Donnerstag, 18. Oktober 2007
Fachkundig und charismatisch
Filmfest Münster startet mit ungewöhnlichem Auftakt.
Zum ersten Mal findet das Filmfest Münster im mächtig aufragenden Cineplex statt, was mit seiner schnurrgeraden Außenfassade und dem gläsernen Atrium zwar eher Ehrfurcht als Glamour verbreitet. Doch hat man als Festivalbesucher erst einmal den Weg hoch zur Galerie gefunden, an der sich die neun Kinosäle wie Perlen an einer Kette aufreihen, stellt sich allmählich doch jene mit Feierlichkeit durchsetzte Vorfreude ein, die zu Festivals dazu gehört. Die Neugier und Unterhaltungswilligkeit der Eröffnungsbesucher wurde von Festivalchefin Barbara Fischer-Rittmeyer nicht enttäuscht: Der Eröffnungsfilm Fair Play, Langfilmdebüt des französischen Regisseurs Lionel Bailiu zählt zur Kategorie „nicht 100-prozentig überzeugend, aber ungewöhnlich“.
 
Sport ist Mord: Fair Play von Lionel Bailiu
Fair Play ist ein Film über den steigenden Erfolgs- und Anpassungsdruck, der in zeitgenössischen Bürogemeinschaften herrscht, die dem kurzfristigen Gewinn- und Vorteilsstreben ihrer Manager unterworfen sind, was gegenseitiges Misstrauen, Respektlosigkeit, Intrigen und Mobbing schürt. Bailiu lehnt sich ganz bewusst an theatralische Grundformen an: Ohne dass die Büroarbeit und –Atmosphäre je gezeigt würde, beschreibt der Franzose die erbitterten persönlichen Machtkämpfe anhand mehrerer langer Dialog-Sequenzen während sich jeweils zwei Betroffene bei sportlichen Betätigungen (Rudern, Squash, Fitness, Golf) treffen. Welche Entwicklungen den Sequenzen vorausgehen und folgen, spart er aus bzw. wird über die Streitgespräche erklärt.
Im zweiten Teil entladen sich die Spannungen zwischen den Beteiligten während einer gemeinsamen Sporttour durch einen Wassercanyon (für Sportskanonen: gedreht wurde im Norden Nizzas in den Felsen von „la Clue de la Cerise“ und „les Gorges du Loup“). Der für viele Charaktere tödlich endende Schluss geriet zu einer überraschend stark dramatisierten und actionreichen Sequenz. Die beiden Teile des Films fügen sich zwar trotz der Sport-Klammer nicht recht zusammen, aber Bailiu gelingt ein spannender, schonungsloser Blick auf menschliche Abgründe und Abhängigkeiten, die hier erstmals direkt als Wettkampf jede(r) gegen jede(n) geschildert werden, überzeugend gespielt u.a. von Benoit Magimel (Die Klavierspielerin), Marion Cotillard (La Vie en Rose) und, in einer seiner letzten Rollen, dem großen Jean-Pierre Cassel (Das wilde Schaf).
