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Das Bourne Ultimatum


Wer ist Jason Bourne? Zum dritten Mal macht sich in diesem Monat der Mann ohne Gedächtnis auf die Suche nach sich selbst. Nach Vergangenheit. Nach Identität. Bourne symbolisiert damit ein ganzes Filmgenre: Den Actionfilm, der zwar gelegentlich Reißer wie zuletzt Shooter auswirft, denen es aber an Charakteren und Seele, sprich an ausreichend Kultpotenzial für etwaige Fortsetzungen mangelt.

Dafür nimmt Hollywood momentan (durchaus gelungen) Vorlieb mit etablierten Dinosauriern wie Bruce Willis alias John McClane. Auf die Frage, warum er das mache, bringt es McClane in Stirb langsam 4.0 dann auch auf den Punkt: „Weil es sonst keiner macht.“ Abgesehen von der nicht abreißenden Welle an Comic-Verfilmungen und etablierten Agentenserien, bietet die Traumfabrik in der jüngsten Vergangenheit schlicht keine Actionstoffe, die den Fan einer Fortsetzung entgegenfiebern lassen. Dem Actiongenre fehlt es an Legenden, an neuen Typen.

Jason Bourne bildet die Ausnahme. Er ist die erste Action-Legende des neuen Jahrtausends, auch wenn er eigentlich kein besonderer Typ ist: Er ist humorlos, vergießt keine Tränen, entbehrt des Zynismus alter und der Emotionen neuerer Actionhelden. Bourne definiert sich sogar eher durch das, was er nicht ist bzw. nicht mehr ist. Die Bourne-Formel lautet: Je weniger Identität, desto mehr Identifikationspotenzial. Daher fiebert der Fan nun auch zum dritten Mal mit, wenn Bourne wie ein Dr. Kimble mit Kampfausbildung die Wahrheit ans Licht holt.

Regisseur Paul Greengrass (Die Bourne Verschwörung, Flug 93) verfolgt das ästhetische Konzept der Vorgänger, gönnt der Kamera kein Stativ und folgt Bourne geradewegs durch die Szenerien. Ob durch die Waterloo Station in London oder über den Dächern von Tanger: Bourne dirigiert seine Verbündeten, manipuliert seine Verfolger und überlistet den Überwachungsstaat, dass Orwell seine Freude haben würde.

Inhaltlich bleibt Das Bourne Ultimatum überschaubar: Das CIA-Sorgenkind enthüllt nun doch noch den MacGuffin, der die Vorgänger nährte, während die Geheimorganisation dabei wieder gleichermaßen Freund (Joan Allen) und Feind (David Strathairn) beherbergt. Spannung entwächst hier noch mehr als zuvor dem Tempo, das John Powells Soundtrack wieder mit Streicherstakkati pusht.

Haarsträubende, nicht enden wollende Verfolgungsjagden, in denen Bourne in Menschenmassen Katz und Maus spielt oder im Irrgarten ganzer Stadtteile ums Leben rennt, setzen neue Standards. Die Nahkampfszenen sind gewohnt unmittelbar und verzichten ebenso auf (sichtbaren) Computerschnickschnack wie die blechlastigen Autoverfolgungsjagden. Ein tolles, straff geschnürtes Actionpaket, kompromisslos, aber ohne unnötige Härten, in dem einzig der Gastauftritt von Daniel Brühl schon beinahe unverschämt überflüssig aufstößt. Bleibt die Frage: Was kommt nach Bourne? Der falsche Mann am falschen Ort hält sich noch recht wacker, der Rest ist inzwischen schlicht „zu alt für diese Scheiße“, und einem etwaigen Mad Max IV schaut der Fan eher mit angsterfüllter Skepsis entgegen.

Regisseure wie Richard Donner und John McTiernan schufen in den späten 80ern Kult, Konstanten und Zitate. Vor allem aber füllten sie ihre vorzugsweise männlichen Helden mit Seele, befreiten sie von der emotionslosen Coolness, die zuvor bei Charles Bronson oder Eastwoods Dirty Harry Programm war und damit dereinst noch erfolgreich in Serie ging.

Letzten Endes ist auch Bourne ein Kind der 80er – Autor Robert Ludlum kreierte bereits damals die literarische Vorlage. Im Bourne Ultimatum erfährt Jason Bourne schließlich, dass er selbst einmal ein Dirty Harry war, ein Shooter, ein dickhäutiger Patriot. Solcherlei Altlasten hat Hollywood nun weitgehend ebenso abgelegt wie Jason Bourne, der – äußerst geglückt – als eine Art Übergangsactionheld fungiert. Es ist kein ausgeklügelter Charakter, der Bourne funktionieren lässt. Bourne benötigt keine Identität, denn er sucht sie. So wie Hollywood seinen nächsten Actionhelden. Hoffentlich. Und hoffentlich bald. HE

USA 2007 (The Bourne Ultimatum) Regie: Paul Greengrass. Buch: Tony Gilroy, Scott Z. Burns, George Nolfi. Mit: Matt Damon, Julia Stiles, Joan Allen, David Strathairn, Paddy Considine, Sir Albert Finney, Daniel Brühl. Universal. 111 Min. Ab 6. September 2007 im Kino.

 

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