
Schon immer recht zwiespältig waren die Reaktionen auf das Kino des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven. Wurden seine frühen, noch in Holland entstandenen Filme vor allem wegen ihrer sexuellen Freizügigkeit geschmäht, stießen die späteren Hollywoodproduktionen vorzugsweise wegen ihrer potenziell Gewalt verherrlichenden Komponente in Kritikerkreisen regelmäßig auf Befremdnis.
Dennoch gilt Verhoeven heute als der wichtigste niederländische Regisseur der 70er Jahre und schrieb mit RoboCop, Total Recall, Basic Instinct und Starship Troopers fleißig mit an der amerikanischen Blockbuster-Filmgeschichte. Mit Black Book legt er nun in einem Europa-Comeback einen Weltkriegsthriller vor, der handwerkliche Perfektion mit einer spannenden Geschichte zu einem höchst soliden Spätwerk im gehobenen Standard verbindet.
Das sichere Versteck der jüdischen Sängerin Rachel Stein im von den Nazis besetzten Holland wird von einer Fliegerbombe zerstört. Ihr Versuch, mit der Hilfe von Schleusern aus dem Widerstand über die Besatzungsgrenze in den befreiten Süden zu gelangen, misslingt, und Rachel überlebt als einzige den Kugelhagel der SS. Von Rachegefühlen getrieben, ist sie nun bereit zum aktiven Kampf gegen die Besatzer, wenn nötig auch mit vollem Körpereinsatz. Der wird ihr auch abverlangt, denn durch Zufall bekommt sie Zugang zur Höhle des Löwen – und soll als Geliebte und Sekretärin des charmanten Nazi-Offiziers Müntze (Sebastian Koch) wichtige strategische Informationen an den Widerstand übermitteln. Für die lebenshungrige Rachel beginnt ein Spiel mit dem Feuer, das immer gefährlicher wird, weil es in den eigenen Reihen einen Verräter zu geben scheint.
Die nahe liegende Befürchtung, in diesem Kontext einen weiteren Aufguss der gängigen „pfiffige Patrioten gegen tumbe Nazis“-Nummer geboten zu bekommen, werden allerdings aufs Trefflichste enttäuscht. Das verhindern vor allem die vielen unvorhersehbaren Drehbuchwendungen, die dem Verwirrspiel um die Frage, wer hier wirklich wem den entscheidenden Schritt voraus ist, die nötige Würze verleihen.
Nach klassischem Hollywoodmuster wird der historische Rahmen hier nur eher beiläufig verhandelt. Aber gerade deshalb funktioniert er auch sehr viel universeller als Projektionsfläche für menschliche Abgründe in einer durch den Krieg vollkommen verrohten Gesellschaft. Die moralische Verwahrlosung etwa bricht sich in der Apokalypse der Verlierer ebenso Bahn wie in der Euphorie der Sieger – was dem Regisseur in seiner Heimat natürlich nicht nur Beifall einbrachte.
Getragen wird Black Book zweifelsohne von seiner Hauptdarstellerin Carice van Houten, die von der Kamera auch kaum einen Moment aus dem Auge gelassen wird. Mit ihrem unbekümmerten Charme, der sich weder dem gängigen Opferbild, noch dem einer mit allen Wassern gewaschenen Mata Hari fügen will, trägt sie die Handlung höchst eigenwillig über durchweg kurzweilige 145 Minuten, ohne den Zuschauer mit ihrer Omnipräsenz je zu übersättigen.
Gestützt von einem hervorragend besetzten deutsch-holländischen Schauspielerensemble, das auch in einem so opulent ausgestatteten Rahmen entsprechende Güteklasse beweisen kann, wird ihre Rachel so zum Epizentrum, um das sich die vielen kleinen Geschichten über Liebe und Hass, Tod und Verrat, Sex und Gewalt zu einem höchst temporeichen Ganzen verbinden. Auch mit fast 70 Jahren kann Verhoeven offensichtlich nicht wirklich raus aus seiner Haut. AW
NL/GB/D/B 2006 (Zwartboek) Regie und Buch: Paul Verhoeven. Buch: Gerard Soeteman. Mit: Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn, Waldemar Kobus, Derek de Lint, Christian Berkel. NFP. 145 Min. Ab 10. Mai 2007 im Kino.
> Offizielle Filmseite (Deutschland)
> Offizielle Filmseite (International) |
|