4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist die erste Episode zur geplanten und recht zynisch titulierten Reihe „Geschichten aus Goldenen Zeiten“, in der sich Filmemacher der Ceauşescu-Diktatur in Rumänien (1967-1989) annehmen.
Der Schwerpunkt soll dabei auf den gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Auswirkungen der Politik liegen. Regisseur Cristian Mungiu erzählt, zumindest vordergründig, von einer heimlichen Abtreibung. Abtreibungen wurden in Rumänien 1966 aufgrund eines neu eingeführten Gesetzes zur Förderung von Kinderreichtum verboten. Regisseur Mungiu selbst entstammt dieser kinderreichen Zeit. Seine albtraumhafte Inszenierung, mit der er zwei Studentinnen einen Tag lang folgt, gewann in diesem Jahr die Goldenen Palme in Cannes.
Dabei ist es vielmehr ein Alb-Trauma als ein Alb-Traum, denn die Inszenierung, die auf einer wahren Begebenheit beruht, fesselt mit ihrer realistischen Darstellung. Mungiu erzählt von Gabita (Laura Vasiliu), die im fünften Monat schwanger ist und damit den Abbruch bereits viel zu lang vor sich her geschoben hat. Die Studentin wohnt mit ihrer Zimmergenossin Otilia (Anamaria Marinca) in einem Studentenwohnheim, in dem Zigaretten und Kosmetikartikel vercheckt werden – und wo man Tipps für heimliche Abtreibungen bekommt.
Für ihre verschüchterte Kommilitonin kümmert sich die ungleich toughere Otilia am Tag der Abtreibung um ein Hotelzimmer und arrangiert das Treffen mit Mr. Bebe (Vlad Ivanov), dem Engelmacher. Otilias Schlagfertigkeit hilft über unangenehme Fragen von Hotelbediensteten und Mr. Bebe selbst hinweg. Außerdem muss Otilia ihren Freund Adi (Alexandru Potocean) vertrösten, der auf ihr Erscheinen zum Geburtstag seiner Mutter drängt. Schließlich finden sich die Beteiligten im Hotelzimmer ein. Mr. Bebe scheint in Ordnung, geht die Sache pragmatisch an und erklärt in ruhigem Ton die Vorgehensweise. Das Blatt wendet sich, als seine Vorgaben die finanziellen Forderungen übersteigen: Der Familienvater erwartet sexuelle Gegenleistungen.
Mungiu erzählt vom Alltag in der Diktatur, von einer Abtreibung, vor allem aber erzählt der Regisseur von Otilia, der Freundin der Schwangeren: Er folgt ihr durchs Studentenheim, ins Hotel, zur Wohnung der Eltern ihres Freundes. Der Zuschauer wird nicht geschont, und dabei erscheint die recht sterile Abtreibung noch harmlos im Vergleich zu dem, was Anamaria Marinca als Otilia durchmacht. Zwar findet Mungiu anfangs noch heitere Momente im tristen Alltag, wenn er Solidarität unter den Studentinnen und der Verliebtheit von Otilia und Adi Raum schenkt. Dann entrückt er den Beziehungen zunehmend den Boden und deckt deren Oberflächlichkeit auf. Während Adi aus egoistischen Gründen wenig Verständnis für die Situation zeigt, zieht sich Gabita in ihre Opferrolle zurück und lässt Otilia wiederholt auflaufen. So wächst Mungius Film zu einem cineastischen Entwurf über das Schwinden von Liebe, Freundschaft und Solidarität unter einer menschenverachtenden Diktatur.
Die Bildsprache, die Mungiu dafür findet, ist beeindruckend: Verdichtet auf einen kurzen Zeitrahmen zeigen unerträglich lange, unbewegte Bilder Otilia inmitten feiernder Geburtstaggäste und wechseln ab mit hektischen Steadycam-Verfolgungen, die verzweifelte Spaziergänge der verlorenen Protagonistin durch nachtschwarze Wohngebiete bebildern. Nimmermüde wird Otilia vorangetrieben, findet keine Pausen. Das Trauma steht ihr ins Gesicht geschrieben und überträgt sich auf den Zuschauer, der sich dem Treiben, das Mungiu ohne Effekte und Musik einfängt, nicht entziehen kann.
Das ist mitnichten Gute-Laune-Kino. Kino ist in diesem Fall der Blick durchs Fernglas via Raum und Zeit, in die nahe Vergangenheit eines nahen Landes. Die Bildgestaltung ist dabei nur vermeintlich unspektakulär, ist authentisch, nicht bloß dokumentarisch. Denn Mungius schlichte Bilder sind wohl inszeniert, arrangiert und voller Kraft. Das ist Kino, das ernüchtert, aber filmisch ebenso begeistert wie durch seine Darsteller, allen voran Anamaria Marinca. HE
RUM 2007 (4 luni, 3 saptamini si 2 zile) Regie und Buch: Cristian Mungiu. Mit: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov, Alex Potocean, Luminita Gheorghiu, Adi Carauleanu. Concorde. 113 Min. Ab 22. November im Kino. Ab 22. November 2007 im Kino.
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