
With Gilbert and George
Kunst ist eine sehr persönliche Angelegenheit, in deren unterschiedlicher Spielarten Kreative ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge auszudrücken verstehen. Bei Kunstformen wie Malerei oder Fotografie kann man sich deswegen kaum vorstellen, dass das Ergebnis das Gemeinschaftsprodukt von mehr als einem Künstler sein kann. Seit mehr als 40 Jahren allerdings beweisen Gilbert und George, Italiener der eine, Brite der andere, das genaue Gegenteil. Die beiden Künstler sind seit dieser Zeit nicht nur privat ein Paar, sondern haben die Kunstwelt mit ihren ausnahmslos gemeinsam gestalteten Arbeiten revolutioniert. Alleine sieht man die beiden nicht auftreten, sie haben sich über die Jahre auch optisch immer mehr angeglichen und beantworten in Interviews Fragen schon mal gleichzeitig mit derselben Antwort!
Der Dokumentarfilmer Julian Cole ('Ostia') hat die beiden Mittsechziger Gilbert und George geschlagene achtzehn Jahre lang mit der Kamera begleitet, war bei allen ihren großen Ausstellungen in dieser Zeit dabei und hat im Laufe dieser immensen Zeit ein profundes Vertrauensverhältnis zu den Künstlern aufgebaut. Cole ist es aber nicht nur gelungen, eine umfassende Werkschau in Filmform abzuliefern und zugleich hinter die Fassade einer privaten und künstlerischen Symbiose zu blicken, sondern er hat sich Gilbert und Georges künstlerische Charakteristika auch für seinen eigenen Dokumentarstil zunutze gemacht. Interviewszenen mit ehemaligen Models der beiden sind mittels Computeranimation in deren eigene Porträts integriert worden – eine gleichermaßen originelle wie treffende Idee. Auch die Gespräche mit den Künstlern selbst sind größtenteils sehr penibel arrangiert und spiegeln deswegen perfekt das bieder-nüchterne Erscheinungsbild von Gilbert und George wider, das freilich einige wahrlich tiefe Gewässer verbirgt, die man hier genussvoll entdecken kann. 
Jesus Christus Erlöser Klaus Kinski war eine Ausnahmefigur in der deutschen Theater- und Filmszene, der in den 60er Jahren auch zunehmend europa- und schließlich weltweit für Aufsehen sorgte. Ein Mann, der privat wie öffentlich für so manchen Skandal gut war. Nach Jahren der Bühnenabstinenz sollte der charismatische Rezitator Ende des Jahres 1971 mit einem über Jahre hinweg selbst geschriebenen Monolog über das Leben Christi in der Deutschlandhalle in Berlin einen weiteren Eklat provozieren. Es war die Zeit der Studentenunruhen, der Straßenkämpfe und Ablehnung jeglicher Obrigkeitsformen.
Kinski wollte sein Programm so spartanisch wie möglich halten – nur von einem Spot beleuchtet stand der Schauspieler auf einer nicht dekorierten Bühne, in Straßenkleidern. Mehrere tausend Zuschauer waren zum geplanten Auftakt einer großen Tournee mit dem Titel „Jesus Christus Erlöser“ in die Deutschlandhalle gekommen, doch einige von ihnen nur, weil sie provozieren wollten. Schon nach fünf Minuten kommen erste Zwischenrufe, die Kinski mit improvisierten Gegenprovokationen kontert. Bald schon eskaliert die Situation, Publikum und Künstler werden gleichermaßen ausfällig, beschimpfen sich. Zuschauer kommen auf die Bühne, reißen das Mikrofon an sich und werden von Kinski heruntergeprügelt. Der Rezitator bricht mehrfach ab und beginnt wieder von neuem, doch der Abend wird nie so ablaufen, wie er vorgesehen war.
Peter Geyer, seit 1999 Nachlassverwalter Klaus Kinskis, hat in dessen persönlichen Archiven das komplette Originalmaterial von diesem legendärem Auftritt am 20. November 1971 in der Deutschlandhalle zusammengetragen, der seinerzeit mit vier Kameras aufgezeichnet wurde und alles dokumentiert, was Kinski an diesem Abend auf der Bühne gesagt hat. Man wird dadurch Zeuge einer Performance, die von großer Leidenschaft geprägt ist, die den Vortragenden, der zugleich auch Autor des Textes war, in seiner ganzen Konzentration, Anspannung und Hingabe zeigt, welche maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Veranstaltung dermaßen eskalieren konnte. Der Film gibt darüber hinaus einen überaus interessanten Einblick in eine politisch aufgeladene Zeit, auf den Mut und die Unangepasstheit der Bevölkerung, die man sich in dieser Form heutzutage nicht mehr vorstellen kann. 
