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23. internationalen Kurzfilmfestival Berlin

Viele kurze Glücksmomente
Das Berliner Kurzfilmfest Interfilm besticht wieder durch seine Vielfalt



Ein erstaunlich echt wirkender, indes nur am Computer geschaffener Schimpanse stapelt in einem hellen, undefiniertem Raum immer geschickter einen Stapel Stühle übereinander, bis er schließlich eine an der Decke befindliche, ominöse Luke öffnen kann. Der Blick aus der Deckenöffnung sorgt für einen gewaltigen Schreck: Der Affe muss erkennen, dass er sich in einen Menschen verwandelt hat, der aus der Luke eines Panzers herausschaut, der auch sogleich schwere Geschütze abfeuert. Da verzichtet der Affe lieber auf die Menschwerdung und schließt die Luke wieder.

So pointiert und stilistisch originell sind Aussagen und Ideen nur vermittels eines Kurzfilmes umzusetzen, in diesem Fall digital erstellt vom japanischen Künstler Daihichi Hasimoto mit Naked Ape, einer von fast 450 Filmen auf dem internationalen Kurzfilmfestival „Interfilm“ in Berlin. Keine Filmsparte ist so vielfältig und originell, aber auch so vernachlässigt wie der Kurzfilm. Er ist aus dem Alltagsprogramm der Kinos schon seit langem verschwunden, aber die zeitgenössische Event-Kultur schafft Abhilfe: Deutschlandweit werden immer mehr Festivals gegründet, die sich auf dieses für den Regie-Nachwuchs so bedeutsame Genre spezialisieren: Dazu gehören die Filmfeste in Eberswalde, Biberach und Weimar, Kassel und Regensburg – und eben „Interfilm“ in Berlin, das mit 23 Jahren allerdings zu den ältesten und europaweit größten und bedeutendsten Kurzfilmfestivals zählt.


Lebensecht animiert: Daihichi Hasimotos Protaginist in Naked Ape

Festivalleiter Heinz Hermanns und seine aus rund 70 internationalen Helfern bestehende Organisationsmannschaft breiten wieder einmal ein wahres Füllhorn über die Neugierigen aus, welche die Berliner Kinos Babylon und Hackesche Höfe dieser Tage in großen Scharen belagern. Von den fast 4.000 aus aller Welt eingereichten Kurzfilmen wurden rund 450 Filme ausgewählt, die auf 50 verschiedene Programmblöcke und fünfzehn Wettbewerbsprogramme verteilt sind. Neben einer Übersicht über die deutsche Kurzfilmszene mit 21 Beiträgen sind themenbezogene Reihen mit internationalen Beiträgen über Gewalt und Intoleranz –„Konfrontationen“ – zu sehen, Kurzfilmblöcke für Kinder verschiedenen Alters, kurze Dokumentar- und Experimentalfilme, Kultiges, die Länderschwerpunkte Rumänien, England, Frankreich und Südkorea und vieles mehr.

Die Kurzfilmfans und Festivalgäste schätzen die lebendige und lockere Atmosphäre bei „Interfilm“, wo die Partynächte in Berliner Clubs mit Video- und Musikclip-Projektionen internationaler Artisten ein wichtiger Bestandteil sind. Für viele anreisende Kurzfilmregisseure sind Festivals wie in Berlin die einzige Möglichkeit, mit ihren Werken eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Denn die Verdrängung des Kurzfilms aus dem öffentlichen Bewusstsein betrifft Filmemacher in Nord und Süd, West und Ost gleichermaßen, wie der rumänische Kurzfilmer Catalin Leescu bestätigt, der mit einem superkurzen, einminütigen Beitrag und einem fünfzehnminütigem Experimentalfilm im „Interfilm“-Programm vertreten ist.

Weil auch in Rumänien der Kurzfilm im Kino nicht präsent ist, versucht Leescu derzeit spezielle Vertriebswege zu entwickeln und eventuell ein eigenes Kurzfilmkino zu gründen. Dazu wird er sich bei seinem Berlinbesuch von den „Interfilm“-Organisatoren über ihre Erfahrungen beraten lassen, die z.B. im Berliner Babylon-Kino mit „Short Attacks“ eine monatliche Kurzfilmreihe etabliert haben. MPH

 

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Reisen in Traum- und Alptraumwelten
Digitale Illusionen auf dem Berliner Kurzfilmfestival „Interfilm“

Die große Freiheit an Inhalten, Formen und Gestaltungsmitteln, die der Kurzfilm bietet, nutzen vor allem die Animationsfilmer und digitalen Computertüftler, wie Programmblöcke wie „Digital Dellusions“ zeigen. Verblüffend ähnlich ahmen mittlerweile viele CGI-Designer in ihren computergenerierte Produktionen die äußeren Eigenschaften und die Ästhetik der früheren Puppen- und Zeichentrickfilme nach.

Zu den herausragenden Beispielen im Digitalfilmprogramm zählt der dänische Hum von Regisseur Soeren Bendt Pedersen, der von einer Begebenheit in einer verlassenen Handwerkskammer erzählt: Ein kleiner, sich auf dürren Elektrodrähten fortbewegende Musikroboter versucht, den auf seinem Kopf befindlichen Schallplattenspieler mit einem Lautsprecher zu verbinden. Erst nach einigen Anstrengungen gelingt es ihm, eine der sich schüchtern versteckenden Dioden für sich nutzbar zu machen und damit einen fröhlichen Leuchtröhren-Ball anzustoßen.


Gegen die Langeweile: Paradise von Jesse Rosensweet

Stilistisch nicht minder ausgefeilt ist der Kurzfilm Paradise des Kanadiers Jesse Rosensweet, der zeigt, dass auch (computeranimierte!) Blechspielzeuge vom dauernden Einerlei ihrer Bewegungs- und Lebensabläufe einmal die Nase voll haben können. Pech für Mr. Blechmann, den Mrs. Blechfrau aus Frust eines Tages in seinem Blechhäuschen allein seine Schienenwege ziehen lässt!

Neben diesen Settings aus Spiel- oder Handwerkszeug wirken die noch immer etwas unnatürlich wirkenden computeranimierten Geschichten besonders dann überzeugend, wenn sie in vollkommen surrealen Tag- oder Traumwelten spielen. Zwei großartige Beispiele sind der französische Le Musicien des Quartetts von „Studio Kremlin“, Cédric Stephan, Julien Ngo, Pierre Lasbigne und Patrick Ermosilla: Hier werden vier Waisenkinder des Nachts mit ihren sich verselbstständigenden Betten in eine unheimliche Kulisse entführt, wo ein unheimlicher Orgelspieler sich ihrer bemächtigen und ins Nichts fallen lassen will. Gottlob erkennt einer der Jungen rechtzeitig, dass alles nur seine Fantasie ist und er die Geschehnisse entsprechend beeinflussen kann.

Der meisterhafte kanadische Digitalfilm Madame Tutli Putli von Chris Lavis imitiert geschickt den charmant-plüschigen Stil alter Puppentrickfilme und lässt die Titelheldin, die mit Unmengen von unhandlichem Gepäck und überaus merkwürdigen Wagonnachbarn in einem kuriosen Hochgeschwindigkeitszug unterwegs ist, eine sich ins alptraumhafte steigernde Reise erleben. Diese endet für Madame Tutli Putli nach einigem Grusel im Nichts?, im Jenseits?, in dem Erwachen? Der Zuschauer jedenfalls durfte sich rund 15 Minuten an einem Werk aus surrealen Versatzstücken und Filmzitaten erfreuen, das von seltener künstlerischer Qualität und Stilsicherheit geprägt ist. MPH

 

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