
In jeder Hinsicht Ehrenpreisverdächtig: Barbara und
Winfried Junge 2008
Das Längste kommt zum Schluss: Fast fünf Stunden Laufzeit umfasst der definitiv letzte Teil des Filmzyklus über die Lebensgeschichten der „Kinder von Golzow“. Am Sonntag, den 10. 2., hat das Mammutwerk von Winfried und Barbara Junge innerhalb des Forum-Programms der Berlinale seine Weltpremiere, bevor ihn der Progress-Verleih am 3. April in die Kinos bringt. '…dann leben sie noch heute' ist mit 290 Minuten Länge der angemessene Schlussakkord und Schluss-Rekord einer Filmreihe, die längst alle Rekorde gebrochen hat: Mit 46 Jahren Produktionszeit, sechs Kurzfilmen, acht abendfüllenden und sechs überlangen Porträtfilmen, 2551 Filmminuten, also über 42 Stunden Laufzeit und über 400 Kilometer Filmmaterial (davon 70 tatsächlich verwendete) ist die „Kinder-von-Golzow“-Saga unüberbietbar die älteste und umfangreichste Langzeitchronik der Filmgeschichte.
Mit der Chronik haben das Filmemacher- und Ehepaar Winfried (72) und Barbara Junge (64) über die Jahrzehnte eine eigene Marke geschaffen, den 1.000-Einwohner-Ort Golzow im Oderbruch, rund 60 Kilometer von Berlin entfernt, bei Cineasten in aller Welt bekannt gemacht. Und schließlich hat die Serie auch auf die Wirklichkeit des Ortes zurückgewirkt, die die Junges zunächst "nur" dokumentiert haben: Seit einigen Jahren lässt sich die Entstehungsgeschichte der Filmchronik auch in einem Buch und einer Ausstellung nachverfolgen.
Inzwischen ist Winfried Junge Ehrenbürger von Golzow, außerdem sind er und seine Frau Mitglieder im Organisationskomitee der 700-Jahr-Feier, die Golzow im September abhält. So sind die Chronisten der Golzower Lebensläufe dem Ort noch stärker verbunden als die meisten ihrer ‚Filmhelden’, die als ABC-Schützen 1961 erstmals in dem Kurzfilm „Wenn ich erst zur Schule geh“ zu sehen waren und von denen nur drei heute noch oder wieder in Golzow leben.
Natürlich sei die Filmreihe über „Die Kinder von Golzow“ über die Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Bestandteil des eigenen Lebens, aber auch des Zusammenlebens mit seiner Frau Barbara gewesen, betont Winfried Junge: „Wie sehr es unser Leben bestimmt hat, werden wir sicher erst merken, wenn alles vorbei ist.“ Trotzdem wollten sie nun 'das Ende der unendlichen Geschichte' – so der selbstironische Untertitel des letzten Films – „noch planvoll“ abschließen, solange „Kraft und Geld“ dazu reichen, wie Winfried Junge sagt.
 
Stationen eines Lebens: Gudrun 1975 und 1983
Auch der Abschlussfilm solle wieder zeigen, „dass der Alltag von Millionen von Menschen in der DDR nicht nur aus den beiden Polen Stasi, Unterdrückung oder Widerstand bestand“, betont Regisseur Winfried Junge. Dennoch ist '…dann leben sie noch heute' auch eine weitere Reflexion über die Prägung von Individuen durch ein bestimmtes Lebensumfeld und das, was man ganz allgemein Geschichte nennt. Streng genommen ist der jetzt auf der Berlinale laufende Abschlussteil der Reihe kein ganz eigenständiger Film, sondern die integrale Fortsetzung des vor zwei Jahren ebenfalls im Forum der Filmfestspiele präsentierten Vorgängers, 'Und wenn sie nicht gestorben sind…'. Nur so konnten die Junges und Produzent Klaus Schmutzer die Förderbedingungen einhalten, denn man hatte der Berlin-Brandenburger Filmförderung versprochen, nur noch einen letzten Film zu finanzieren. Die Leitlinie, die Winfried Junge und sein DEFA-Mentor Karl Gass schon vor dem ersten Dreh in Golzow im Spätsommer 1961 – vierzehn Tage nach Beginn des Mauerbaus – anvisiert hatten, konnte Junge bis zum Schluss durchhalten: Nämlich jenseits der politisch gewünschten, positiven Bilder möglichst viele, authentische Eindrücke – zunächst vom Schul-, später dann vom Lebensalltag – der Porträtierten einzufangen. Es gab auch die ungefähre Vision, bis zum Jahr 2000 zu dokumentieren, was aus den einzelnen Schülern im späteren Leben wird. An konkreten Lebensläufen hätten die Leistungen des DDR-Sozialismus aufgezeigt werden sollen, der 1999 seinen 50. Jahrestag erlebt hätte. Mit dem letzten Geld der DEFA „haben wir dann allerdings 1989 den Untergang der DDR gedreht“, sagt Winfried Junge, der zugibt, dass auch er zunächst verunsichert gewesen war, was die Zukunft der Chronik betraf. Rührender Beweis von Junges Verbundenheit zu seinen ‚Filmkindern’: Er hatte auch „Angst um die Betreffenden, mit denen wir Jahrzehnte gedreht hatten: Werden sie die Kurve kriegen, können sie sich neu orientieren?“

