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Berlinale-Wettbewerbsprogramm rockte nicht!
Highlights vom Festival und ihre Kinostarttermine



Der ewige Fernseh-Beamte Elmar Wepper mal ganz anders: In 'Kirschblüten - Hanami'

„Let’ s rock“, kündigte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick zum Auftakt seines Festivals mit viel Schmackes und den weltberühmten Rolling Stones an. Aber schon ab dem zweiten Programmtag war höchstens Slowfox angesagt: Interessante Wettbewerbsbeiträge waren selten, Originalität war Mangelware – außer wie erwartet Michel Gondrys außer Konkurrenz gezeigte, herrlich schräge Farce über zwei Filmfreaks, 'Be Kind Rewind' (als 'Abgedreht' ab 3. April 2008 im Kino).

Was in den vergangenen Jahren bei vielen Fachbesuchern und Journalisten oftmals klaglos als Berlinale-typisch hingenommen wurde – übervolle Kinos und Gerangel um gute Plätze – sorgte angesichts eines enttäuschenden Hauptprogramms gerade bei weit angereisten Kollegen diesmal für Verdruss.

Pluspunkte waren wieder einmal das enorme Publikumsinteresse und ein solides Staraufgebot. Doch wenn das Festival wie 2008 in fast allen Sparten überwiegend Masse statt Klasse bietet, dann ragt die Berlinale aus dem uns umgebenden, filmisch-medialen Überangebot von Filmen im Kino, auf DVD, im Internet oder Fernsehen nicht als Leuchtturm heraus, sondern geht in einer zu Kult und Hysterie tendierenden Eventkultur genauso unter wie alles andere. Angesichts des bislang schwächsten Programms, das Dieter Kosslick seit seinem Antritt als Berlinale-Chef 2001 präsentierte (ein ähnlich schwaches bot zuletzt Moritz de Hadeln 1995!), hatte die Jury zwar keine große Auswahl. Dennoch schade, dass kein einziger Beitrag etwas gewonnen hat, der sich mit den weniger unmittelbar politischen Themen wie Krankheit, Sterben, Trauer und Abschiednehmen beschäftigte.

Denn diese Filme, die immerhin ein Drittel aller Filme des Hauptprogramms 2008 ausmachten, gaben Auskunft darüber, wie tauglich oder untauglich die Mittel des Kinofilms sind, nachvollziehbar werden zu lassen, was eigentlich unsichtbar ist: Emotionaler Schmerz, Zerrissenheit, Verzweiflung, die sich hinter den sichtbaren Tränen verstecken. Ein kurzer Smalltalk mit dem begnadeten Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ('Berlin - Ecke Schönhauser', 1956; 'Sommer vorm Balkon', 2004) von Kinosessel zu Kinosessel gibt Aufschluss: „Bei Komödien und Klamotten versteht jeder, dass man wegen der Pointen als Autor sehr präzise sein muss, was aber im Grund für die dramatischen Geschichten genauso gilt.“

Gerade Kinofilme, in denen das Schicksal traurig waltet, müssen sich angesichts der vielen, rührseligen Schmonzetten im Vor- und Hauptabendprogramm des Fernsehens durch eine besonders ausgefeilte Balance aus Emotionalität und Intellektualismus, Konventionen und Überraschungen, aus Nähe und Distanz zu den Figuren auszeichnen. Dies gelang aber nur selten, z.B. Doris Dörrie mit 'Kirschblüten - Hanami' oder Phillippe Claudel mit 'Il y a longtemps que je t’ aime' ('Ich liebe Dich schon lange'). Vielleicht weil der Wettbewerb von Beginn an wenig Interesse schürte – vom fesselnden US-Drama 'There Will Be Blood', der bereits in den Kinos angelaufen ist, einmal abgesehen – zogen viele Kollegen im Laufe des Festivals ziemlich gnadenlos auch über mittelprächtige Filme wie 'Feuerherz' (D), 'Caos Calmo' (I) oder 'Gardens of the Night' (USA) her, die abseits des Festivalgetöses hoffentlich noch eine zweite Chance auf eine gerechtere Beurteilung erhalten. Wenn bereits bekannt, hier deshalb die Starttermine einiger sehenswerter Wettbewerbsfilme:


