Irm stand immer im Schatten ihrer jung verstorbenen Schwester. Ihre bettlägerige Mutter, die Irm aufopferungsvoll pflegt, lässt sie das auch ohne Worte immer wieder spüren. Als Kompensation imitiert die junge Frau am Telefon kleine Mädchen, nach Aufmerksamkeit und Zuneigung heischend.
Ein kleines, intensives Werk ist Felix Randaus ('Northern Star') zweiter Langspielfilm geworden. Schon in der ersten Sequenz sehen wir Irm mit „Kleiner Mädchen“-Stimme telefonieren und ihre Gesprächspartnerin an der Nase herumführen. Die Zweitidentitäten lässt die junge Frau stets aufs Neue den Kindstod sterben, meist ist es Leukämie, die Krankheit, an der einst auch ihre Schwester verstarb. Wenn sich die Telefonbekanntschaften dann zu den fiktiven Beisetzungen einfinden und damit ihre Verbundenheit ausdrücken, hat Irm ihr Ziel erreicht.
Mit Sina, einer Frau am anderen Ende der Leitung, entwickelt es sich dann jedoch anders. Sina muss selbst einen Schicksalsschlag einstecken und sucht in Folge die Nähe zu Irm, die sich Sina gegenüber als „Eleonore“ ausgibt. Trotz des vorgeschobenen Todes von „Eleonores“ Tochter verliert Sina nicht das Interesse und möchte Irm als Freundin behalten…
Felix Randau macht es seinen Zuschauern nicht gerade einfach. Seine Protagonistin kann einem schon schnell unendlich Leid tun. Selbstlos kümmert sie sich um ihre schwerkranke Mutter, steckt private Dinge stets zurück und wirkt in ihren schizophrenen Verzweiflungstaten am Telefon unendlich einsam. Aber gerade durch diese Anrufe wirkt sie auch unsympathisch, falsch und berechnend. Wenn sie sich am Anblick der trauernden Telefonbekanntschaften auf dem Friedhof weidet, fliegen ihr nicht gerade die Herzen des Publikums zu. Es fällt nicht eben leicht, hinter die Maske der jungen Frau zu blicken und Verständnis für ihr Handeln aufzubringen.
'Die Anruferin' erfordert diesbezüglich eine hohe Bereitschaft, sich auf die verquere Protagonistin einzulassen. Diese wird übrigens mit faszinierender Wandlungsfähigkeit von der jungen Nachwuchsschauspielerin Valerie Koch ('Sie haben Knut') gespielt. Ihr Talent, sich in die verschiedenen Facetten einer in sich gespaltenen Persönlichkeit hineinzuversetzen, trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass einem der Film trotz seines verstörenden Gesamteindrucks im Nachhinein als durchaus gelungen in Erinnerung bleibt. Thomas Steffens D 2007. Regie: Felix Randau. Buch: Vera Kissel. Mit: Valerie Koch, Esther Schweins, Franziska Ponitz, Stefanie Mühlhan, Ivan Shvedoff, Marita Breuer. NFP. 84 Min. Ab 20. März 2008 im Kino.
> FILMSTART-Forum: Kino Aktuell
|