Die Organisatoren des – deutschlandweit einzigen – im Zwei-Jahresrhythmus stattfindenden Münsteraner Filmfests haben vor gut 17 Monaten richtig erkannt, dass Arbeit ein gesellschaftlich relevantes Thema bleiben wird und daher ein gutes Motto für den internationalen Spielfilmwettbewerb ist. Auch aktuelle Filmbeispiele wurden in ausreichender Zahl gefunden, und so gehen dieser Tage acht ausgewählte Beiträge um den mit 10.000 Euro dotierten Preis für die Beste Regie ins Rennen. Entscheiden wird darüber eine sechsköpfige Jury, die zusätzlich zu ihrer unbestrittenen Fachkompetenz „besonders gut aussieht“, wie ein Kollege zu Recht urteilte:

Die Festivaljury (v.l.n.r.): Schauspieler Rutger Hauer (Juryvorsitz Spielfilmwettbewerb), Tobias Brand (Ausführender Produzent u.a. Schwarze Schafe; Jury Kurzfilme), Nursel Köse (Schauspielerin u.a. Auf der anderen Seite, Jury Spielfilmwettbewerb), René Begas (Kameramann u.a. Lieber Fidel - Maritas Geschichte, Jury Spielfilmwettbewerb), Franziska Weisz (Schauspielerin u.a. Hotel, Jury Spielfilmwettbewerb), Jens Schneiderheinze (Regisseur, Kommunale Filmarbeit, Jury Spielfilmwettbewerb), Sabina Zakelj (MEDIA Desk Slowenien, Jury Spielfilmwettbewerb)
Als Frontmann bringt der ebenso charismatische wie überraschend selbstironische Niederländer Rutger Hauer internationales und Hollywood Flair nach Münster. Er definierte gute Filme als solche, die ihn berühren. Das kann sehr verschieden sein, so Hauer, aber ohne intensive Empfindungen bleibe alle intellektuelle Diskussion über Filme schal, die für ihn generell „ein eher suggestives Medium“ sind, die „nicht oft tief schürfen“ könnten. Festivals wie das in Münster preist er als eines der wenigen „kleinen Fenster“, die Regisseure von anspruchsvollen Stoffen heute überhaupt noch haben, da ansonsten der Rentabilitätsgedanke alles durchdringe und sich zugleich der klassische materieller Träger „Film“ mit der Digitalisierung ohnehin als Medium verabschiede. Hauer steht eine Riege attraktive Damen zur Seite, bei denen schon die Akzente sexy wirken, von Temperament und Exotik ganz zu schweigen (in der geografischen Reihenfolge): Die ebenso anmutige wie quirlige Österreicherin Franziska Weisz, die als Senkrechtstarterin mit einer Reihe interessanter Filme (Hundstage, Hotel) „süchtig nach Rotem Teppich“ geworden ist, wobei sie kleinere Festivals wie das in Münster wegen der größeren Möglichkeiten zu Gesprächen eher schätzt als die großen, wo man ohne Ticket nicht einmal „in die eigene Premiere gelassen wird“. Die Deutsch-Türkin Nursel Köse genießt auch große Auftritt wie in Cannes 2007 mit Fatih Akins Auf der anderen Seite, freut sich aber auch auf anregende Gespräche über anregende Filme – „auch auf die, die vielleicht nerven“. Die Slowenin Sabina Zakelj vom MEDIA Desk in Ljubljana freut sich, einmal abseits der Stoffeinreichungen über fertige Filme urteilen zu können.
 
Rutger Hauer in Blonde, Blue Eyes von Simone de Vries
Ein erster echter Höhepunkt erwartete die Festivalgäste am späten Eröffnungsabend nach einer Portion Sekt mit dem frech-witzigen Porträt über Jurymitglied Rutger Hauer, das zugleich auch ein passender Beitrag zum diesjährigen Programmotto „Arbeit“ war; zeigt es doch Hauers unstetes, von Absurditäten und Abwechslungen gekennzeichnetes, berufliches Leben zwischen Hollywood und Friesland: Blonde, Blue Eyes von der niederländischen Regisseurin Simone de Vries. Was Hauer nach eigenen Worten sehr genossen hat ist die (filmisch sehr unterhaltsame) Art, wie seine Landsfrau de Vries ihn gefilmt hat: fast immer in Bewegung - im Auto, auf seiner Yacht, in seinem Wohnmobil, beim Weg zum nächsten Dreh. „Für eine Jungschauspielerin erhellend“, sagte Franziska Weisz, die wie alle anderen Zuschauer von der Offenheit ihres Kollegen ebenso angetan war wie vom frech-witzigen Ton des Porträts.
Ansonsten herrschte ungezwungene, familiäre Atmosphäre – die fast ein bisschen zu familiär geriet, - noch mehr Zuschauer hätten es gerne sein dürfen. Bleibt zu hoffen, dass die Filmfreunde unter den vielen Münsteraner Studis in den nächsten Tagen noch zuhauf herbeiströmen – es sei ihnen ausdrücklich gesagt: Es lohnt sich!