East/West – Sex & Politics Dass sich in den Ländern des ehemaligen Ostblocks Ultrakonservative und Religionsfundamentalisten immer mehr in den Vordergrund spielen und in die Regierungsangelegenheiten einmischen können, ist seit einigen Jahren trauriger Fakt. Insbesondere davon betroffen sind Minderheiten und Randgruppen, die in diese radikalen Ideologien nicht hineinpassen. Allen Widerständen zum Trotz hat eine Gruppe homosexueller Aktivisten 2006 in Russland versucht, eine politische Demonstration für die Rechte gleichgeschlechtlich Liebender in Moskau durchzuführen. Dass die friedlich Demonstrierenden auf bewaffnete Gruppen Rechtsradikaler und die Hasstiraden Ultra-Orthodoxer getroffen sind, und die Polizei lieber die Opfer verhaftete als die Angreifer in Gewahrsam zu nehmen, ging seinerzeit durch die Nachrichten. Grund dafür war u. a. die Teilnahme des deutschen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der sich beim Moskauer Christopher Street Day eine blutige Nase einfing. Vladimir Ivanov hat die Geschehnisse jener Veranstaltung bereits im vergangenen Jahr in seinem Film 'Moskva. Pride `06' auf der Berlinale vorgestellt. Nun legt Schwulendokumentarist Jochen Hick ('Ich kenn’ keinen – Allein unter Heteros') mit einem weiteren Film zum Thema nach, der ein wenig redundant wird, wenn man Ivanovs Werk bereits kennt. Zwar schildert Hick nicht nur die Moskauer Vorkommnisse, sondern zeigt uns auch die Schwierigkeiten einer ähnlich problematischen Demonstration in Warschau ein Jahr später und stellt Homosexuelle vor, die in Osteuropa leben und mit den verschiedensten Restriktionen zu kämpfen haben. Dabei thematisiert er aber auch die Frage, ob es für die Schwulen und Lesben in Russland oder Polen wirklich sinnvoll ist, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, oder sich vielmehr mit den Gegebenheiten zu arrangieren, um offen feindseligen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen.
 
Otto; or, Up With Dead People Wer schon einmal einen Film von Bruce LaBruce gesehen hat, kann sich wahrscheinlich nur zu gut vorstellen, was ihn erwartet, wenn das schwule kanadische Regie-Enfant Terrible einen Zombiefilm realisiert! 'Otto; Or, Up With Dead People' entstand wie schon LaBruces Vorgängerfilm 'The Raspberry Reich' in Berlin und wird ebenso wie dieser größtenteils von deutschen Schauspielern auf Englisch interpretiert, was einen Großteil des entstehenden amateurhaften Gesamteindrucks ausmacht. Alles dreht sich um den gerade aus seinem Grab gestiegenen Untoten Otto, der auf Suche nach Nahrung zufällig über ein Filmteam stolpert, das in Berlin einen schwulen Zombie-Porno dreht. Otto wird vom Fleck weg engagiert, weil seine fantastische „Maske“ ihn geradezu für die Rolle prädestiniert.
Für Bruce LaBruce bietet dieses Thema wieder die Gelegenheit, von seinen Darstellern ein paar propagandistische Parolen vortragen zu lassen und diese immer mal wieder, aber seltener als sonst von seinen Filmen gewohnt, mit pornografischen Einsprengslern zu würzen. Hatte uns der kanadische Filmemacher in 'The Raspberry Reich' noch mit riesigen Laufschriften im Bild und Splitscreens visuell gefordert, tritt bei 'Otto' schon fast das genaue Gegenteil ein. Endlos lange Einstellungen von Zombies, die durch die Nacht streifen oder immergleiche Konfrontationen mit Menschen, die danach ihre Innereien vor sich herumtragen, können wohl nur noch hartgesottene Fans begeistern. Dem Zombiegenre und auch der Zombieparodie kann LaBruce kaum neue Ideen hinzufügen. Lediglich die Homosexualität und die damit einhergehenden pornografischen Elemente mögen ein Stückweit ein Novum sein, allerdings kaum eines, das auf komplette Spielfilmlänge ausgewalzt werden sollte. Ein Musterbeispiel für konsequent zelebrierten Dilettantismus, das es außerhalb der Berlinale-Screenings schwer haben dürfte, ein interessiertes Publikum zu finden. Frank Brenner
> FILMSTART-Forum: News, Meldungen, Termine
> Offizielle Webseite der Berlinale
> Mehr Festivalberichte und Preisvergaben
|
|