Herrlich schräge Farce über zwei Filmfreaks, 'Be Kind Rewind' von Michel Gondry

Direkt, aber unaufdringlich erzählt Dörrie in 'Kirschblüten - Hanami' am Beispiel des älteren Ehepaares Rudi und Trudi, die in der bayerischen Provinz ein beschauliches Dasein führen, vor welche existentiellen Fragen uns die Erkrankung und der Tod eines Angehörigen unvermutet stellen. Besonders Rudi (phänomenal: Elmar Wepper) schätzt das Leben in wohlgeordneten Bahnen, die indes Sicherheit vor unliebsamen Überraschungen nur vorgaukeln. Erst als Trudi (überzeugend sogar als Landpomeranze: Hannelore Elsner) überraschend vor ihrem schwer erkrankten Mann stirbt, erkennt der Witwer, was er sich und seiner Frau zu Lebzeiten aus Verzagtheit vorenthalten hat und begibt sich auf eine Reise ins Sehnsuchtsland seiner Frau – Japan –, wo er mittels Menschen und Landschaften neue Einsichten über Trudi und sich selbst erlangt. Dörrie ist übrigens die einzige Regisseurin, die beim Thema Tod eine – wenn auch exotische – Spiritualität ins Spiel bringt. Ihre poetischen Bilder übersetzen auf anrührende und verblüffende Weise Gefühle wie Verlust, Trauer und Trost. Kinostart: 6. März 2008


Die zögerliche Annäherung zweier lange voneinander getrennten Schwestern in 'Il y a longtemps que je t’ aime'

Auch der französische Regisseur Phillippe Claudel vertraut in 'Il y a longtemps que je t’ aime' ('Ich liebe Dich schon lange') der guten Besetzung (Kristin Scott Thomas, Elsa Zylberstein) und sanften, erzählerischen Nuancen: Claudel weiß, dass er die Gefühle einer Mutter, die aus Verzweiflung zur Mörderin ihres jungen Kindes wurde, nicht 1:1 vermitteln kann. So zeigt er stattdessen die teils feindlichen, teils ungläubigen Reaktionen der Umwelt und besonders die zögerliche Annäherung zweier lange voneinander getrennten Schwestern. Schade, dass Claudel seiner behutsamen Schilderung, wie einer Gefallenen vergeben und eine neue Lebensperspektive eröffnet wird, nicht ohne große Schlusserklärung präsentieren mag. Immerhin: Dem feinfühligen Film verlieh die sechsköpfige, Ökumenische Jury der internationalen Filmorganisationen von katholischer und evangelischer Kirche (Signis, Interfilm) ihren Hauptpreis. Kinostart: voraussichtlich 2008.


Topstar Penélope Cruz in Isabell Coixets 'Elegy' und eine Parkbank als Managerbüro in Antonello Grimaldis 'Caos Calmo'

Eine sensible Regisseurin wie die Spanierin Isabell Coixet, die vor vier Jahren auf der Berlinale mit Mein Leben ohne mich begeisterte, trug in ihrem neuen Film 'Elegy' (nach einem Roman von Philipp Roth; Kinostart: voraussichtlich 2008) dramaturgisch etwas dick auf, ihr italienischer Kollege Antonello Grimaldi in 'Caos Calmo' ('Stilles Chaos') hingegen zuwenig. In 'Caos Calmo' stirbt völlig überraschend die Ehefrau eines beruflich erfolgreichen, aber emotional unterkühlten Helden (Nanni Moretti diesmal ‚nur’ als Schauspieler) und hinterlässt zusätzlich eine sechsjährige Tochter. Der Witwer verlagert daraufhin seinen Managerjob auf die Parkbank vor die Grundschule seiner Tochter – ein schöner Einfall, denn er gibt Grimaldi Gelegenheit, einen bunten Nachbarschafts-Mikrokosmos alla Italia zu zeigen: Das stille Chaos, das in der Seele des Hinterbliebenen wirkt, findet sich spiegelbildlich in seiner Umgebung. An Moretti und der hervorragenden Riege italienischer Kolleginnen liegt es nicht, dass 'Caos Calmo' dennoch nicht gänzlich zu überzeugen vermag. Das liegt vielmehr an der dahinplätschernden, jede Zuspitzung vermeidenden Dramaturgie, deren Autoren nicht bedacht haben, dass der Zuschauer schnell erkennt und begreift, dass und warum der Witwer sich seiner Trauer zunächst nicht öffnen kann. Kinostart: noch unklar.