MPH
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Freitag, 19. Oktober 2007
Entfremdungen und Psychoterror
Harter Tobak im Spielfilmwettbewerb Münster –
Victoria Trauttmannsdorff gegenüber sitzen (und es unbeschadet überstehen)
Es gibt eine zeitgenössische Kategorie von Spielfilmen, die ihre Geschichten absichtsvoll besonders minimalistisch oder nüchtern oder in karg gestalteten Szenen, vorzugsweise in einem unwirtlichen, kalt-grauen oder irgendwie abgewrackten Ambiente, erzählen - und zwar europaweit. Deshalb ist der angeblich „postsozialistische“, abgeklärte oder anti-utopistische Blick, den manche Kollegen bei osteuropäischen Filmen konstatieren, längst schon eine gesamteuropäische Perspektive geworden: Auch aus Frankreich, Großbritannien und sogar Deutschland (z.B. Preußisch Gangstar, Verfolgt, 3 Grad kälter, Lucy) kommen immer mehr Filme, die vom Schicksal derer erzählen, die in die neue Armut bzw. das Hartz IV-Ghetto abstürzen oder abzustürzen drohen.
Der Beginn einer neuen Klassengesellschaft – dies drücken viele dieser Filme mehr oder weniger deutlich aus. Spezifisch postsozialistisch mag allenfalls noch das sein, was sich an gesellschaftlicher Spaltung seit der politischen Wende vertieft hat. Insofern könnte das, was der Debütfilm Friss Levegö / Fresh Air der jungen ungarischen Regisseurin Agnes Kocsis als Umgebung zeigt - verwahrloste Reihenhäuser, schmuddelige Grünflächen und unwirtliche Autobahngegenden - auch irgendwo an der Peripherie einer westeuropäischen Stadt stehen und vor sich hinverfallen.

Fresh Air von Agnes Kocsis
Das Mutter-Tochter-Verhältnis, das Kocsis beschreibt, ist eigentlich keines:
Die Mutter bringt ein kärgliches Gehalt durch ihre Arbeit als Klofrau in einer Vorstadtbahnhofstoilette nach Hause, wo die pubertierende Tochter – von einer besten Freundin abgesehen – fast isoliert vor sich hin lebt und mit genauso wenig menschlicher Wärme auskommen muss wie ihre Mutter. Trotz fehlender Stimulationen hegt das junge Mädchen Ambitionen als Modedesignerin, wovon die schon ganz in einen Kokon aus Melancholie, Routine und Duftsprays eingehüllte Mutter aber nichts mitbekommt. Die Frauen, die eine Art existentielle Schicksalsgemeinschaft bilden, haben sich nichts zu sagen, was der Regisseurin zu absurden Schweige- und Monotonie-Szenen Anlass gibt. Die Tochter bekommt allenfalls zufällig mit, dass ihre Mutter – meist vergebens – über Kontaktanzeigen versucht, der Einsamkeit zu entfliehen; ebenso wie die Mutter gar nicht mitbekommt, dass die eigene Tochter eines Abends eine Hin- und Rück-Irrfahrt zur italienischen Grenze antritt (in der fälschlichen Annahme, Rom sei das italienische Modezentrum).

Tristesse in Fresh Air
Wenn man als Zuschauer Glück hat, gibt es in Filmen der oben beschriebenen Kategorie originelle Figuren und skurrilen Humor. Beides bietet Fresh Air, der sich indes von den eindeutigen, unübersehbaren Anleihen, die er am lakonisch-illusionslosen Stil des finnischen Altmeisters Aki Kaurismäki nimmt, nie ganz in eine Eigenständigkeit lösen kann. Originell ist vor allem der „Höhepunkt“ am Schluss, der darin besteht, zu zeigen, wie das Mädchen – während ihre Mutter nach einem Überfall verletzt im Krankenhaus liegt – erstmals in ihrem Leben den Arbeitsplatz ihrer Mutter sieht und sich ihm zögernd nähert.
