths. Wenn es ein paar dahergelaufenen Freaks möglich war, dort oben zu stehen, konnte das jeder andere genauso. Ian Curtis ist angesteckt. Unter dem Namen Warsaw probt er mit den anderen einige Stücke, von einem treibenden Bass beherrschte Gitarrenschleifen zu Curtis’ unheilvollem Organ. Der erste Auftritt als Support für The Buzzcocks ist ein Erfolg und spricht sich rum. Rob Gretton (Toby Kebbell), ein lokaler DJ, wird ihr Manager und bringt sie zusammen mit Tony Wilson (Craig Parkinson), der eine bekannte Musiksendung im Fernsehen präsentiert. 1978 unterschreiben sie unter dem Namen Joy Division bei seinem Label Factory Records – mit Wilsons Blut, so will es die Legende. Ihr Aufstieg zur einflussreichsten britischen Band der Siebziger ist nur durch Curtis’ Psyche aufzuhalten. Am 18. Mai 1980 wurde Ian Curtis erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Er wurde 23 Jahre alt.

Der Fotograf und Videoregisseur Anton Corbijn zählt zu den größten seines Fachs. Von ihm lassen sich Stadionbands wie U2 und Depeche Mode regelmäßig die Videos und Cover gestalten, Cameron Diaz und Ewan McGregor inszenierte er völlig unglamourös im Taxi. Die Graustufen zwischen Schwarz und Weiß sind sein Zuhause. Corbijn erzählte mit seinen Bildern schon immer gerne Geschichten. Da war sein Langfilmdebüt nur eine Frage der Zeit. Sein Regiedebüt führt ihn jetzt zurück an die Anfänge seiner Karriere. Ende der Achtziger war es ihm tatsächlich vergönnt, Joy Division abzulichten. Allerdings dauerte die Audienz nur wenige Minuten, viel zu kurz, um die fälschlicherweise viel zitierte Freundschaft zwischen Künstler und Band entstehen zu lassen.

Trotzdem waren es die Hinterbliebenen, die ihm ihr Vertrauen schenkten und ihn mit der Verfilmung von Ian Curtis’ kurzem Lebensweg betrauten. Dabei verweigert sich Corbijn bewusst den Gerüchten und Geschichten um die von ihm portraitierte Band. Als Grundlage für seinen Film diente die Biografie von Deborah Curtis, Ians Frau. Daher ist Ian Curtis so dargestellt, wie sie ihn sah: als liebevolles Genie und egoistischer Mistkerl. Seine Affäre mit der Belgierin Annik Honoré – im Film als wortkarge, naive Schönheit dargestellt von Alexandra Maria Lara – sucht Corbijn ebenso zu verstehen, wie Curtis’ Gründe für den Freitod. Die verbliebenen Bandmitglieder, bis heute erfolgreich als New Order, verschafften zusätzlichen Einblick in seine Biografie und produzierten den Film.

So kann man Corbijn glauben, zumal er seinen viel beachteten Erstling nicht als Rockfilm inszenieren wollte, wie er in einem Interview gestand. Stattdessen war ihm der Mensch hinter dem Mythos wichtiger, das erkennt man in jeder seiner Einstellungen, die kunstvoll arrangierten Fotos gleichen. Daher war Corbijn auch skeptisch, als die Schauspieler ihre Bandeinsätze auf jeden Fall selbst einspielen wollten. Das Ergebnis sind intensive Liveauftritte, grandios im Halbdunkel gefilmt, und Sam Riley, der sich in der Musik und seiner Verkörperung der ekstatischen Bühnenpräsenz Curtis’ verliert. Ein treibender Soundtrack begleitet ihn in Richtung Abgrund und nimmt uns für rund zwei Stunden mit auf den Weg. LT

USA/AUS/J/GB 2007. Regie: Anton Corbijn. Buch: Matt Greenhalgh. Mit: Samantha Morton, Sam Riley, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, James Anthony Pearson, Toby Kebbell, Harry Treadaway. Capelight. 119 Min. Ab 10. Januar 2008 im Kino.

 

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