Home

 

Der Dissident als Präsident
Ein aufschlussreicher Dokumentarfilm über Vaclav Havel im Berlinale-Forum



'Obcan Havel' ('Bürger Havel') von Pavel Koutecky

Zu den interessantesten Personen der Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört ohne Zweifel Vaclav Havel.

Der 1936 in Prag geborene Schriftsteller und Dramatiker war während der Zeit des Sozialismus Mitbegründer der tschechischen Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ und wurde als Staatsfeind mehrfach inhaftiert (zuletzt noch 1989). Während des politischen Umbruchs in Tschechien 1989/90 wurde Havel zu einer Leitfigur für den demokratischen Wandel und gar zum Kandidaten für das höchste politische Amt seines Heimatlandes.

Tatsächlich wurde er mit Hilfe progressiver Kräfte und Parteien zweimal, 1992 und 1997, zum tschechischen Staatspräsidenten gewählt. Als solcher konnte er den demokratischen Umbau Tschechiens in eine parlamentarische Bürgerrepublik mitgestalten und den Beitritt seines Landes in NATO und Europäische Gemeinschaft einleiten, musste aber auch die Abspaltung der Slowakei von der einstigen CSSR und die Wiederkehr der Ex-Kommunisten ins tschechische Parlament verkraften. Wie es dabei hinter den Kulissen der Prager Burg zuging und wie Havel sein Amt in der Alltagspraxis führte zeigt der zweistündige Dokumentarfilm 'Obcan Havel' ('Bürger Havel').

Der tschechische Filmemacher Pavel Koutecky nutzte seine freundschaftlichen Kontakte zu Havel, um diesen während seiner gesamten Präsidentschaft immer wieder zu filmen. Dass Havel nicht der opportunistische Berufspolitiker üblicher Prägung ist, beweist schon, dass er ofenkundig nichts dagegen hatte, auch in heikeln und sehr persönlichen Situationen – etwa bei der Beerdigung seiner ersten Frau – gefilmt zu werden. Egal, ob es um Amtseinführung, Kontakte mit tschechischen Bürgern und Parteiführern, Auslandsbesuche oder die Vorbereitung von Besuchen von Staatsgästen geht – Koutecky zeigt ganz bewusst keine repräsentativen, sattsam bekannten Bilder, sondern zeigt einen authentischen, quasi ungeschminkten Präsidenten.

So sehen wir in 'Obcan Havel' einen kettenrauchenden, manchmal hochnervösen und genervten, unverblümt über politische Rivalen (wie seinen ewigen Konkurrenten und Amtsnachfolger Vaclav Klaus) schimpfenden Präsidenten, der allmählich Gefallen am präsidialen Status gewann, sich aber von der Macht nie korrumpieren ließ. Der Film ruft auch in Erinnerung, dass Havel in Tschechien wegen seiner Reformen und geistigen Unabhängigkeit politisch nie ganz unumstritten war, - was ihn trotz gesundheitlicher Probleme wie aus Trotz veranlasste, die Zumutungen einer zweiten Amtszeit auf sich zu nehmen.

Diese Zusammenfassung einer Langzeitdokumentation hätte gegenüber Havel selbst sicherlich noch kritischer ausfallen können, dennoch handelt es sich um ein ebenso aufschlussreiches wie kurzweiliges Porträt einer beeindruckenden Persönlichkeit. Tragische Note: Regisseur Koutecky konnte den Film im Schnittraum nicht selbst vollenden, er starb 2006 bei einem Unfall. Max-Peter Heyne

Berlinale-Termine: Mo, 11.02., 19:30 CineStar 8 / Di, 12.02., 16:30 Delphi Filmpalast / Do, 14.02., 20:00 Colosseum 1

 

> FILMSTART-Forum: News, Meldungen, Termine

> Offizielle Webseite der Berlinale

> Mehr Festivalberichte und Preisvergaben