Auch die Jury fand den Film, der im Frühjahr in die Nachwuchsreihe des Festivals nach Cannes eingeladen war, offenkundig zumindest interessant. Der Autor dieser Zeilen warnte allerdings davor, den Festivaltag bereits als weitegehend bewältigt anzusehen.
Der richtig harte Tobak folgte nämlich noch: in Form des deutschen Beziehungsdramas Gegenüber, der derzeit auch regulär in einigen deutschen Kinos zu sehen ist. Auch bei dieser Vorführung bestätigte sich, dass der Film vielen Besuchern – auch denen, die sich hernach positiv äußern – beim Zuschauen richtig wehtut. Bemerkung am Rande: Bei einer Vorführung für die Presse vor einigen Wochen musste der Autor gar erleben, wie haufenweise Profi-Gucker (überwiegend Kolleginnen) lautstarke Kommentare, Grunzen und Stöhnen nicht zurückhalten konnten, um ihre Spannung und Empörung abzubauen!
Zur Unterstützung des kontroversen und unbequemen Werkes, bei dem man schwerlich gute Unterhaltung wünschen kann, reisen Regisseur Jan Bonny und seine famose Hauptdarstellerin, die aus der Figur der verhärmten und verbiesterten Furie das Beste gemacht hat, zu speziellen Premieren in der Republik herum – und trafen denn auch in Münster ein, wo ihr Film im Spielfilmwettbewerb zum Thema „Arbeit“ teilnimmt.
Bonny, ein hochgewachsener, intellektueller Typ, erläuterte dem Publikum nach der Aufführung von Gegenüber, dass er dem Phänomen, dass auch Frauen mitunter ihre Partner schlagen (und nicht nur umgekehrt) aufgrund einer Zeitungsmeldung nachgegangen sei. Zudem erkärte er, dass ja auch der von Matthias Brandt so überzeugend gespielte Ehemann ein aggressiver Charakter sei – nur eben passiv-aggressiv. Mit seiner Verweigerung, Konflikte auszutragen, lasse er seine Frau auflaufen, was doch „verdammt aggressiv“ sei. Da hat er schon Recht, und der Autor dieser Zeilen ist gerne bereit, seine ungenaue Formulierung im Festivalankündigungstext – der Mann sei aggressionsgehemmt – zu revidieren, selbst wenn die sensible Inszenierung Sympathien für die Frau nur schwerlich aufkommen lässt.

Victoria Trauttmannsdorff in Gegenüber von Jan Bonny
Vor Victoria Trauttmannsdorff (ein Ort in Österreich, aus denen wahrscheinlich die Vorvorfahren der Akteurin stammen, die selbst geborene Wienerin ist) hat man nach dem „Genuss“ des Films unwillkürlich doch ein wenig Angst. Doch es sei allen Lesern nachdrücklich versichert – sie ist eine sehr nette Frau, offen und charmant, mit der man prima über den Film und ihren Job im Allgemeinen plaudern kann, den sie offenkundig ganz vorzüglich ausübt – in Hamburg am Thalia Theater. Am Frühstückstisch lernte Trauttmannsdorff ihre Landsfrau, die Wienerin Franziska Weisz kennen, die in der Spielfilmjury sitzt und ebenfalls aus beruflichen Gründen nach Deutschland, in diesem Falle Berlin, übersiedelt ist. Zwei so begabte und ambitionierte Wiener Exilantinnen – das ist schon schad’ für die Österreicher. Aber sie haben ja noch den Hader…(der grad gar nix Komisches, sondern ein richtiges Psychodrama dreht, wie zu erfahren war). MPH
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Samstag, 20. Oktober 2007
Kurz davor ist auch daneben
Einsichten in Münster: Prostituierte und Lehrer sind die Verlierer von heute
Im Programm des Filmfestes Münster finden sich neben der Kurzfilmreihe und außergewöhnlichen, europäischen Spielfilmproduktionen zum Thema „Arbeit“ auch einige Spezialvorführungen und die Reihe „Einsichten“, in der es ebenfalls Filme zu sehen gibt, die „vermeintlich Bekanntes aus den Arbeitswelten neu erzählen oder Unbekanntes auf besondere filmische Weise darstellen“, so die Ankündigung. Zu den fiestesten zeitgenössischen Arbeitsumfeldern – so lehrt die Münsteraner Zusammenstellung – gehören die illegale Prostitution und die Schule, also der Lehrerberuf.
