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Runder Geburtstag auf der Piazza Grande: Auch in seinem 60. Jahr zeigt sich der Schweizer Leopard kein bisschen altersmüde


Jeden Tag geht Junichi zum Abendessen in die Kantine seiner Pension. Jeden Tag isst er statt der auf einem Tablett für ihn bereitgestellten Speisen bloß Reis. Die noch vollen Teller nimmt Abend für Abend die stumme Köchin Noriko entgegen.

Routine und Wiederholung, Monotonie und Tristesse sind gerade im so genannten „Kunstkino“ gern eingesetzte Stilmittel – jeder Jim-Jarmusch-Fan wird bestätigen, dass es gerade dessen Inszenierung von Langeweile ist, die seine Filme so spannend macht. So konsequent wie Masahiro Kobayashi in Ai No Yokan hat jedoch lange kein Filmemacher mehr seinen Figuren beim anscheinenden Nichtstun zugeschaut. Doch es ist nicht Langeweile, sondern Verzweiflung, die die beiden erstarren lässt – vor einem Jahr wurde Junichis Tochter ermordet, Noriko ist die Mutter der Täterin. Beide wollen in ein anderes Leben flüchten und treffen sich wieder, können ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen.

Über 90 Minuten zeigt Kobayashi die langsame Annäherung der beiden ohne jeglichen Dialog und in einer solchen formalen Strenge, dass jede noch so kleine Geste mit Bedeutung aufgeladen wird. Dass dieser Film nicht ohne Preis die inzwischen 60. Auflage des Internationalen Filmfestivals in Locarno verlassen würde, darauf hatten nicht wenige gewettet, und nicht nur, weil mit Romuald Karmakar ein ausgewiesener Verfechter und Produzent sperriger Filme in der Jury saß. Die Vermutungen bestätigten sich – Ai No Yokan gewann den Goldenen Leoparden für den besten Film. Eine wenig überraschende Entscheidung auch deshalb, weil sich Kobayashi im internationalen Wettbewerb vielen unausgegorenen Konkurrenten gegenüber sah.

Einziger anderer Lichtblick war abermals ein asiatischer Film: Boys of Tomorrow, von der Jury für die Kameraarbeit lobend erwähnt. Eine Geschichte um drei koreanische Brüder, die in kriminelle Machenschaften verwickelt werden. Dong-seok Nohs Coming-of-Age-Story erinnert in ihren besten Momenten an Fatih Akins Debüt Kurz und schmerzlos und dessen großes Vorbild Mean Streets. Der Rest rangierte irgendwo zwischen handwerklich exzellenter Genreware (Joshua, von George Ratliff), dröger Dramatik (Freigesprochen, von Peter Payer) und politischem Holzhammer (Extraordinary Rendition von Jim Threapleton). Letztgenannter stand stellvertretend für einige Filme in den unterschiedlichen Sektionen, deren Auswahl wohl eher ihrem politischen Zeigefinger geschuldet war als ihrer filmischen Qualität.

Trauriger Höhepunkt war hier das Doku-Drama Strange Culture, das trotz hochkarätiger Besetzung (u.a. Tilda Swinton) nicht über Schulfernseh-Niveau herauskam. Ganz anders El Paraiso de Haffner, ein nicht unstrittiges Porträt eines ehemaligen SS-Offiziers, der heute in Madrid sein Rentnerdasein genießt und in den Erinnerungen an die Nazi-Zeit schwelgt. Haffner lief im Rahmen der Semaine de la Critique, die auch in diesem Jahr wieder eines der Highlights des Programms war.

Kein Locarno-Bericht darf ohne einen Absatz über das Wetter auskommen, schließlich sind die Vorführungen unter dem Sternenhimmel der Piazza Grande Herzstück eines jeden Festivalbesuchs. Bevor es zum Ende der Woche hin einige Tage wie aus Eimern goss, regnete es jedoch am Sonntagabend zunächst reichlich Blut und Eiter: Robert Rodriguez präsentierte seine Hälfte des Grindhouse-Projekts – einen echten „No-Brainer“, der einige, pikiert ob der inflationären Quantität, in der die Zombie-Hommage Planet Terror Körperteile abtrennt, Eingeweide rausreißt und Gehirne auf der Leinwand verteilt, von der Piazza vertrieb, während die anderen johlend und kreischend den Gastauftritt von Rodriguez-Intimus Quentin Tarantino als sich in seine Bestandteile auflösender Soldaten-Zombie abfeierten.

Die Piazza gehört traditionell dem Publikumsfilm und bildet eine prestigeträchtige Kulisse für internationale Premieren, was durch die hohe Anzahl amerikanischer Produktionen (darunter mit Zimmer 1408 auch eine Stephen-King-Verfilmung) unterstrichen wurde. Auch die Stars geben sich gern ein Stelldichein im Tessin. So waren in diesem Jahr neben Robert Rodriguez auch Sir Anthony Hopkins, Michel Piccoli und die Almodóvar-Muse Carmen Maura zu Gast. Die Zuschauer wählten Sterben für Anfänger des ebenfalls anwesenden Frank Oz zum besten Film des Open-Air-Programms, einen Film, der in seiner Konventionalität kaum weiter vom Goldenen Leoparden entfernt sein könnte. Und das zeigt vielleicht, dass Locarno beides sein kann: Ein Entdeckungsort für anspruchsvolles Autorenkino genauso wie eine Abspielstätte für „good clean (or not so clean) fun“. Auf jeden Fall ist die Stadt am Lago Maggiore ein Ort, an dem das Erlebnis Kino überlebt hat. UZ

