
Akne, Angst und Schrecken: Gewaltbereite Jugendliche sind für Filmemacher weltweit ein Thema. Hier: Denis Moschitto als Bandenchef in 'Chiko'
Die Mehrzahl der hessischen Wähler hat es ihrem Ministerpräsidenten Koch bekanntermaßen nicht gedankt, eine Debatte um Gewalt unter jugendlichen Migranten ausgelöst zu haben. Die Berlinale bietet nun Gelegenheit, jenseits des Wahlkampfgetöses die sozialen Problemfelder Jugendgewalt, Integrationsdefizite und Bandenkriminalität differenziert zu betrachten.
Probleme, die Autoren und Regisseure aus vielen verschiedenen Ländern der Welt beunruhigen, denn eine ganze Reihe von Filmen quer durch alle Sektionen des Festivals beschäftigt sich mit den Ursachen und Folgen vor allem jugendlicher Gewaltausübung.
Einer der rasantesten, explosivsten Filme der gesamten Berlinale ist der Film 'Chiko' im Programm des Panoramas. Der deutsch-türkische Regisseurs Özgür Yildirim erzählt darin von einer Clique türkischer junger Männer, deren Anführer Chiko (mit viel charismatischer Arroganz von Denis Moschitto gespielt) um nahezu jeden Preis sehr schnell an sehr viel Geld kommen will, um seinen sozialen Status innerhalb der deutschen Gesellschaft zu verbessern. Dieses Ziel scheint Chiko nur auf kriminellem Wege erreichbar und so erkämpft er sich im wahrsten Sinne des Wortes das Vertrauen des mit illegalen und legalen Mitteln zu Reichtum gekommenen Dealer-Königs „Brownie“ (genial als proletenhafter Neureicher: Moritz Bleibtreu). Doch nachdem „Brownie“ Chikos besten Freund foltert, gerät dieser in einen schweren Loyalitätskonflikt, der in einem blutigen Fiasko endet.
'Chiko' ist eine authentische, von Testosteron und Adrenalin gesättigte Mischung aus Milieustudie, Mafia- und Actionthriller, die bewährte Muster gekonnt variiert. Indem Regisseur Yildirim zeigt, dass Chiko und seine Freunde nicht in Armut, wohl aber in einer Art Migrantenghetto leben, verweist er auf die Gefahren von Abschottung und Selbstbezogenheit, die auch Soziologen in letzter Zeit als eine der Ursachen für die Entstehung von Bandengewalt unter den Einwanderernachkommen benannt haben. Konsequenterweise entkommt in 'Chiko' nur derjenige dem kriminellen Teufelskreislauf, der sich rechtzeitig aus der Riege der Großstadtmachos verabschiedet.

Überleben als Kampf - ohne Hoffnung auf Besserung: Julianne Côté und Maxime Desjardins-Tremblay in 'Le Ring / The Fight'
Welche verhängnisvolle Rolle ein von Armut, sozialem Abstieg und Kleinkriminalität geprägtes soziales Umfeld auf gefährdete Jugendliche hat, illustrieren auch die aktuellen Filme 'Le Ring (The Fight)' aus Kanada (Panorama), 'Regarde-Moi' aus Frankreich und 'Tribu' von den Philippinen (beide im Forum). In allen Filmen stehen Kinder oder Jugendliche im Mittelpunkt, deren individuelle Entwicklungschancen zu verkümmern drohen, weil das soziale Milieu, in dem sie aufwachsen, von Perspektivlosigkeit, Verwahrlosung und Verrohung geprägt ist. Der Ausbruch aus den wie hermetisch abgeschottet wirkenden Ghettos, in denen auch Hautfarbe und ethnische Abstimmung eine große Rolle spielen, erfordert viel persönlichen Mut und Entschlossenheit, die nur wenige der betroffenen Jugendlichen aufbringen – die dafür dann auch noch von ihren ‚Freundescliquen’ bestraft werden. Der stilistisch interessanteste Film zum Thema Jugendgewalt ist der brasilianische Panorama-Beitrag 'Maré, nossa historia de amor'– eine aktuelle Variante von Shakespeares „Romeo und Julia“, die in den Ghettos von Sao Paolo, den Favelas, angesiedelt ist. Hier stehen sich zwei martialisch bewaffnete, die kriminellen Aktivitäten ihrer Mitglieder kontrollierende Banden, die „Roten“ und die „Blauen“ unversöhnlich gegenüber. Nur die von einer engagierten Sozialarbeiterin geleitete Samba- und Hip-Hop-Tanzschule, in der Jugendliche aus allen Vierteln zusammen kommen dürfen, ist die letzte, friedliche Bastion. Die sich dort anbahnende Liebesgeschichte zwischen Analidia und Jonathan, die verschiedenen Cliquen angehören, bleibt indes ohne Chance. Gottlob hat Regisseurin Lúcia Murat daraus kein Musical à la „West-Side-Story“ gemacht, sondern ein mitreißendes Drama, dessen Tanz- und Musikeinlagen die Handlung adäquat unterstützen.

Die brasilianische Regisseurin Lúcia Murat geht inhaltlich und stilistisch ungewohnte Wege: 'Maré, nossa historia de amor'
Als weitgehend misslungen muss der neue Film des aus dem Libanon nach Schweden emigrierten Regisseurs Josef Farès, 'Leo' gelten (Forum). Farès ('Jalla, Jalla') wollte offensichtlich einen unbequemen Film inszenieren, der keine klaren Antworten auf das Phänomen Gewalt innerhalb einer Gesellschaft gibt. Leo ist ein ungescholtener, junger Mann, dessen Freundin bei einem sinnlosen Überfall gewaltbereiter (ausländischer?) Provokateure ums Leben kommt, der sich danach vor Rachephantasien verzehrt und diese mithilfe seiner Freunde versucht, in die Tat umzusetzen. Neu an Farès ungemütlicher 'Ein Mann sieht rot'-Variante ist der ungeschönte Blick auf die Qualen des Opfers der Gewaltanwendung. Auch die Ironie, dass der fest in die Gesellschaft etablierte Schwede seine Freunde mit Migrationshintergrund für seinen Rachefeldzug benutzt, ist nicht ohne Reiz. Aber die Moral der Geschichte, dass Gewalt nur Gegengewalt produziert, ist dann doch ein bisschen zu dünn, um zu überzeugen. Max-Peter Heyne
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