Home

 

49. Nordische Filmtage Lübeck

Unser Autor vor Ort berichtet vom Filmfest.

Diese Webseite wird während des Festivals (17. bis 21. Oktober 2007) mehrmals aktualisiert.

Schauen Sie also gern öfter mal vorbei!



Mittwoch, 31. Oktober 2007

Schaufenster des skandinavischen Films
Nordische Filmtage Lübeck eröffnet.

Viel von oder über Lars von Trier bietet das diesjährige Schaufenster des vielfältigen skandinavischen und baltischen Filmschaffens, die Nordischen Filmtage Lübeck.

Gleich vor dem Eröffnungsfilm gab es für die zahlreichen Ehrengäste und Festivalfans eine kleine Kostprobe von der Exzentrik des dänischen Regisseurs Lars von Trier: Der Kurzfilm Occupations besteht nur aus einer einzigen kurzen Szene, die zeigt wie von Trier inmitten einer Schar von Premierengästen der Aufführung seines eigenen Meisterwerkes Dogville beiwohnt. Neben ihm sitzt ein sehr aufdringlicher Mann, der sich als ehemaliger Kritiker zu erkennen gibt, der inzwischen erfolgreicher Businessman geworden sei. Die ständige, störende Protzerei stört den Regisseur schließlich so sehr, dass er auf die Frage, was er denn so mache, antwortet: „I kill“ und seinem Sitznachbarn in bester Splattermanier mit einer Axt den Schädel spaltet.


Kurz und deftig: Occupations von Lars von Trier

Die filmische Rache des Regisseurs an störenden Kinobesuchern, Kritikern und Neureichen fällt so irritierend derb, selbstbezogen und direkt (um das Wort platt zu vermeiden) aus, dass man vermuten darf, Lars von Trier hat angesichts der Kürze keinen Bedarf für subtile Ironie gesehen. Festivalchefin Linde Fröhlich warnte zwar vorab, man wisse ja nie, wer im Kino neben einem sitze. Aber im Allgemeinen sind die Lübecker Festivalfans und Fachbesucher ein hanseatisch diszipliniertes, dabei aber sehr aufgeschlossenes und neugieriges Publikum.

Selbst am Morgen sind viele der Vorstellungen nahezu ausverkauft, die Atmosphäre im Mutterhaus des Cinestar-Konzerns (Stadthalle Lübeck) ist meist ebenso quirlig wie locker-familiär, so wie es die meisten Gäste aus dem Norden Europas und viele Stammgäste von Deutschlands drittältestem Festival schätzen.

Der 49. Jahrgang bietet rund 140 Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus den skandinavischen Ländern, Finnland, aber auch dem Baltikum (meist Koproduktionen Deutschlands mit Firmen aus Litauen und Estland) sowie aktuelle Produktionen, die in Schleswig-Holstein entstanden sind oder bei denen die kürzlich zusammengelegte Filmförderung Schleswig-Holsteins und Hamburgs bzw. der NDR die Finger im Spiel hat („Filmforum S-H“).

Das im Gegensatz zu anderen Festivals trotz der relativen Fülle des Angebotes noch übersichtliche und begreifbare Programm wird in diesem Jahr erstmals von zwei Frauen – Linde Fröhlich und Angela Buske – geleitet. Eine Art Offensivstrategie, nachdem Festivalchefin Fröhlich in den letzten Jahren zunehmend unter Druck der für Kultur verantwortlichen Lokalpolitik geraten war, doch bitte mehr für die „Außenwirkung“ des Filmfestes zu tun, anstatt dem interessierten, treuen (und sich steigernden) Publikum „nur“ sehenswerte Filme zu zeigen.

Marian Saastad Ottesen (Darstellerin aus dem Eröffnungsfilm Gekrallt) mit Linde Fröhlich (Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage).