Zwei so genannte Doku-Fictions, also Filme, die vorgeben, reine Dokumentarfilme zu sein, tatsächlich aber inszeniert worden sind, haben sich den jeweils haarsträubenden Arbeitsbedingungen, unter denen gutwillige Lehrer und verschleppte Frauen jeweils schuften, auf originelle und eindrückliche Weise angenähert: Die schwedische Dokumentarfilmerin Asa Blanck und Kameramann Johan Palmgren zeichnen in Vikarien / The Substitute am (fiktiven) Beispiel des jungen, engagierten Vorstadtlehrers Max die Probleme nach, unter denen speziell jene Pädagogen stehen, die multiethnischen Klassen gegenüber stehen. Mit Max geht es mittels unruhiger DV-Kamerabilder mitten hinein in ein Klassenchaos:

Vikarien / The Substitute von Asa Blanck und Johan Palmgren
Ein Pestalozzischer Alptraum aus Ungehorsam, Rüpeleien und latenter Aggression schlägt dem anfangs noch motivierten Vertrauenslehrer Max – und damit auch dem Zuschauer – entgegen. Autorität hat er in den Augen seiner Schüler ohnehin nicht, und auch der gute Wille zerbröselt rasch angesichts der nicht zu schlagenden Konkurrenz, den Handys, iPods und Machospielzeuge auf seine ihm anvertrauten Migrantenkinder ausüben. Die – auch die eigenen Kräfte stärkende – Hilfe eines alt gedienten Kollegen, der längst im Ruhestand weilt, löst die Probleme nur scheinbar: Max geht nach einige Runden k.o., resigniert als Pädagoge vor der Lernunwilligkeit seiner Zöglinge. Eine vermutlich gar nicht einmal überzeichnete Beschreibung der Probleme eines Berufsstandes, wobei die mittlerweile schon berüchtigte skandinavische Art, das brisante Thema betont schonungslos im Dogma-Topf zu erhitzen, bis es vor Brisanz nur so spritzt und schäumt zugleich fasziniert und nervt. Den umgekehrten Weg, nämlich das Runterkochen jeglicher Emotionen oder Affekte, hat sich offensichtlich die Österreicherin Anja Salomonowitz zum Ziel gesetzt, deren pseudodokumentarische Reflexion über illegale Beschäftigung und Unterdrückung von ausländischen Frauen in der Alpenrepublik, Kurz davor ist es passiert, in Münster noch einmal in einer Sondervorführung zu sehen war. Im Film sind die Unterdrückten und ihre Schicksale nicht zu sehen, sie werden nur durch Augenzeugen oder am Rande Betroffene aufgesagt. Die Irritation, die sich aus Laienspiel, Verschiebung der Aussagen und semi-dokumentarischer Darstellung ergeben, ist gewollt (und wurde von einer Fachjury des Forums auf der Berlinale 2007 immerhin mit dem „Caligari“-Spezialpreis belohnt).
