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Kommerz meets Kino
Das 4. Dubai International Filmfestival


Was haben Margarethe von Trotta, die berühmte deutsche Regisseurin, und die ägyptische Beduinenschriftstellerin Miral Al Tahhawi gemeinsam? Richtig, beide setzen auf Frauen und beschäftigen sich in ihren Werken überwiegend mit Frauenthemen. Darüber hinaus hatten sie noch zwischen dem 9. und 16. Dezember diesen Jahres als Jurymitglieder des 4. Dubai International Filmfestivals (DIFF) eine gemeinsame Aufgabe zu erfüllen: Das Auswählen der besten Filme unter den ausschließlich von männlichen arabischen Filmemachern gedrehten zwölf Wettbewerbsstreifen.

Entsprechend dem Motto des DIFF 4, „Bridging Cultures, Meeting Minds“, wurden insgesamt auf diesem Festival 115 Filme aus mehr als 40 Ländern gezeigt. Zehn Tage lang defilierten viele Stars und Sternchen aus Hollywood (George Clooney, Sharon Stone, Danny Glover), Bollywood, der arabischen Welt und aus Asien auf einem 40 Meter langen roten Teppich.

Drei hervorragende cineastische Persönlichkeiten wurden für ihre Kinoverdienste geehrt: der ägyptische Regisseur Youssef Chahine, der amerikanische Schauspieler Danny Glover und der südkoreanische Filmemacher Im Kwon-Taek. Mit einem vielfältigen Programm, das aus neun Schwerpunkten bestand, zeigte das DIFF, was ein Filmfestival zur Förderung der kosmopolitischen Filmkunst und des multikulturellen Interessenaustausches leisten kann. Denn das neu gegründete Festival, mit dem die Scheichs noch mehr Aufmerksamkeit auf das aufstrebende Golfemirat lenken wollen, spiegelt den multikulturellen Charakter der zu rund 80 Prozent aus Ausländern bestehenden Bevölkerung Dubais und die „provisorische“ Weltoffenheit dieser superlativen Stadt wider.

Dass die humanen und demokratischen Aspekte der Boomcity Dubai mit ihrer auffallenden Architektur von Bauwerken wie Burj al Arab, Madinat Jumeirah und vielen mehr jährlich nur ca. 10 Tage während des DIFF gepflegt werden, ist kein Geheimnis. Zensur, unmenschliche Gesetze und Bestimmungen für ausländische Arbeiter sind offensichtlich in der Verfassung der islamisch-konservativen Golfstaaten verankert.

Deshalb waren die Kinosäle, in denen etwa die unzensierten Spielfilme und Wettbewerbsstreifen gezeigt wurden, besonders voll. Man wusste, dass das Festival die einzige Möglichkeit darstellte, diese in Dubai sehen zu können! Die „sittenwidrigen“ Beiträge wurden sogar im Katalog rot markiert: „Contains: Brief sexuality and strong language or strong sexual scenes.“

Dass zwei von diesen Filmen den DIFF-Muhr-Preis, eine Pferde-Statue aus Gold und Bronze gewonnen haben, beweist die Souveränität und den ästhetischen Blick der Jury: Das Rennen gemacht haben der libanesisch-französische Film Under the Bombs des 43jährigen Regisseurs Philippe Aractingi und der tunesische Beitrag des Regisseurs Abdellatif Kechiche mit dem geheimnisvollen Titel The Secret of the Grain.

Die Hauptfigur des ersten Filmes ist eine Frau. Under the Bombs erzählt beeindruckend die Liebesgeschichte einer Schiitin, Zeina, und eines Christen, Tony, unter den Bomben im Libanon-Krieg. Der Hauptcharakter des zweiten Siegerfilms The Secret of the Grain ist zwar ein Mann, die Frauen spielen aber in seinem Leben entscheidende Rollen: Ein alter, erschöpfter und von der Familie verlassener tunesischer Arbeiter, der seit seiner Kindheit in Frankreich lebt, nimmt sich vor, ein Couscous-Restaurant zu eröffnen – keine einfache Aufgabe, die mit vielen Risiken verbunden ist.

