
Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“ (Hedy Lamarr) Eine große Schauspielerin war sie nicht. Aber ein großer Kinostar. Einer von jenen, bei denen sich Glamour, Stil, scharfe Intelligenz und Schönheit zusammenfügten, um das mangelnde mimische Talent dahinter erfolgreich vergessen zu lassen. Bei ihr reichte ein Augenaufschlag, eine träge Handbewegung und der Kinosaal war hypnotisiert.
Doch auch Starruhm hat seine Verfallszeit. Und die geht, wie so oft, Hand in Hand mit dem Verlust der Jugend einher. „Wissen Sie wer Hedy Lamarr ist?“ fragt der Mann im Hawaiihemd die Passanten. Die halten kurz inne, zucken die Schultern, verneinen. Der Mann im Hawaiihemd zeigt auf den Boden – nicht auf irgendeinen Boden, sondern auf den Boden des Walk of Fame in Hollywood. Dort nämlich hat auch sie ihren Stern: Hedy Lamarr (1913-2000). Hollywoodstar, kapriziöse Diva, geniale Erfinderin. Die Schauspielerin, die als erste Nackte der Filmgeschichte in diese einging.
Hedy Lamarr, einst als die „schönste Frau der Welt“ angebetet, ist heute eine fast Vergessene. Der Mann im Hawaiihemd ist ihr Sohn. Der heißt Anthony Loder und ist Telefonverkäufer. Ein Beruf wie ein Menetekel, hatte doch Hedy seit ihrem Rückzug von Filmgeschäft und öffentlichem Leben, alternd und vereinsamt, fast nur noch telefonisch mit ihrer Umwelt kommuniziert. So wurde sie zum Phantom, zu einem fernen, ungreifbaren Schemen.
Calling Hedy Lamarr ist ein wunderbar vielschichtiger Filmessay, über die Annäherung eines Sohnes an seine ihm ein Leben lang fremde Mutter. Es ist der Versuch, eine Person greifbar zu machen, die hinter ihrem Mythos verschwand. Der Versuch, einem Phantom Konturen zu geben. Mit dem Vorsatz, über dieses Phantom einen Spielfilm drehen zu wollen, macht Sohn Anthony sich auf Material- und Spurensuche. Der österreichische Regisseur und Autor Georg Misch begleitete ihn bei dieser. Zu Beginn gibt es Satz- und Bildfetzen.
Szenen aus Lamarr-Filmen mischen sich mit den Statements Anthonys und seiner Schwester. Alte Freunde und Kollegen umreißen, oft mit völlig gegensätzlichen Einschätzungen, wer und wie Hedy Lamarr wirklich gewesen sein soll – und das alles am Telefon. Ein schöner dramaturgischer Einfall, nicht nur, weil es eine witzige Referenz an Lamarrs Telefonierleidenschaft ist, sondern weil der Film so eine Brücke zwischen Dokumentation und Inszenierung schlägt. Sich auf eine Ebene hebt, die der Wahrheitssuche ebenso verpflichtet ist wie der Imagination. So wählt in einer Szene Anthony die Nummer seiner Mutter, und nach einem Schnitt sieht man diese in einem ihrer alten Filme – schweigend, den Telefonhörer in der Hand.
Es sind diese einfachen, effektvollen Momente, in denen Calling Hedy Lamarr sich traumwandlerisch im Grenzland zwischen Dokument und Inszenierung bewegt. Das ist raffiniert montiert, mit einer Tonspur, in der sich die Stimmen überlappen, aneinander reiben. Und widersprechen. Die Wahrheit ist nur eine Frage der Interpretation. Und daran ändern auch die objektiven, biografischen Fakten nichts, die Misch nach und nach in seinen Film einflicht: Lamarrs Geburt als Hedwig Eva Maria Kiesler in Wien. Erste Theater- und Filmrollen. Dann der Karriereeinschnitt 1933 mit dem skandalträchtigen Nacktauftritt in Ekstase. Damals ein Novum, das über Nacht den Weltruhm brachte. 1937 die Emigration nach Amerika, wo Filmmogul Louis B. Mayer sie unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr unter Vertrag nahm.
Es folgten Filme – der bekannteste: Cecil B. DeMilles Bibelschmachter Samson und Delilah (1949) – Ehen und Affären. Und ihre Arbeit als Erfinderin: Hedy Lamarr entwickelte unter anderem eine Funkfernsteuerung für Torpedos. All diese Fakten fügen sich zum Porträt einer außergewöhnlichen Frau. Vor diesem steht Sohn Anthony wie vor einem Puzzle, das bunt und schillernd, aber immer noch rätselhaft ist. Der letzte Stein, der alles fügt – er findet sich nicht. Genau das ist Anthonys Drama. Das Drama, von dem Calling Hedy Lamarr erzählt. Letztlich ist es wie beim Betrachten von Hedys Gesicht: Es ist so makellos schön, dass man nichts darin lesen, aber alles darauf projizieren kann. SG D/A/GB 2004. Buch und Regie: Georg Misch. Mit: Hedy Lamarr, Anthony Loder, Edie Stansel, Denise Loder-DeLuca, Charles Stansel. GMfilms. 71 Min. Ab 12. Juli 2007 im Kino.
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