Da Fröhlichs Kompetenz in der Fachwelt außer Frage stand (und steht) wuchs sich das Gerangel um mehr Schlagzeilen und Bilder in der überregionalen Berichterstattung zu einer jener unappetitlichen Provinzpossen aus, die der Veranstaltung eher schaden als nutzen. Denn kaum ein anderes deutsches Festival kann auf eine so große Tradition und ein so klares programmatisches Profil verweisen wie das Lübecker. Der Intrigantenstadel scheint nun vorläufig beigelegt, da die Hansestadt, die Filmförderinstitutionen und einige Sponsoren seit letztem Jahr zusätzlich eine pompöse Filmpreisgala für die „happy few“ der Branche veranstalten, bei denen die Normalos draußen bleiben müssen, die für das Gelingen des Festivals durch Kinobesuche beitragen. Schaden kann so eine Feier freilich nicht, doch ein fader Nachgeschmack angesichts des überflüssigen Streits um mehr Glamour, den dieses Festival noch nie wirklich nötig hatte, bleibt. MPH

 

> FILMSTART-Forum: Themen und Termine

> Offizielle Webseite

 

Donnerstag, 1. November 2007

Es darf gelacht (und geweint) werden
Ebenso originell und anregend wie die klassischen „feel-bad-movies“ sind auch die Komödien.

Festivalchefin Linde Fröhlich hatte schon zur Eröffnung angekündigt, dass es in diesem Jahr neben den berühmt-berüchtigten „feel-bad-movies“ auch Heiteres aus Skandinavien zu sehen werden gibt. Doch auch wenn sie Komödien oder Tragikomödien drehen, frönen unsere nordischen Nachbarn ihrem unverkennbaren Hang zum Schrägen, Deftigen und Provokanten, der auf den Nordischen Filmtagen so auf- und anregend wirkt. Von der eher liebenswert-schrulligen Art war der nach einem norwegischen Theaterstück inszenierte Eröffnungsfilm Tatt av kvinnen / Gone with the Woman / Gekrallt von Petter Naess, der durch seine Komödie um den Sonderling Elling berühmt wurde.

Die Hauptfigur in Gekrallt (gespielt vom Norweger Trond Fausa Auvrag, der zurzeit in Anderland in einigen deutschen Kinos zu sehen ist) ist zwar nicht ganz so ein Kauz wie Elling, aber auch sehr eigen. Die Begegnung mit der attraktiven, temperamentvollen Marian (Marianne Saastad Ottesen) reißt den ambitionslos und zurückgezogen vor sich hin lebenden Protagonisten aus seiner Selbstgenügsamkeit. Wie der Film gleich zu Anfang klarstellt, sind Held und Heldin wie Antipoden, was den Mann zwar unsagbar anstrengt, doch nicht ganz zu unrecht meint er, dass er sich der Liebe wegen als flexibel und zuvorkommend erweisen müsse.

Um nicht wie ein beziehungsunfähiger Kauz zu wirken (bzw. zu enden), nimmt der Mann alle Launen der Frau in Kauf – und die hat Marian nicht zu knapp in die Wiege gelegt bekommen. Als Marian ihn wegen einer Arbeitsstelle auf einer einsamen, nordnorwegischen Insel ohne Bedenken einfach so verlässt und bald darauf betrügt, reißt ihrem wackeren Freund dann aber doch der Geduldsfaden. Allerdings braucht es dann doch noch einiger Mühen – und die in Kauf zu nehmen, hat der Antiheld inzwischen gelernt -, um bei einer anderen Frau, einer Französin, das wahre Glück zu finden.


Ein ungleiches Paar: Trond Fausa Auvrag (Anderland) und Marianne Saastad Ottesen in Gekrallt

Gekrallt ist eine norwegische Variante des soeben in den Kinos anlaufenden US-Komödiennhits Nach 7 Tagen ausgeflittert, indes weniger gradlinig und aufs pure Schenkelklopfen hin inszeniert. Das hat Vor- und Nachteile: Zwar bietet Petter Naess ein extrem kurzweiliges und amüsantes Potpourri von Szenen einer Beziehung, die bei jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin zumindest einen gewissen Wiedererkennungseffekt auslösen. Andererseits schlägt die filmische Version des zugrunde liegenden Theaterstücks mehrere Haken, so dass sich die gesammelten Skurrilitäten nicht zu einem restlos überzeugenden Ganzen zusammenfügen wollen. Wie bei so vielen skandinavischen Filmen überzeugt aber auch in diesem Wettbewerbsbeitrag um den NDR- und Publikumspreis das ästhetisch ausgetüftelte Konzept (Kamera: Marius Johansen-Hansen).