Die Nebenwirkungen der Unentschiedenheit in wichtigen Momenten führen die drei komplizierten Figuren des Films Making Of in die Katastrophe. Der Film des berühmten 62jährigen tunesischen Regisseurs Nouri Bouzid, der mit dem silbernen Muhr-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt meisterhaft die Geschichte eines Filmemachers, eines Schauspielers und eines Tänzers, die unter der Herrschaft der amerikanischen Truppen im Irak zwischen ihrem Privatleben und ihrem Glauben und ihren Träumen hin- und hergerissen sind. Die dichte Atmosphäre des Films vermittelt die angespannte Stimmung in der Zeit nach den Anschlägen am 11. September detailgetreu.

Der Sektor „Arabian Nights“ beschäftigte sich ebenfalls mit den Auswirkungen der terroristischen Angriffe auf die Zwillingstürme in New York. Die zehn Filme, die in diesem Bereich gezeigt wurden, stellten ein anderes, reflektiertes und distanziertes Bild von Arabern und Muslimen im Westen dar als deren Zerrbild im westlichen Kino. Diese cineastischen Beiträge, die sowohl von arabischen als auch westlichen Filmemachern realisiert worden sind, stellten mit radikalen Bildern und deutlichen Sprachen die These von „Crash of Cultures“ in Frage: Das bestätigt der französische Schauspieler Gérard Depardieu im Film Michou D’Auber des Regisseurs Thomas Gilou. Diese tragikomische Geschichte konzentriert sich auf die Freundschaft eines 11jährigen Algeriers, Messaoud, und eines französischen Soldaten-Bauern, der wegen seiner Leistung und Tapferkeit im Algerien-Krieg am Anfang der 60er Jahre mit mehreren Orden ausgezeichnet worden ist. Die Probleme fangen erst dann an, als seine Frau Messaoud ohne sein Wissen adoptiert.

Die Freundschaft zwischen zwei Fischern aus Sizilien und Tunesien ist das Thema des italienschen Debütfilmes Me, the Other des 40jährigen tunesischen Regisseurs Mohsen Melliti, der seit 1991 im italienischen Exil lebt. Der Auslöser dafür, dass sich diese Freundschaft in eine tödliche Feindschaft verwandelt, ist der Bombenanschlag vom 11. März 2004 in Spaniens Hauptstadt Madrid. Alle Filme in diesem Sektor appellieren ergreifend für eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen.

Mit dem „Cultural Bridge-Programme“ erhebt das DIFF zu Recht den Anspruch, eine Brücke zwischen diversen Kulturen zu schlagen. In diesem Sektor wurde u.a. die Weltpremiere des jüngsten Films des engagierten englischen Regisseurs Ken Loach gezeigt: It’ s a Free World stellt aufschlussreich den Überlebenskampf der „illegalen“ Menschen dar, die in der globalisierten Gesellschaft Englands auf der Suche nach einer Arbeit sind. Die Filme von Fatih Akin Auf der anderen Seite und Robert Thalheim Am Ende kommen Touristen in derselben Kategorie haben vor allem die in Dubai lebende deutsche Gemeinde in die Kinosäle gelockt.

DIFF will sich nicht nur als Schaufenster für das arabische Kino profilieren, der Förderung der Filmindustrie in dieser Welt dienen und das Kino aus Afrika und Asien unterstützen – es will noch viel mehr schaffen: sich auch als ein engagiertes Filmfestival etablieren. Zu den Bemühungen der Veranstalter gehörte u.a. in diesem Jahr die Unterstützung eines Projekts zur Bekämpfung von AIDS in Indien. Die indische Regisseurin Mira Nair war mehr als ein Jahr mit ihrem Film AIDS Jaag beschäftigt, dessen Titel auf indisch „Aufwachen“ bedeutet.

Ganz in diesem Sinne moderierte die US-Schauspielerin Sharon Stone als Schirmherrin der Aktion amfAR, the Foundation for AIDS, die Spenden-Gala gegen AIDS während des Festivals. Mit solchen Aktionen und einem clever durchdachten Spielplan zeigte das 4. Dubai International Filmfestival, dass es sowohl die finanziellen Möglichkeiten als auch das Potenzial hat, sich als „Hollywood der Wüste“ zu etablieren, wenn es die Pflege und die Entwicklung einer Kinokultur nicht nur auf die Festivalzeit begrenzt. Fahimeh Farsaie

 

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