Blendendes Aussehen trotz jahrelanger Drogenabhängigkeit: Gillian Jacobs in 'Gardens of the Night'

Der US-amerikanische Regisseur Damien Harris scheute letztlich trotz aller Direktheit davor zurück, seiner Geschichte über das Schicksal zweier von Pädophilen jahrelang missbrauchten Kinder in 'Gardens of the Night' ('Gärten der Nacht') die nötige Brisanz und Schärfe zu geben – was ja nicht unbedingt Drastik meint (wobei freilich zu beantworten wäre: was dann?). Vor allem irritiert trotz der konsequenten, erzählerischen Fokussierung auf die Opfer, wieso insbesondere das missbrauchte Mädchen als junge Frau (Gillian Jacobs) noch so blendend aussieht und kontrolliert handelt, obgleich sie laut Drehbuch jahrelang als Drogenabhängige und Prostituierte auf der Straße lebte. Kinostart: noch unklar.


(Quasi)Verfilmung einer umstrittenen Biographie: 'Feuerherz' von Luigi Falorni

Auch Harris’ deutsch-italienischer Kollege Luigi Falorni ('Die Geschichte vom weinenden Kamel', 2002) kochte seine (Quasi-) Verfilmung der umstrittenen Autobiographie von Senait Merahi dramaturgisch herunter – offenkundig im Bemühen, nicht ebenfalls wie Merahi der Lust am Aufbauschen angeklagt zu werden. Dennoch vermag Forlanis Film anhand des Einzelschicksals ein weitergehendes Interesse für die Schicksale solcher bemitleidenswerten Kinder zu wecken. Die etwas verklemmte Reaktion der Produzenten auf Fragen nach der Verbindung zu Merahis Buch wiederum bleibt aus Marketing-Überlegungen unverständlich: Da hat man schon mal ein kontroverses Buch zu einem heiklen Thema und macht einen Bogen drum herum? Kinostart: 19. Juni 2008


Trotz Faktentreue etwas zu konventionell geraten: 'Katyn' von Altmeister Andrzej Wajda und der Kassenschlager aus Brasilien 'Tropa de Elite'

Und schließlich: der außer Konkurrenz gezeigte neue Film vom polnischen Meisterregisseur Andrzej Wajda über das polnische Kriegstrauma 'Katyn' ist trotz aller beachtlichen Faktentreue dramaturgisch doch etwas zu plakativ und konventionell geraten. Wajda selbst stellte während der Pressekonferenz die Frage, wie anders man den hochkomplexen, vielschichtigen Ereignissen vom Frühjahr 1939, als Stalins Geheimdienst zehntausende polnische Offiziere in den Wäldern Katyns ermorden ließ, sonst hätte gerecht werden können? Wahrscheinlich hätte es doch eines Erzählansatzes bedurft, der sich weniger der historischen und psychosozialen Aufarbeitung des Nationaltraumas verpflichtet fühlt, und dafür fokussierter, zupackender auf ein, maximal zwei Einzelschicksale abgehoben hätte - wie etwa Polanskis 'Pianist' vor einigen Jahren (Kinostart: noch unklar). Unkonventioneller und unbequemer ist jedenfalls der Goldene-Bären-Gewinner 'Tropa de Elite' ('Die Eliteeinheit') geraten, der in Brasilien bereits ein Kassenschlager ist. Padhila erinnert daran, dass innerhalb eines von Überforderung und Korruption gezeichneten Systems Moral ein Luxusgut ist. Kinostart: noch unklar.