War Gekrallt für einen lockeren Auftakt die richtige Wahl, so folgten zum Teil sehr bewegende und emotionale Geschichten am ersten ‚richtigen’ Festivaltag, so z.B. das intensive dänische Drama um einen Mann, der sich selbst verloren hat und durch einen Unglücksfall wieder zu sich findet: Hvid Nat / Weiße Nacht. Mithilfe des Drehbuchautors Anders Thomas Jensen schuf Co-Autor und Regisseur Jannik Johansen eine Story, die Menschen aus völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten durch einen Schicksalsschlag zusammenführt: Den saturierten Immobilienmakler Ulrik, der einer kühlen, auf Effektivität und Merkantilität getrimmten Lebenswelt zuhause ist, und Karina, die mit zwei Kindern in bescheidenen Verhältnissen in einer Hochhausmietwohnung lebt. Ulrik gerät bei einer Zechtour mit seinen snobistischen Kumpels in einer Eckkneipe in Streit mit Karinas volltrunkenen und gewalttätigen Mann, der im Gerangel unglücklich stürzt und dabei stirbt.


Weiße Nacht von Jannik Johansen

Zunächst sieht es so aus, als bliebe für Ulrik alles folgenlos und als würde für Karina alles eben noch schlimmer: Die Anwälte haben Ulrik schnell wieder frei, Karina muss mit noch Weniger auskommen. Doch Ulriks Charakter verändert sich sukzessive immer mehr: Er nimmt Anteil am Leid Karinas, beginnt die glatte, oberflächliche und oft inhumane Art seiner bisherigen Kollegen und Freunde zu verachten, verstößt schließlich seine Partnerin, verschenkt den Großteil seines Vermögens an die geschädigte Karina und verliert schließlich - halb herbeigesehnt - seinen lukrativen Job. Neue und lange verdrängte Emotionen drängen an die Oberfläche, lassen Ulrik charakterlich sympathischer erscheinen, als Figur aber auch haltloser werden (der Zuschauer wird am Schluss leider etwas überdeutlich vom Grund für die Verdrängungen erfahren). Ulrik tauscht sozusagen den Abgrund des Verdrängens mit dem, der einer Läuterung vorausgeht.

Dass die Geschichte zum Ende hin immer unverblümter moralisch wird, mag man je nach Temperament und (vielleicht sogar religiöser) Prädisposition goutieren oder nicht. Auf alle Fälle ist Johansen mit Weiße Nacht ein über weite Strecken glaubwürdiges Psychogramm gelungen, das von Lars Brygmann in der Hauptrolle exzellent gespielt wird und ein Wiedersehen mit dem gealterten „Olsenbanden“-Benny Morton Grunwald bietet, der als vom Sohn entfremdeter Vater zu sehen ist. Ein starker Film, der verschiedene Aspekte, die unser aller Existenzen ausmachen, dramaturgisch exzellent miteinander verwebt – und zugleich als ironische Betrachtung zu verstehen ist, wie schwer es fällt, die Dinge anders zu machen. MPH

 

> FILMSTART-Kritik: Anderland

> FILMSTART-Forum: Themen und Termine

> Offizielle Webseite

 

Freitag, 2. November 2007

Interview mit Morten Grunwald
Der „Benny“ aus der Filmserie um die Olsenbande

War die Rolle des Benny aus der Olsenbande eher ein Segen oder ein Fluch?

Es war ein Glück und ein großes Privileg, bei so einer erfolgreichen Sache dabei zu sein. Noch heute sprechen mich Kinder auf die Filme an, die sie im Fernsehen oder auf DVD sehen. Dass der Humor noch heute funktioniert, verdanken wir ganz wesentlich den Genius des Autors und Regisseurs der Reihe, Erik Balling. Die Zeit als Teil der Olsenbande war für mein Leben natürlich von entscheidender Bedeutung. Wir drei, Ove Sprogøe, Poul Bundgaard, die leider verstorben sind, und ich – wir waren Filmpartner und Freunde, 40 Jahre lang!