Um es klar zu sagen: Dass Salomonowitz ihr Sujet heutzutage noch auf eine besonders Brechtsche Weise, quasi dreimal verfremdet, behandelt, ist aller Ehren wert. Für mich hat diese Darstellungsform nicht funktioniert. Zu sehr drängt sich der Stilwille bzw. die selbstverliebte Absicht, so originell wie möglich zu sein, zum Nachteil der Schilderung der wahrlich erschütternden Schicksale der verschleppten oder erniedrigten Frauen, in den Vordergrund. Dass einen diese vor lauter Verfremdung emotional kalt lassen, halte ich für verheerend, wenn nicht unmoralisch, um ein zugegebenermaßen großes Wort zu benutzen. Dann schon lieber ein ins reißerisch tendierender Thriller von Marco Kreuzpaintner, der seinen Film zum Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution, Trade – Willkommen in Amerika, in Münster in einer Spezialvorführung höchstpersönlich präsentierte. MPH
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Samstag, 20. Oktober 2007
Der fixende Holländer
Von Sex, Drugs, Rock n’ Roll und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten
Das Besondere auf dem Filmfest Münster ist nicht nur der thematische ausgerichtete Spielfilmwettbewerb, sondern auch die Spezialreihe mit neuen Produktionen aus dem Nachbarland Niederlande, die es ja hierzulande nur in Ausnahmefällen in die Kinos schaffen. Nicht nur als Person und Jurymitglied, auch als „Hauptdarsteller“ in einer Dokumentation seiner Landsfrau Simone de Vries war Euro-Hollywood-Veteran Rutger Hauer eine unbezahlbare Bereicherung. In der sehr persönlichen Doku Blonde, Bue Eyes, aber auch in Gesprächen und Interviews vor und nach den Aufführungen – für die sich Hauer bis zu einer Stunde Zeit nahm - entpuppte sich der Schauspieler, der in US-Actionfilmen so oft den ganz harten Mann markiert, als charmanter, bodenständiger Typ, der mit viel Selbstironie und gesunder Distanz auf sein Metier zu blicken vermag.

Hermann Brood in Jean van der Veldes Biopic Wild Romance
Andere seiner Landsleute – so lehrten die niederländischen Filme der Spezialreihe – neigen eher zu Extremen, allen voran Hermann Brood, dessen von Sex, Drugs und Rock n’ Roll bis zum Bersten prall gefülltes Leben mit einem Sprung vom Hilton Hotel Amsterdams vor einigen Jahren ein dramatisches Ende nahm. Brood rockte mit seiner Band Wild Romance seit Mitte der 1970er Jahre immer wieder auch deutsche Städte, wobei sein Aussehen, seine Coolness und sein Charme durchaus eines Mick Jagger oder anderer Rockikonen würdig waren. Seine unbändige Energie als Sänger verdankte er indes eher der beständigen Zufuhr harter Drogen – Brood war während seiner Karriere immer ein Junkie. Wild Romance
Der holländische Regisseur Jean van der Velde hat nun das exzessive Leben Broods in einem Biopic namens Wild Romance sehr temporeich und unterhaltsam nachgezeichnet. Van der Velde konzentriert sich ganz auf die Zeitspanne, in der Brood seinen späteren Freund und Manager Koos kennen lernt und seinem Patzer bei der großen US-Tournee einige Jahre später. Sehr geschickt zeigt der Regisseur deren ambivalentes Verhältnis: wie Koos zunächst selbst versucht, den Drogen (und Frauen-) Konsum von Brood in den Griff zu bekommen, aber nach einer Weile selbst immer für entsprechenden Nachschub sorgt, damit er mit Brood weiter Geld verdienen kann. Dabei bietet der Niederländer Daniel Boissevain als Manager eine schauspielerische Tour de Force, für die er zu Recht in Holland mit Preisen bedacht wurde. Die Person Hermann Brood dagegen bleibt ein bisschen blass, hier begnügt sich Drehbuch und Regie mit einer lapidaren Rückblende auf einen Kindergeburtstag, die klarstellt, dass Hermann eben schon immer ein wildes Kind gewesen ist. Dennoch eine sehenswerte Biografie, die auch sehr schön verdeutlicht, dass manche Rock n’ Roller aus Europa wesentlich wilder waren als die von ihren Managern zu kommerziellen Zwecken weichgespülten Amerikaner, die ja den Rock eigentlich erfunden hatten.
