Peter Lilienthal, Jahrgang 1929, dessen deutsch-jüdische Eltern mit ihm 1939 vor den Nationalsozialisten von Berlin nach Uruguay flohen, hat sich bereits mehrfach mit den politischen und sozialen Problemen der mittel- und südamerikanischen Gesellschaften auseinandergesetzt:
'Es herrscht Ruhe im Land' (1977), 'Der Aufstand' (1980) und 'Das Autogramm' (1984) sind mehrfach preisgekrönte Abrechnungen mit verschiedenen Militärdiktaturen Lateinamerikas – wenn auch dokumentarisch anmutend, so doch allesamt Spielfilme.
Im hohen Alter – das man Lilienthal nicht anmerkt – legt der politisch engagierte Regisseur nun seinen ersten „reinen“ Dokumentarfilm vor: Wie schon in seinen früheren Spielfilmen spürt Lilienthal dem komplexen Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Vereinigten und den lateinamerikanischen Staaten nach. Gedreht hat Lilienthal diesmal allerdings überwiegend in den USA. Unmittelbarer Anlass war der Tod des mexikanischstämmigen US-Soldaten Jesus Suarez, der als einer der ersten im Irakkrieg gefallen ist (wie Lilienthal aufzeigt, offenkundig durch so genanntes „friendly fire“) und die Desertion von Camilo Mejía von der Truppe.
Camilo wurde wegen seines Ungehorsams in den USA zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt, erlangte andererseits aber eine Medienbekanntheit, die ihn zu einer wesentlichen Symbolfigur gegen den Irakkrieg werden ließ. Der Film zeigt, wie Camilo in Schulen und Universitäten Jugendliche über sein Schicksal aufklärt und damit vor den offiziellen Verlautbarungen des US-Militärs warnt, das speziell unter jungen Latinos seine obszönen Anwerbungspraktiken anwendet: Gezielt ködern die US-Streitkräfte Migranten mit dem Versprechen, ihre Einbürgerung würde bei einer Rekrutierung schneller erfolgen.
Lilienthal belässt es leider nicht bei dem aufwühlenden Porträt Camilos und seiner Mitstreiter, sondern unternimmt auch noch einen Exkurs nach Nicaragua, um das wirtschaftliche Gefälle zwischen Nord- und Südamerika als Wurzel des gezeigten Übels kenntlich zu machen. Dabei droht sein über weite Strecken konzentriert und aufwühlend wirkender Film zum Ende hin zu zerfasern. Max-Peter Heyne B/D 2007. Regie und Buch: Peter Lilienthal. Mit: Camilo Mejía, Fernando Suárez del Solar, Jennifer Casamássima, Maritza Castillo, Aidan Delgado, Carlos Mejía Godoy. Filmwerkstatt Münster. 85 Min. Ab 24. April 2008 im Kino.
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