Wann haben Sie von dem Erfolg in der DDR erfahren?

Der dänische Filmverleih hat uns davon unterrichtet, wie einfach es von Anfang an gewesen ist, die Filme hinter den Eisernen Vorhang zu verkaufen - nach Polen, aber auch in die DDR. Offensichtlich hatten die Menschen in diesen Ländern Spaß daran, drei Aufschneider zu sehen, die Späße mit den staatlichen Autoritäten trieben. Die Art von Humor war offensichtlich ähnlich, ja, in Ostdeutschland war es sogar leidenschaftlicher als in Dänemark selbst. Das habe ich erlebt, als wir Schauspieler in der Mitte der siebziger Jahre und Anfang der achtziger Jahre zweimal in die DDR reisten. Dort konnten wir keinen Schritt tun, ohne erkannt zu werden, wir wurden ständig eingeladen. Wir sind auch über den Checkpoint Charlie nach West-Berlin spazieren gegangen. Da kannte uns niemand, dass hat uns auf die Erde zurückgeholt.

Hatten Sie am Anfang Ihrer Karriere Pläne, Komiker zu werden?

Nein, ich glaube, alles was ich wollte, war, den Menschen interessante Geschichten nahe zu bringen. Ich habe in meiner Jugend viele ernste Rollen am Theater gespielt, aber auch ziemlich schnell herausgefunden, dass ich naive, komische Charaktere gut verkörpere.

Sie spielen jetzt eine sehr ernste Rolle in Hvid Nat /White Night.

Das ist noch ein Geschenk für mich, das ich jetzt im hohen Alter erhalte. Denn ich habe so eine Rolle fast noch nie gespielt, die meinem tatsächlichen Alter entspricht. Was dem Vater in dieser Geschichte widerfährt, habe ich in meinem Leben gottlob nie erlebt, aber ich habe sein Leid (die Entfremdung zwischen Vater und Sohn, Anm. d. A.) beim Lesen des Drehbuches sehr gut nachvollziehen können. Ich glaube, dass der Hauptdarsteller Lars Brygman seine schwere Rolle sehr gut spielt, denn er verkörpert einen zynischen Widerling, den wir gleichwohl irgendwie mögen – und den wir im Verlaufe der Handlung immer sympathischer finden. Der Vater ist vor allem enttäuscht, dass der Sohn keine Anteilnahme zeigt, ohne zu verstehen, dass es sich um eine bestimmte Art des Wegschiebens von Problemen, eine Verdrängung handelt. Deshalb ist das wesentliche Thema der Geschichte Vergebung und Verständnis.

Eine hochmoralische Geschichte – also typisch dänisch, protestantisch?

Ich glaube, sie ist eher menschlich universell. Die Autoren Anders Thomas Jensen und Janik Johansen haben das clever gemacht, indem sie zeigen, was passiert, wenn die Hauptfigur sich tatsächlich positiv wandelt und dann Ablehnung erfährt. Sie stechen damit in den Kern der heutigen Zeit, wo schneller Erfolg und schnelles Geld zählt, was ja vor allem für junge Menschen ein Problem ist.

Nehmen Sie Anteil am aktuellen dänischen Film?

Gerade das letzte Jahr war mit vier Rollen sehr spektakulär für mich. Davor habe ich die meiste Zeit als Theatermanager gearbeitet. Aber ich sehe mir nahezu alle neuen dänischen Filme an.

Die weltweit geachtet werden.

Ich denke, dass nun die Früchte geerntet werden, die unsere Filmhochschule in Kopenhagen über die Jahrzehnte geleistet hat. Die Direktoren haben dort immer viel Wert auf die Entwicklung von Stoffen gelegt. So verfügen wir über exzellente Drehbuchautoren in Dänemark – anders übrigens als am Theater, wo wir derzeit wohl die Talsohle an Unattraktivität erreicht haben. Die meisten dänischen Theater verfolgen nämlich noch immer die Konzepte des modernen Regietheaters, Klassiker explodieren zu lassen, so wie es Castorff bei Ihnen in Berlin getan hat. Aber wie sich zeigt, sind die Filmregisseure mittlerweile näher an der Wahrheit. MPH

 

> FILMSTART-Forum: Themen und Termine

> Offizielle Webseite

 

Sonntag, 4. November 2007

Deutsch-Skandinavische Koproduktionen im Aufwind
49. Nordische Filmtage Lübeck lebten wieder einmal von der Qualität und Vielfalt des skandinavischen Films.

