
In den späten 60er Jahren herrschten in den USA bürgerkriegsähnliche Zustände. Der Vietnamkrieg brachte einen Großteil der Bevölkerung gegen die Regierung auf, Protestbewegungen von Frauen, Farbigen oder Homosexuellen waren allgegenwärtig, politisch motivierte Attentate standen schon fast auf der Tagesordnung.
Martin Luther King war aufgrund seiner politischen Überzeugungen Opfer eines kaltblütigen Mordes geworden, als sich Senator Robert F. Kennedy, der Bruder des ebenfalls getöteten US-Präsidenten John F. Kennedy anschickte, die Wahl zum neuen Staatsoberhaupt der Amerikaner zu gewinnen. Am 5. Juni 1968 wird RFK nach einer umjubelten Rede im Ambassador Hotel in Los Angeles ebenfalls Opfer eines Attentates. Einen Tag später wird er seinen schweren Verletzungen erliegen.
Emilio Estevez hat diese bewegte Zeit der US-Historie als Rahmen für einen Ensemblefilm gewählt, der an diesem denkwürdigen 5. Juni angesiedelt ist und die Schicksale von knapp zwei Dutzend Menschen schildert, die sich an jenem Tag in dem Nobelhotel aufgehalten hatten.
Das Soziogramm jener Tage wird festgemacht an den Erlebnissen des Hotelmanagers (William H. Macy), der seine abgekühlte Ehe durch die Affäre mit einer Angestellten (Heather Graham) zu verdrängen sucht, des Küchenchefs Timmons (Christian Slater), der nach oben buckelt und nach unten tritt. Das bekommen vor allem die vielen illegalen Latino-Küchenarbeiter zu spüren, die zum Besuch des Senators zu Sonder-Doppelschichten verdonnert werden.
Ein feines Ehepaar aus Manhattan (Martin Sheen und Helen Hunt) möchte seinem Politidol im Moment des Triumphs möglichst nahe sein und plagt sich mit High-Society-Problemchen. Zwei engagierte Wahlkampfhelfer machen indes erste psychedelische Erfahrungen auf Acid, während in der Empfangshalle des Hotels der jüngst pensionierte Portier (Anthony Hopkins) verzweifelt versucht, der neuen Leere in seinem Leben mit Schachspielen und Philosophieren zu entkommen.
Es muss dem Zuschauer natürlich klar sein, dass Emilio Estevez in seiner ersten Kinoregiearbeit seit 10 Jahren nicht beabsichtigt, ein repräsentatives Porträt der US-Gesellschaft des Jahres 1968 zu zeichnen. Auch wenn man Einblicke in die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen unter den Immigranten gewährt bekommt, sind die meisten anderen Personen des Edel-Hotels eher der gehobeneren Gesellschaftsschicht zuzuordnen. Das Leben auf der Straße wird größtenteils ausgeblendet, wird aber in den immer wieder eingeflochtenen Archivaufnahmen mit Robert Kennedy zumindest angedeutet. Die politische Dimension des Films ist demzufolge zweitrangiger, als es der Titel Bobby vermuten lassen könnte. Estevez geht es wohl in erster Linie um die inszenatorische Verknüpfung der ganzen Einzelschicksale, was dem auf dem Regiestuhl noch relativ unerfahrenen Schauspieler durchweg erstaunlich gut gelingt. Dass er darüber hinaus zwischen den Zeilen auch Fragen zum Vietnamkrieg, zu Rassismus und zur Vereinsamung anzusprechen versteht, hebt seinen Unterhaltungsfilm dann partiell über bloßes Entertainment hinaus. Seine stargespickte Darstellerriege hat er jedenfalls durchgehend im Griff, keiner von ihnen kann sich unvorteilhaft in den Vordergrund spielen. FB
USA 2006. Regie und Buch: Emilio Estevez. Mit: William H. Macy, Martin Sheen, Sir Anthony Hopkins, Joshua Jackson, Harry Belafonte, Sharon Stone, Helen Hunt, Elijah Wood, Ashton Kutcher, Laurence Fishburne, Heather Graham, Lindsay Lohan. Kinowelt. 117 Min. Ab 8. März 2007 im Kino.
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