
'Sag mir, wo die Schönen sind…'– im wahrsten Sinne des Wortes ein „Panorama“-Film
Am 7. Mai 1989, nachdem Ungarn schon seine elektronischen Grenzsicherungen zu Österreich abbaut, fanden in der DDR noch einmal Kommunalwahlen statt. Deren zugunsten der SED gefälschte Ergebnisse lösten bei vielen Bürgern Proteste aus, die aus heutiger Sicht der Anfang vom Ende der DDR waren, denn sie können als Vorstufe der späteren Massendemonstrationen in Leipzig und anderen Städten gelten. In Leipzig fand in diesen bewegten Maitagen auch ein weiteres, weniger weltbewegendes Ereignis statt, das für seine Teilnehmerinnen allerdings eine ziemlich aufregende Sache war: die Wahl der „Miss Leipzig 1989“. Ungewöhnlich viele und viele ungewöhnliche Kandidatinnen folgten in dieser politischen Umbruchsituation dem Aufruf der „Leipziger Volkszeitung“, in Bademode vor einer Jury zu posieren. Der Fotograf Gerhard Gäbler schoss damals als Student künstlerische Porträts von zwanzig der teilnehmenden Frauen an ihrem Arbeitsplatz und im privaten Umfeld.
18 Jahre später haben Gäbler und der Dokumentarfilmer Gunther Scholz (63) mehrere der ehemaligen „Miss Leipzig“-Kandidatinnen besucht, um zu erfahren, was seit 1989 aus ihnen geworden ist. Der Berlinale-Beitrag 'Sag mir, wo die Schönen sind…'– im wahrsten Sinne des Wortes ein „Panorama“-Film – beweist: Die meisten der inzwischen rund 40-jährigen Frauen haben ihr Leben bislang gut gemeistert. Es lag sicher nicht allein an ihrer Schönheit, die einst Anlass zur Teilnahme an der Misswahl war, sondern an Qualitäten wie Eigensinn, Talent und Beharrlichkeit, dass sich die Porträtierten in ihren Berufen durchgeboxt oder sogar eine beachtliche Karriere gemacht haben:
Aus einer früheren Leipziger Straßenbahnschaffnerin wurde eine bayerische Postangestellte, die in den Westen ging und mittlerweile mit ihrem Mann Ausreisepläne Richtung Nordamerika schmiedet. Eine ehemals in der VEB-Salzstangenproduktion Tätige ist heute Zimmerfrau in einem Leipziger Nobelhotel. Eine ehemalige Pionierleiterin wurde Teamleiterin in einem Call-Center. Eine Ex-Fabrikarbeiterin holte in Abendkursen ihr Abitur nach, um als Verwaltungsangestellte besser aufsteigen zu können. Sie ist Leipzig immer treu geblieben und tritt in ihrer Freizeit u.a. bei Stadtfesten als Schlagersängerin auf.

Du freust Dich doch darüber, dass ich Miss Leipzig werden will , oder, Schatz?
Andere Frauen hat es in die weite Welt verschlagen: Aus jener jungen Frau, die zu DDR-Zeiten nicht zum Medizinstudium zugelassen wurde, wurde eine erfolgreiche Innenarchitektin, die heute für die Ausstattung aller europäischen Häuser einer großen Hotelkette zuständig ist. Die Chefin einer Berliner PR-Agentur ist mittlerweile mit ihrem Mann in das boomende Golf-Scheichtum Dubai umgezogen, wo sie eine Dependance aufgebaut hat. Dass ausgerechnet die ehemalige Siegerin der 89er-Misswahl von Leipzig ins Esoterische abdriftete, ist die ironische Krönung eines amüsanten Panoramas von Kurzporträts, das Regisseur Gunther Scholz ('Als der Osten Westen wurde', 2004) „als Entdeckungsreisen in das zweite Leben“ früherer DDR-Bürger klug zusammengestellt hat. 'Sag mir, wo die Schönen sind…' ist vor allem ein Spiegelbild des Selbstbewusstseins ostdeutscher Frauen, – zumindest solcher, die 1989 jung genug waren, um die sich ihnen mit der Wende bietenden Chancen beherzt zu ergreifen. Wie viel schwerer sich hingegen die vorige Generation tat, an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, belegt die „Kinder-von-Golzow“-Chronik.
Ein weiteres, zeitgeschichtliches Dokument im Panorama der Berlinale ist 'Jesus Christus Erlöser'– ein aus dem Nachlass Klaus Kinskis (1926-99) komplett zusammengefügter Mitschnitt seines legendären Auftritts als Rezitator des Neuen Testaments in der Westberliner Deutschlandhalle im November 1971. Wer wissen will, warum die Bergpredigt noch immer von aktueller Brisanz ist und Kinski einen Ruf zwischen Genie und Wahnsinn anhing – hier erfährt man es! Kinskis mit aktuellen Bezügen wie dem damaligen Vietnamkrieg der USA ausgeschmückte Interpretation vom Wirken Jesu war ein radikal antiautoritärer und -klerikaler Ansatz, der jede Institutionalisierung des Christentums ablehnte. Schon deshalb wirkt es grotesk, dass Kinski auf die Zuhörerschaft herunterpredigen und wutentbrannt alle Diskussionsversuche abwürgen wollte, wo doch seine eigenwillige Auslegung und Artikulation Widerspruch geradezu provozierte.

Klaus Kinski - Messias des Wahnsinns
Waren bislang nur die Ausschnitte mit Kinskis Wutausbrüchen bekannt, gibt Peter Geyers (41) Film nun erstmals die flirrende Spannung des gesamten Abends wieder, bei der die Missklänge zwischen Künstler und (einigen) Zuhörern schließlich eskalierten, weil Kinski und sein "Vorbild" Christus ständig in eins zu fallen drohten. Max-Peter Heyne 'Sag mir, wo die Schönen sind…'
Termine Berlinale: Di, 12.02., 17:00 CineStar 7 / Mi, 13.02., 12:00 CineStar 7 / Do, 14.02., 22:30 CineStar 7 / Sa, 16.02. 15:30 Colosseum.
'Jesus Christus Erlöser'
Termine Berlinale: Mo, 11.02., 17:00 International / Di, 12.02., 22:30 CineStar 7 / Mi, 13.02., 22:30 Cubix 7 & 8.
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