Mit rund 20.500 Zuschauern an nur fünf Festivaltagen erwiesen sich die 49. Nordischen Filmtage Lübeck (NFL) erneut als anziehungskräftiges Publikumsfestival und konnten trotz einer im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunkenen Zahl an Aufführungen das bereits sehr erfreuliche Besucherergebnis von 2006 halten. Zusätzlich sorgten rund 200 Journalisten und ca. 500 akkreditierte Fachbesucher aus dem nordeuropäischen Raum für ständiges, viriles Gedränge in den sieben Sälen des Mutterhauses der CineStar-Gruppe am Rande der Lübecker Altstadt, so dass die erweiterten Kapazitäten, die sich durch die Verlängerung um einen Festivaltag im letzten Jahr ergeben haben, bereits wieder ausgeschöpft wurden.

Die Künstlerische Leiterin der NFL, Linde Fröhlich, hatte nicht zuviel versprochen, als sie zu Beginn des wieder insgesamt sehr sehenswerten 49. Festivalprogramms ungewöhnlich viel zu Lachen ankündigte. Denn neben den obligatorischen „feel-bad-movies“ über verzweifelte, verängstigte oder aggressive Menschen in problematischen Familien- und Beziehungssituationen punkteten die skandinavischen Filmemacher diesmal auch mit Komödien. Auffällig: Wenn die Nordlichter schon Komik bieten, dann von der allerskurrilsten Sorte. Leider hätten die meisten Geschichten neben dem schrägen Charme durchaus mehr Biss vertragen können. Das galt insbesondere für die neuen Filme von Schwedens Starregisseurin Lone Scherfing (Italienisch für Anfänger), der allzu harmlose Spaß Heimweh, aber auch für Gekrallt / Gone With the Woman von Elling-Regisseur Petter Næss.

Næss heimste dafür mit der im Kinderfilmprogramm präsentierten deutsch-schwedischen Koproduktion Hoppet / Hoffnung – nach Festivals in Dresden und Chicago - erneut einen Preis ein. Der Film um einen aus Bosnien über Deutschland nach Schweden geflohenen Zwölfjährigen, der im wahrsten Sinne des Wortes (als Sportler) hoch springen will, ist von der in Halle ansässigen Produktionsfirma SchmidtzKatze-Filmkollektiv mitentwickelt worden und demnächst auch in den deutschen Kinos zu sehen. Die Geschäftsführer von SchmidtzKatze haben sich nach guten Erfahrungen mit baltischen Partnern auf nordisch-deutsche Koproduktionen spezialisiert (z.B. mit Ruudi, Estland 2005) und zählen deshalb mittlerweile zu den Stammgästen in Lübeck, wo unter tätiger Mithilfe der europäischen MEDIA Desk-Dependence in Hamburg derlei Vernetzungen unterstützt werden.

Nachdem diese Art von Koproduktionen früher eher die Ausnahme waren (Deutsche und Skandinavier genügten sich selbst bzw. kooperierten eher mit anderen Nachbarländern), erringen sie seit einigen Jahren immer stärkere Bedeutung, bestätigt Cornelia Hammelmann vom MEDIA Desk Hamburg. Der Empfang für interessierte Produzenten und Filmemacher war in diesem Jahr besonders gut besucht und erstreckte sich über mehrere Stunden. Denn inzwischen schätzen nicht nur die skandinavischen, sondern auch immer mehr norddeutsche Filmschaffende die lockere, produktive Gesprächsatmosphäre in Lübeck, bei der man sich auf nette Art kennen lernen kann – sehr wichtig, in einer Branche, in der persönliches Vertrauen das „A“ und „O“ ist. Außerdem können deutsche Produzenten, wenn sie baltische oder skandinavische Filme mitfördern, vor einem Kinoeinsatz in Deutschland gut beobachten, ob und wie die Filme in kleineren Ländern angenommen werden. Mit der ‚Kunst des Negativen Denkens’ siegen lernen Schräges, Skurriles, Satirisches aus nordischen Landen.