Vom schwachen Wettbewerbsprogramm unbeeindruckt wurde - wie hier im feudalen Edelhotel Ritz Carlton - auf der Berlinale jeden Abend gefeiert - denn die Feten sind 1a-Kontaktbörsen

Weitere interessante Berlinalefilme und ihre Kinostarts:

Ab 28. Februar: 'Trip To Asia'. DOK, D 2007 (aus der Festivalsektion „Special“)
Eine umfangreiche Tourneereise in fernöstliche Staaten dient Regisseur Thomas Grube als Anlass, über eine Vielzahl von Interviewausschnitten, das Innenleben der legendären Berliner Philharmoniker auszuleuchten. Etwas zu ‚allegro’ geschnitten, aber aufschlussreich.

Ab 4. April 2008: 'Shine A Light'. DOK, USA 2007. Martin Scorseses Rolling-Stones-Konzertmitschnitt, der wenigstens für eine spektakuläre Festivaleröffnung sorgte. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 4. April 2008: '... dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow'. DOK, D 2007
Der wirklich allerletzte – fast fünfstündige, aber keine Minute zu lang geratene – Abschlussteil der unüberbietbar ältesten und umfangreichsten Langzeitchronik der Filmgeschichte von Winfried und Barbara Junge. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 10. April 2008: 'Football under Cover'. DOK, D 2007 (aus der Festivalsektion „Perspektive Deutsches Kino“)
Multikultureller Frauenfußballverein aus Kreuzberg setzt trotz aller Widerstände ein Länderspiel gegen die iranische Damen-Fußballnationalelf in Teheran durch, die dort eigentlich nur auf dem Papier existiert. Zwei Welten – eine Leidenschaft. Plädoyer für die subversive Kraft von Sportsgeist und Frauenpower. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 17. April: 'Jesus Christus Erlöser'. DOK, D 2007 (aus der Festivalsektion „Panorama“)
Der legendäre Auftritt Klaus Kinskis als Interpret und Rezitator des Neuen Testaments in der Berliner Deutschlandhalle im November 1971 erstmals in voller Länge. Peter Geyers Film zeigt erstmals, wie sich die Spannungen zwischen Künstler und Zuhörern an diesem Abend hochgeschaukelt haben und schließlich eskalierten, weil Kinski und sein ‚Vorbild’ Christus ständig in eins zu fallen drohten. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 17. April: 'Transsibirien'. GB/USA/D/ES 2007 (aus der Festivalsektion „Panorama“)
Thriller um ein junges, amerikanisches Touristenpärchen, das während der Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn unversehens in einen mafiösen, transnationalen Drogenschmuggel verwickelt wird. Der exotische Schauplatz kämpft gegen einige Klischees. Emily Mortimer ('Match Point') glänzt als verzweifelte Frau, die notgedrungen zur Verbrecherin wird. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 17. April: 'Chiko'. D 2007 (aus der Festivalsektion „Panorama“)
Eine Clique türkischer Jungmänner will möglichst schnell an möglichst viel Kohle. Gelungene, Testosteron- und Adrenalin-gesättigte Mischung aus Milieustudie und Actionthriller mit viel authentischem Jargon. Variiert gängige Muster recht gekonnt. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage.

Ab 8. Mai 2008: 'Ben X'. NL 2007 (aus der Festivalsektion „Generation 14plus“)
Visuell durch digitale Verzerrungen bereicherte Verfilmung von Tagträumen eines durch Computerkonsum isolierten Jugendlichen – basierend auf einem „Buch für junge Leute, die nicht lesen“ (so Autor und Regisseur Nic Balthazar).

Ab 27. Mai 2008: 'I served the King of England'. CZ 2006
Wettbewerbsfilm der Berlinale 2007! Muntere, tschechische Farce, die Altmeister Jiri Menzel ('Lerchen am Faden', 1969) ein unverhofftes Comeback verschaffte, aber deren Mischung aus politischer, schwarzhumoriger Satire und männlichen Erotikphantasien nicht alle Kritiker überzeugte.

Ab 19. Juni 2008: 'Julia'. USA 2007
Eric Zoncas Drama um eine alkoholabhängige Frau (sehr überzeugend gespielt von Tilda Swinton), die von einer Amateur-Verbrecherin zur Beschützerin ihres eigenen Entführungsopfers mutiert, verliert sich in der zweiten Hälfte leider in Überdramatik, ist aber spannend und kurzweilig. Siehe auch den entsprechenden Berlinale-Sonderbericht auf dieser Webpage. Max-Peter Heyne

 

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