
Töte das Baby sofort, warte nicht bis morgen, sonst kannst du es nicht mehr.“ Entsetzt belauscht Mouna den grausamen Wortwechsel zwischen dem Dorfältesten und ihrem Ehemann Rahne. Schnell verbirgt sie das Neugeborene, leider ein Mädchen, unter den bunten Stoffbahnen ihres Kleides und flieht in die Berge, während ihre beide Söhne unbehelligt vor der windschiefen Hütte spielen. Mit dem ersten Sonnenstrahl ist sie wieder da, erschöpft und verstaubt. Rahne schlägt Mouna, so dass sie blutet, dann aber küsst er sie liebevoll und gibt seiner Tochter einen Namen: Shasha.
Die Filmemacherin Marion Hänsel, bekannt für ihren Oscar-prämierten Film No Man’s Land, zeichnet anhand des Lebens der ungewollten Shasha exemplarisch ein beliebiges Menschenschicksal auf dem afrikanischen Kontinent nach. Vorlage war der Roman „Chamelle“ von Marc Durin-Valois. Hänsel verliebte sich sofort in das Buch über die tragische Geschichte von Rahne und seiner Familie, die wie Millionen anderer Menschen nur wenig oder gar keinen Zugang zu Wasser haben. Shasha ist etwa zehn Jahre alt, als genau dieser Fall eintritt. Der Brunnen ist endgültig ausgetrocknet und die Dorfbewohner müssen fort und nach Wasser suchen. Während der größte Teil des Dorfes nach Süden zieht, setzt Dorflehrer Rahne todesmutig auf die Ostroute, die zwar durch Kriegsgebiet führt, an deren Ende aber kühle Seen locken. Und so macht sich die fünfköpfige Familie fast allein auf den Weg, nur begleitet von einer weiteren Familie und ihrem einzigen Besitz: einer Ziegenherde und dem Dromedar Chamelle. Natürlich bleiben sie nicht unbehelligt: Korrupte Soldaten, zugedröhnte Rebellen, grausame Kindersoldaten, verminte Straßen oder einfach die gnadenlose Trockenheit der Wüste werden ihren Tribut fordern.
Als der Wind den Sand berührte ist ein packendes Roadmovie im afrikanischen Stil. Vor der atemberaubenden Naturkulisse folgt die Kamera den Flüchtlingen mit Distanz und ruhigen Schwenks. Besonders ausdruckstark sind die uferlosen Totalen, in denen sich die Protagonisten geradezu verlieren. Der Rhythmus des Films ist langsam, quälend langsam zuweilen, wenn die Wanderung kein Ende nehmen will. Die Regisseurin Marion Hänsel wollte, dass der Zuschauer fühlt, wie schwer es ist zu laufen, weiter zu kommen. Er sollte die fortschreitende Erschöpfung in sich selbst wahrnehmen. Und das funktioniert auch. Vorher eingelullt in das gemächliche Tempo, wirken die urplötzlich auftauchenden Bilder von Gefahr und Gewalt umso echter und erschreckender. Sie zerreissen die Szene regelrecht, da der Filmschnitt an diesen Stellen richtig hektisch wird. Aber schnell findet die Geschichte wieder zurück in ihr gemächliches Tempo. Auf diese Weise empfindet der Zuschauer die Wucht des Elends um ein Vielfaches mehr, denn die Nebensächlichkeit des Sterbens macht es zum quälenden Höhepunkt.
Der für diesen Film adaptierte Roman „Chamelle“ gewann den „Prix de la Francophonie“ – einer der Gründe, warum Marion Hänsel Als der Wind des Sand berührte auf französisch drehte. Auch für Deutschland wird er nicht synchronisiert, sondern im französischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt. Das ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, passt aber, da die Geschichte dadurch nur echter wirkt. Passend ist auch die Filmmusik von René-Marc Bini. Er machte sich die Mühe, am Drehort, dem Wüstenstaat Djibuti, seine Inspiration zu suchen und die lokale Musik zu „schmecken“. Heraus kam ein äußerst gelungener und farbenprächtiger Soundtrack voll schwermütigem französischem Flair.
Erwähnenswert auch die direkt am Drehort Djibuti gecastete Darstellerin der Shasha. Asma Nouman Aden wurde aus Hunderten von Kindern ausgewählt und trägt den Film mit einer verschmitzten Sorglosigkeit, die wohl nur Kinder oder Laiendarsteller so natürlich hinbekommen. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Film, da er mit nüchterner Distanz ein emotionsgeladenes und todernstes Thema behandelt, ohne jemals seine Leichtigkeit zu verlieren. Und gerade diese schnörkellose Würde macht den Film zu dem, was er ist: ein tief berührendes Zeugnis vom Leid der Menschen eines ganzen Kontinents. JvG
B/F/D 2006 (Si le vent soulève les sables) Regie und Buch: Marion Hänsel. Mit: Issaka Sawadogo, Carole Karemera, Asma Nouman Aden, Saïd Abdallah Mohamed, Ahmed Ibrahim Mohamed, Emile Abossolo M’Bo, Marco Prince. (O.m.U.) Kinowelt. 96 Min. Ab 26. Juli 2007 im Kino.
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