Die Preisträger (Auswahl):

Goldener Leopard (Bester Film)
AI NO YOKAN (The Rebirth) von Masahiro Kobayashi, Japan

Spezialpreis der Jury
MEMORIES (Jeonju Digital Project 2007) von Pedro Costa, Harun Farocki und Eugène
Green, Südkorea

Preis für die beste Regie
Philippe Ramos für den Film CAPITAINE ACHAB, Frankreich/Schweden

Leopard für die beste Darstellerin
Marian Álvarez im Film LO MEJOR DE MÍ von Roser Aguilar, Spanien

Leopard für den besten Darsteller
EX AEQUO an:
Michel Piccoli im Film SOUS LES TOITS DE PARIS von Hiner Saleem, Frankreich
Michele Venitucci im Film FUORI DALLE CORDE von Fulvio Bernasconi, Schweiz/Italien

Besondere Erwähnung
CHO Sang-yoon für die Kamera in BOYS OF TOMORROW von NOH Dong-seok,
Südkorea

Goldener Leopard Cinéastes du présent
TEJÚT (Milky Way) von Benedek Fliegauf, Ungarn/Deutschland

Spezialpreis der Jury Ciné Cinéma des Wettbewerbs Cinéastes du présent
IMATRA von Corso Salani, Italien

Besondere Erwähnung
TUSSENSTAND von Mijke de Jong, Niederlande

Leopard für das beste Erstlingswerk
TAGLIARE LE PARTI IN GRIGIO von Vittorio Rifranti, Italien

Léopards de demain (Kurzfilmwettbewerb):

Internationaler Wettbewerb

Pardino d’oro
VALURI von Adrian Sitaru, Rumänien

Pardino d’argento
BENDE SIRA (Ich bin dran) von Ismet Ergün, Deutschland/Türkei

Schweizer Wettbewerb

Pardino d’oro
RENÉ von Tobias Nölle, Schweiz

Pardino d’argento,
LATITUDE 2023 von Florence Guillermin, Schweiz

 

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Mehrere Auszeichnungen für deutsche Filme am Lago Maggiore - 60. Filmfest Locarno prämiert durchweg experimentelles Kino

Zum Abschluss der 60. Internationalen Filmfestspiele in Locarno (1. - 11. August) in der italienischen Schweiz wurden gleich mehrere deutsche (Ko-)Produktionen mit Preisen ausgezeichnet: Die ungarisch-deutsche Koproduktion Tejút des aus Ungarn stammenden Regisseurs Benedek Fliegauf (Dealer) erhielt den Goldenen Leoparden der internationalen Nebensektion „Cinéastes du présent“. Fliegaufs Film ist wie die meisten anderen prämierten Filme formal sperrig gestaltet, seine „Geschichte“ wird durch endlos lange, nicht zusammenhängende statische Totalen erzählt und Tejút wird daher Mühe haben, außerhalb von Festivals ein Publikum zu finden.

Im internationalen Kurzfilmwettbewerb wurde der Silberne Leopard an die deutsch-türkische Produktion Bende Sira – Ich bin dran von Ismet Ergün verliehen. Der unermüdliche Dokumentar- und Experimentalfilmer Harun Farocki war im südkoreanischen Episodenfilm Memories, der im internationalen Wettbewerb den Spezialpreis der Jury erhielt, mit einem Beitrag vertreten.

Darüber hinaus verlieh die Jury der vom Verband der schweizerischen Filmkritik veranstalteten Nebenreihe „Semaine de la Critique“ ihren Preis an den Dokumentarfilm über jugendliche Straftäter in Russland, Allein in vier Wänden von der russischstämmigen Regisseurin Regisseurin Alexandra Westmeier, der bereits bei seiner Weltpremiere am Eröffnungstag der Reihe von Publik und Presse gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde, wie der Branchendienst „German Films“ mitteilt.

Die beiden Teilnehmer des Internationalen Wettbewerbs, die Literaturverfilmung Nichts als Gespenster von Martin Gypkens und die deutsch-chinesisch-taiwanesische Koproduktion The Drummer von Kenneth Bi gingen allerdings leer aus. Der Grosse Preis des Festivals, der Goldene Leopard, ging an den japanischen Wettbewerbsfilm Ai No Yokan (The Rebirth) von Masahiro Kobayashi, der in 102 Minuten ca. zwanzig Wiederholungen einer einzigen Handlungssequenz , die sich nur in wenigen, kleinen Details unterscheiden, schildert.

Struktur des 60. Festival Internazionale del Film Locarno (2007 ca. 502 Filme insgesamt):
Internationaler Wettbewerb Spielfilm / Piazza Grande (Sonderreihe für bes. innovative Filme) / Filmmakers of the Present (Intern. Spiel-, Dokumentar- oder Experimentalfilme mit Autorenfilmcharakter mit über 30 Min Länge) / Retrospektive / Leopards of Tomorrow (kurze und mittellange Filme aus der Schweiz und einem Gastland) / Play Forward (überwiegend experimentelle, digital produzierte Beiträge) / Open Doors (Sondervorführungen) / The Critics’ Week (Kritikerauswahl neuer Spielfilme) / Sonderreihe Suisse. Präsident: Marco Solari. Künstl. Direktor: Frédéric Maire. MPH

 

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