 
Roger Trash stimmte die Zuschauer vor der Projektion mit Brood-Klassikern ein
Gerade bei dieser Premiere war der bislang ziemlich geringe Zuschauerzuspruch auf dem Filmfest schade, denn vor dem Film gab es eine wirklich exzellente Brood-Hommage von Lokalmatador Roger Trash, der mit rauchiger Stimme zusammen mit seinen Mitstreitern David Rebel (Gitarre u.a. bei Philip Boas Voodooclub) und Mytch Alberts (Keyboards) sehr überzeugend Brood-Klassiker zum Besten gab. MPH
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Sonntag, 21. Oktober 2007
Hauptpreis von Münster geht an finnischen Film über Stellungswechsel eines biederen Familienvaters
Kurzfilmpreis für Plattenbau-Western
Männer, die aus wirtschaftlicher Not Sexarbeiter werden – das Thema hat derzeit Konjunktur bei Filmschaffenden. Der britische Welterfolg Ganz oder gar nicht machte vor zehn Jahren den Anfang – nun zog Autorin und Regisseurin Maggie Peren mit dem deutschen Pendant Stellungswechsel nach. Die finnische Version heißt Miehen työ / Man’s Job – der neue Spielfilm des in Finnland schon seit einigen Jahren sehr aktiven und erfolgreichen Drehbuchautors und Regisseurs Aleksi Salmenperä.
Stellungswechsel auf finnisch: Man's Job
Man’s Job, ein mit viel bitterem Humor gewürztes Alltagsdrama über einen Familienvater, der die Arbeitslosigkeit gegenüber seiner Familie nicht länger verheimlichen kann, kommt nur ganz zufällig auf die Idee, es einmal als Callboy zu versuchen – ähnlich wie die Männer in Stellungswechsel. Ansonsten ist das gewohnt finnisch-lakonische Drama allerdings von einem gänzlich anderen, ungleich ernsterem Tonfall geprägt als die heitere Farce Maggie Perens. Eigentlich beginnt Salmenperäs Film erst da so richtig, wo sich Peren nicht mehr sehr lange auf- und draufhält, nämlich bei der praktischen Umsetzung aller Arten von Kundinnenwünschen - und lässt die Zuschauer die ambivalenten Gefühle seiner Hauptfigur, die sich gezwungen sieht, nach und nach ihre Schamhaftigkeit aufzugeben, mit leiser Komik nachvollziehen.  
Der weibliche Teil der Jury: Nursel Köse, Franziska Weisz,
Sabina Zakelj
Die u.a. mit dem niederländischen Hollywoodexport Rutger Hauer (Blade Runner, Sin City), den Schauspielerinnen Nursel Köse (Auf der anderen Seite) und Franziska Weisz (Hundstage) prominent besetzte, sechsköpfige Spielfilmjury erkannte Man’s Job zum Abschluss des Filmfestes Münster den mit 10.000 Euro dotierten Regiepreis im Europäischen Spielfilmwettbewerb zu. Man’s Job fasse sein ernstes Thema „mit Fingerspitzengefühl“ an, „ohne Effekthascherei, moralischen Zeigefinger oder Mitleidsgefühle zu produzieren“, begründete die Jury: „Dabei bricht Man’s Job gleich mehrere Tabus. Der Film verzichtet gänzlich auf Klischees und Schwarz-Weiß-Malerei. Zu erwähnen sei zudem die herausragende Leistung des Hauptdarstellers (Tommi Korpela)“. Die Entscheidung fiel relativ rasch – wie von einigen Jurymitgliedern zu erfahren war, kam innerhalb der insgesamt als qualitativ hochrangig und originell empfundenen Spielfilmauswahl nur noch der einzige deutsche Beitrag, Jan Bonnys Kinodebüt Gegenüber, in die engere Wahl für den Hauptpreis, der daher eine Lobende Erwähnung erhielt.
