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Capote


Für die Darstellung kreativer Arbeit auf der großen Leinwand hat der Spielfilm immer wieder gerne auf die Malerei zurückgegriffen, weil er den Alltag etwa von Pollock (Ed Harris, 2002) oder Vermeer (Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 2003) leicht bebildern kann.

Die Beschäftigung von (Dreh-) Buchautoren lässt sich indes schwieriger inszenieren. Ob Barton Fink (Joel Coen, 1991) oder Adaption (Spike Jonze, 2002): Die vermeintliche Auseinandersetzung mit dem Leiden unter einer Schreibblockade geht offen oder unterschwellig am eigentlichen Sujet vorbei und gerät zur Abrechung mit dem „System Hollywood“.

Ganz anders Bennett Millers Spielfilm­debüt Capote, das sich entgegen dem Filmtitel auf die Entstehung von Truman Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“ („In cold blood“, 1966) beschränkt. Der Film beginnt mit der Entdeckung der Mordtat an einer Farmerfamilie in Kansas im November 1959, um dann auf Truman Capote umzuschwenken, der sich nach dem großen Erfolg seines Kurzromans „Frühstück bei Tiffany“ („Break­fast at Tiffany’s”, 1958, von Blake Edwards mit Audrey Hepburn 1961 verfilmt) auf dem Höhepunkt seines Ruhmes befindet, und nun beschließt, über den Fall einen Artikel für den New Yorker zu verfassen.

Basierend auf der von Truman Capote autorisierten Biografie „Capote: A Biography“ (1988) von Gerald Clarke schildert Bennett Miller, wie Truman Capote (Philip Seymour Hoffman) zusammen mit seiner Jugendfreundin Harper Lee (Catherine Keener) an den Ort des Verbrechens reist und die Festnahme der zwei Verdächtigen – Perry Smith (Clifton Collins Jr.) und Richard Hickock (Mark Pellegrino) – miterlebt. Durch Capotes detailversessene Recherchen und vor allem durch die langen Gespräche mit Perry Smith wächst seine Arbeit zu einem Buch aus, das den Reportagestil des Tatsachenromans in seiner Verbindung von Journalismus und Literatur zu einem Glanzpunkt führen wird. Weil er ohne Ende – sprich Hinrichtung der Schuldigen – „Kaltblütig“ auch nicht abschließen kann, wird der Autor selbst an der langanhaltenden Aufgabe und an der Ambivalenz seiner Gefühle zerbrechen.

Die zurückgenommene Farbigkeit und die hinreißenden Landschaftsbilder von Kameramann Adam Kimmel, der ruhige Schnitt, das elegante Szenenbild und das intensive Spiel der unterstützenden Rollen – allen voran einer Catherine Keener in Höchstform – verstärken die Konzentration auf die Hauptfigur.

Philip Seymour Hoffman gestaltet den affektierten Homosexuellen mit Fistelstimme und manierierten Bewegungen auf einer Gratwanderung zwischen Genie und Selbstverliebtheit. In Hoffmans grandioser Interpretation erscheint Capote als brillanter Redner und geistreicher Partylöwe, dessen Egozentrik mit zunehmender Nähe immer deutlicher zum Vorschein kommt. Ein egomanischer Künstler, der für seine eigenen Fans nur Verachtung übrig hat und seiner Vertrauten den Erfolg kaum gönnt. Ein Autor, der die Freundschaft zu Smith missbraucht, um für seinen Roman ein Psychogramm des Verurteilten entwerfen zu können. Capotes Bild des Mörders kann im (etwa bei Rowohlt neu herausgegebenen) Tatsachenroman „Kaltblütig“ nachgelesen werden. Bennett Millers Film bietet hingegen ein Psychogramm Truman Capotes. So unzutreffend ist also der Filmtitel nicht. JG

USA 2005. Regie: Bennett Miller. Buch: Dan Futterman. Mit: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins jr., Chris Cooper, Bruce Greenwood, Bob Balaban. Sony. 114 Min. Ab 2. März 2006 im Kino.