Großmeister Lars von Trier erstmals im komischen Fach: The Boss of it All

Doch zurück zu den Komödien: Sogar Altmeister Lars von Trier versuchte sich erstmals am komischen Fach: mit einem drastischen Kurzfilm (siehe dazu den Text zur Eröffnung) und der Spielfilm-Groteske The Boss of it All. Darin heuert ein schleimiger, im Grunde längst gescheiterter Manager einer IT-Dienstleistungsfirma einen ambitionierten, aber in seinem Beruf ebenso erfolglosen Schauspieler an, damit der ihm den Oberboss mimt. Der freilich ist einerseits wenig begabt, nimmt die Aufgabe aber sehr ernst und richtet unter der sechsköpfigen Bürogemeinschaft bald nur noch mehr Chaos an.

Was als Satire auf die Austauschbarkeit von Identitäten, das hitzige Erfolgsstreben von heutigen Managern und den Beruf des Schauspielers gedacht ist, hat durchaus spritzige, vor allem aber absurd-komische Momente. Allerdings scheint von Trier seine Charaktere nicht ganz ernst zu nehmen und lotet sein Thema nicht konsequent genug aus. So bleibt – bestärkt noch durch die manieristische, „Dogma“-entlehnte Kamera- und Schnitttechnik – Vieles an der Oberfläche, was mit mehr Ernst hätte behandelt werden müssen. Von Triers erster Schritt in Richtung Komödienregie ist dennoch sehenswert, Steigerungen sind nicht ausgeschlossen.


Erik Nietzsche - Die frühen Jahre - ein fiktionaler Rückblick

Wer wissen will, wie aus dem relativ schüchternen Filmstudenten Lars Trier ein selbstbewusster und umtriebiger „von Trier“ und späterer Starregisseur wurde, kann dies in Jacob Thuesens satirisch angehauchtem Rückblick auf Triers Ausbildungszeit an der staatlichen Filmhochschule, Erik Nietzsche - Die frühen Jahre, erfahren, der für einen deutschen Kinoeinsatz 2008 vorgesehen ist. In dem von Trier persönlich autorisierten Film wimmelt es von Seitenhieben auf die in dänischen Künstlerkreisen politisch besonders links bewegten 1970er Jahre im Allgemeinen und auf die Filmszene im Besonderen. Weniger Lars Trier und seine ambitionierten Filmstudenten werden in Erik Nietzsche hopps genommen als vielmehr die Direktoren und Lehrer der Kopenhagener Filmhochschule, bei denen – wenn die Geschehnisse des Films nicht ganz frei erfunden sind – Arroganz, pädagogisches Unvermögen und beruflicher Dilletantismus eine unheilvolle Allianz waren.

Ob die Lehrer damit den Ehrgeiz des jungen von Trier eher noch angestachelt haben, der sonst vielleicht in der Durchschnittlichkeit geendet wäre, ist zweifelhaft. Wer mit den Dänemarkkennern des durchweg hochkompetenten Mitarbeiterstabs der NFL sprach (die u.a. für wunderbar informative und pointierte Conferencen sorgen), konnte erfahren, dass Trier keineswegs ein so schüchterner und unsouveräner Filmstudent war, wie der Film ihn zeichnet– und in dem auch sonst wohl viel Fiktion steckt, die zur weiteren Legendenbildung rund um eine der exzentrischsten Persönlichkeiten der internationalen Filmszene geeignet ist.


Erfolgsfilm aus Norwegen: Die Kunst des negativen Denkens

Die frechste, mutigste und schwärzeste Komödie stammte aus Norwegen – eines der kleinsten Filmländer Europas mit einer Jahresproduktion von rund 20 Filmen (Dokfilme inklusive), die indes fast alle sehr originell ausfallen. Die ca. 4,4 Millionen Einwohner Norwegens lohnten es mit 1,8 Millionen verkauften Eintrittskarten in 2005 (Statistiker sind aufgerufen, dies auf deutsche Verhältnisse hoch zurechen). Die Tragikomödie Die Kunst des negativen Denkens von Regisseur Bråd Breien ist politisch mindestens so unkorrekt wie seinerzeit der dänische Dogma-Film Idioten, zugleich aber witziger und glaubwürdiger.