Schon mit 19 Jahren in den Schuldienst, heute im Ruhestand: Lehrerin Marlies Teike
Ob und wie es Karin, Gudrun, Bernhard, Eckhard und die zweite Elke aus der Riege der Golzower Erstklässler von 1961 geschafft haben, kann der Zuschauer in nun im letzten Film der „Kinder-von-Golzow-Reihe nachvollziehen. '…dann leben sie noch heute' bietet zudem noch ein anrührendes Wiedersehen mit der Lehrerin Marlies Teike, die 1961 bereits mit 19 Jahren in den Schuldienst ging, 1991 Direktorin wurde und vor einigen Jahren aus diesem Amt in den Ruhestand verabschiedet wurde. Ein geradliniger Lebensweg, der nicht allen Ex-Schülern von Frau Teike vergönnt war. Die ‚Heldinnen’ und ‚Helden’ des letzten Films hatten mit beschränkten Entfaltungschancen vor der Wende und mehr oder minder langen Phasen von Arbeitslosigkeit nach der Wende zu hadern. Je nach Temperament und Flexibilität konnten die Porträtierten damit besser oder schlechter umgehen, eine bodenständige Zuversicht zeichnet indes alle aus: „Ich bin Golzowerin und bleibe es“, sagt Karin dazu, die der Arbeit wegen in den Westen zog. Ob sie tatsächlich ein so unsentimentales Stehaufmännchen ist, wie sie sich vor der Kamera präsentiert, ist eines der Privatissime, die Winfried Junge als Interviewer nicht ans Licht zerrt, sondern allenfalls mittels seiner pointierten Kommentare andeutet. Überhaupt: Die Kommentare fallen diesmal durch besondere Selbstironie auf. Jedenfalls spricht er an mehreren Stellen offen an, wie sehr ihn das introvertierte, wortkarge Verhalten der beiden Schulkameraden und späteren Maschinenschlossern Bernhard und Eckhard als Dokumentarfilmer gestört hat. Über seine damalige Unzufriedenheit gegenüber dem genügsamen Bernhard sagt er im Film: „Und so entfuhr es dem Chronisten: ‚Sag mal, bei Dir tut sich ja so gar nischt!’“.
Damit ruft der Filmemacher sich und uns in Erinnerung, dass die „Kinder von Golzow“ ihre Leben ja nicht eigens für den Film führen. Gudrun z. B. – die interessanteste Person des letzten Films – ließ ihren Lebensneuanfang nach 1991 nicht mehr filmen. Als Tochter des in der Region weithin bekannten Vorsitzenden der früheren Golzower LPG zeigt ihr Leben exemplarisch, welche starke Prägung zunächst vom Elternhaus ausgeht, bevor Gesellschaft und Staat uns ihren Stempel aufdrücken. Das Doppelporträt über Bernhard und Eckhard, die bis heute Freunde geblieben sind, gibt Winfried Junge zum Schluss Gelegenheit, ausführlich auf die Geschichte der ehemaligen LPG einzugehen, die als einer der größten Betriebe seiner Art in Europa für die Region des Oderbruchs von herausragender Bedeutung war und ist.
 
Bernhard 1966 als ABC-Schütze und Bernhard 1981
Die Umwandlung der LPG in eine privatwirtschaftliche GmbH nach der Wende beeinflusste das Leben vieler Menschen, eben auch das von Bernhard und Eckhard, die sich jahrelang mit befristeten Zeitverträgen oder „als Mädchen für alles“ über Wasser hielten, wie sie sagen. Dennoch blicken beide ohne Zorn zurück, denn, so sagt Bernhard einmal, „das gezwungene Leben ist weg, die Freiheit ist mehr wert.“ Den eigentlich heimatverbundenen Bernhard verschlägt es seit Mitte seit 1994 immer häufiger in die Ukraine, mit der die Golzower Landwirte schon seit 1993 ein Joint Venture mit einem ehemaligen Kolchos pflegen. Für ein Finale nach 46 Jahren Golzow-Chronik ist '…dann leben sie noch heute' erstaunlich unsentimental geraten, was den Unterhaltungswert keineswegs schmälert, sondern das Bedauern über die Unvermeidlichkeit des Endes noch steigert. Die Junges sind durch das Überstellen des Materials an das Bundesfilmarchiv oder das Redigieren von Untertiteln weiter stark mit dem Golzow-Projekt beschäftigt, das sie zuletzt zu einer DEFA-Retrospektive nach Oslo führte. Dass sich das Paar von problematischen Produktionsumständen nie hat abschrecken lassen und – in Komplizenschaft mit ihren jeweiligen Produzenten – beharrlich und erfolgreich ihre filmische Zeitgeschichtsschreibung zu Ende gebracht haben, sollte den Institutionen, die für die Würdigung herausragender, künstlerischer Leistungen im Film zuständig sind, einen entsprechenden Ehrenpreis wert sein. Max-Peter Heyne
Termine Berlinale: So, 10.2., 13 Uhr im Delphi-Kino, Kantstraße 12a und Sa, 16.2., 14 Uhr im Cinestar 8, Sony Center, Potsdamer Platz, 4.
Bundesdeutscher Start ab 3. April.
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