Kurzfilm-Preis-Gewinner Hochhaus von Nikias Chryssos
Im von Filmhochschularbeiten geprägten, deutschsprachigen Kurzfilmwettbewerb erhielt Nikias Chryssos (Filmakademie Baden-Württemberg) Wildwest-Fantasie eines Jungen aus einem Plattenbaughetto, Hochhaus, den Preis der Kurzfilmjury in Höhe von 5.000 Euro. Chryssos erzählt dabei, wie der zwölfjährige Daniel und sein Bruder, die eltern- und haltlos im ostdeutschen Niemandsland vor sich hin vegetieren, als Cowboys aus ihrer Tristesse davon träumen. „Die überzeugende Regie, die das Milieu trotz der unter die Haut gehenden Problematik humoristisch bearbeitet“, hat die Jury ebenso beeindruckt wie die herausragende Kameraarbeit und die starken Darsteller. Der Siegerfilm erstmals eine Trophäe in Form einer Kleinplastik des Künstlers Benjamin Greber. Die Kurzfilm-Jury war besetzt mit Wilsberg-Darstellerin Ina Paule Klinik, Kunstakademie-Professorin Hildegund Amanshauser, ZDF/ARTE-Redakteurin Anke Lindenkamp, Tobias Brand, Executive Producer von Schwarze Schafe sowie Kameramann Ergun Cankaya.
Der Förderpreis des WDR in Höhe von 2.500 Euro geht an den Kurzfilm Hilda & Karl, eine Werktätigen-Romanze von Toke Constantin Hebbeln à la Kaurismäki. Zum Publikumsliebling avancierte Nico Zingelmanns 15 Minuten Wahrheit, ein verblüffender Wirtschafts(kurz)krimi, der 1.000 Euro Preisgeld, gestiftet von den Münsterschen Filmtheaterbetrieben, gewann.
Erstmalig hat beim Filmfestival Münster eine Schülerjury im Kurzfilmwettbewerb „Jugend und Arbeit“ des Schulprogramms ebenfalls einen Preis vergeben: Die Kurzdokumentation Frl. Pabst & Frl. Wüst von der Ludwigsburger Filmakademie-Absolventin Christa Pfafferott über zwei zwanzigjährige Mädchen, die als Bestatterinnen arbeiten, war in der Tat einer der stärksten Beiträge des Kurzfilmprogramms. Die jüngste Festivaljury nannte als Begründung u.a.: „Besonders schön fanden wir, wie frei, offen und selbstsicher die beiden Mädchen in dem Film über ihren Beruf, aber auch über ihre ganz persönlichen und privaten Empfindungen und Gedanken erzählt haben. Dies wurde sehr schön durch die Montage untermauert.“
Dass gerade die Schülerjury – zusammengestellt aus diversen Münsteraner Schulen – diesen nachdenklich stimmenden Film prämierten, der existentielle Fragen rund um den Tod und seinen (professionellen) Umgang damit stellt, spricht für eine besondere Aufgeschlossenheit und Urteilsfähigkeit der Jurymitglieder, die deshalb auch hier genannt werden sollen: Isabel Grothe (Hauptschule Hiltrup), Marie Weiper, Lennart Lofink (Erich-Klausener-Realschule), Lena Robitzer, Mohamed Hassan (Geschwister-Scholl-Realschule), Diana Münsterteicher (Hauptschule Hiltrup), Filipa da Silva (Hauptschule Fürstenbergschule). Hut ab! Lobende Erwähnungen erhielten im Kurzfilmwettbewerb der Animationsfilm Mr. Schwartz, Mr. Hazen & Mr. Horlocker von Stefan Müller und der Film Kobe von Rainer Komers, eine faszinierende Dokumentation über die japanische Hafenstadt Kobe, sowie aus dem Schülerwettbewerb die Arbeit von Enno Reese mit dem Titel Jede Sekunde über einen Zivi im Rettungsdienst. MPH
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