Der Film ist in der ersten Hälfte ein fieses Psychoduell zwischen einer energischen Therapeutin einer Gruppe von Körperbehinderten und einem seit einem Unfall im Rollstuhl vor sich hin darbenden Gelähmten mittleren Alters – und zwischen positivem und negativem Denken. Der Verfechter von Zorn, Aggression und Selbstmitleid behält indes nur scheinbar die Oberhand; schon bald gleicht das Haus des Renitenten und seiner Ehefrau einem Tollhaus, in der Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen ihren Koller abreagieren. Dafür, dass der Film die problematischen Aspekte des Lebens eines Behinderten und seiner Betreuer nicht ausspart, sondern fokussiert, erkannte die Spielfilmjury, der u.a. Schauspielerin Inga Busch angehörte, Breiens Groteske zu Recht den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis zu.

Insgesamt haben sich die NFL erneut als Plattform für nordische oder nordisch-deutsche Produktionen bewährt, obgleich sie sich angesichts der rasanten Zunahme des internationalen Festivalmarktes in einer deutlich stärkeren Konkurrenzsituation befinden als früher. Wie hilfreich die vor allem kulturpolitisch gewollte, neu installierte Filmpreisgala für die Zukunft des Festivals sein kann, bleibt indes abzuwarten. Einerseits rücken durch den Festakt auch die geringer dotierten Preise des Festivals, die zusammen mit den „Norddeutschen Filmpreisen“ der fusionierte Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein (FFHSH) vergeben werden, stärker in den Vordergrund. Andererseits ergeben Gala und Festival derzeit noch keine ideale Einheit, denn die filminteressierte Öffentlichkeit, die für volle Kinosäle sorgt, kann an der aufwändigen Show kaum teilhaben und die diversen Jurys und Vergabemodi können allzu leicht verwechselt werden. MPH

Preise der 49. Nordischen Filmtage Lübeck:
NDR-Filmpreis (12.500 Euro)
Kunsten å tenke negativt / Die Kunst des negativen Denkens / The Art of Negative Thinking
Regie: Bård Breien, Norwegen 2006

Publikumspreis der "Lübecker Nachrichten" (2.500 Euro)
Underbara älskade / Mit offenen Armen / Suddenly
Regie: Johan Brisinger, Schweden 2006

Baltischer Filmpreis für einen nordischen Spielfilm / Kirchlicher Filmpreis Interfilm (2.500 Euro)
Den man älskar / Wen man liebt / To Love Someone
Regie: Åke Sandgren, Schweden 2007

Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften (2.500 Euro)
Turvapaikka / Asyl / Asylum
Regie: Jenni Linko, Finnland 2006

Kinder- und Jugendfilmpreis der Nordischen Filminstitute
Hoppet / Hoffnung
Regie: Petter Næss, Schweden 2007

Preis der Kinderjury (2.500 Euro)
Suden arvoitus / Das Geheimnis des Wolfs / Mystery of the Wolf
Regie: Raimo O Niemi, Finnland 2006

Die Preisträger des Norddeutschen Filmpreises 2007:
Bester Spielfilm (20.000 Euro)
Auf der anderen Seite
Corazón International, Hamburg (Fatih Akin, Klaus Maeck, Andreas Thiel)

Bestes Drehbuch (10.000 Euro)
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Boje-Buck-Produktion)
Drehbuch: Gernot Gricksch
und

Die Katze (Cologne Film GmbH)
Drehbuch: Daniel Nocke

Beste Dokumentation (15.000 Euro)
Das Schweigen der Quandts (NDR)
Regie: Eric Friedler

Preis für besondere Verdienste (10.000 Euro)
Detlev Buck

 

> FILMSTART-Forum: Themen und Termine

> Offizielle Webseite

> Mehr Festivalberichte und Preisvergaben