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Leichte Katerstimmung zur Halbzeit
Die Berlinale ist halb rum und die Bilanz ist durchwachsen



Nein, keine Filmkritiker auf der Berlinale, sondern Hauptdarsteller Kim Youngho auf Irrfahrt durch Paris in Hong Sangsoos 'Bam gua Nat' ('Night And Day')

Das Risiko war groß und bisher ist die Taktik der Organisatoren nur bedingt aufgegangen. Nach schwungvollem bis grandiosem Auftakt, vergrößert sich die qualitative Schere mit Fortschreiten des Festivals aber immer mehr. Eine Halbzeitbilanz des Wettbewerbs.

Schaut man sich den Kritikerspiegel der Tageszeitungen an, ist das Gefälle überdeutlich. So große Unterschiede in der Bewertung der Wettbewerbsfilme hat man hier in Berlin zumindest nicht in jüngerer Erinnerung. 'Bam Gua Nat', in dem ein Koreaner durch Paris irrt, das ruhige chinesische Moralspiel in 'Zhou You', das verworrene Beziehungspuzzle im finnischen 'Musta Jää' oder Tilda Swinton als kämpferische Alkoholikern auf Schlingerkurs in 'Julia'– sie alle fielen bei der Kritik durch.


Foto links: "Sex and Drugs and Rock and Roll" zelebrieren auf der Berlinale nicht nur die Stones, sondern auf ihre Weise auch Outi Mäenpää und Martti Suosala im finnischen Wettbewerbsbeitrag 'Musta Jaä' ('Black Ice')
Foto rechts: Sir Ben Kingsley ist mit 'Elegy' (hier mit Penélope Cruz) und 'Transsiberian' gleich mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten.

Sowohl der kontrovers diskutierte brasilianische Box-Office-Hit 'Tropa de Elite', als auch 'Elegy', das neue Werk der gefeierten spanischen Regisseurin Isabel Coixet hinterließen ein flaues Gefühl: José Padhilas Film durch seine unreflektierte Darstellung von Gewalt, die zwar rasant geschnitten und actionreich inszeniert ist, bei intellektuellen Zuschauern aber eher entsetzte Reaktionen hervorruft. Coixet wiederum verfilmte erstmals einen fremden Stoff und kann der exzellent gespielten und wunderbar fotografierten Geschichte von Philipp Roth in ihrer Inszenierung nicht die nötige Tiefe verleihen.

Johnny To überraschte zwar mit dem ungewöhnlichen 'Man Jeuk', die vielen guten Ideen ergeben aber keine wirklich stimmige Summe. Für den Rest gilt: die Absicht ist nicht alles und gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. So sind die amerikanischen Beiträge 'Fireflies in the Garden' (außer Konkurrenz) und 'Gardens of the Night' zwar hervorragend besetzt, lassen allerdings eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren Themen (Gewalt und Missbrauch an Kindern) vermissen.


Ungewöhnliche Perspektiven begeistern zwar die Kritiker, sind aber kein Garant für Erfolg auch an der Kinokasse: 'Avaze Gonjeshk-ha' ('The Song Of Sparrows') vom Iraner Majid Majidi.

Die skurril-sympathische, sehr statische Tragikomödie 'Lake Tahoe' aus Mexiko und das iranische Drama 'Avaze Gonjeshk-ha' konnten zwar bei der Kritik punkten, haben aber wenig Chancen auf eine internationale Kinoauswertung.

Über allem thront weiterhin der übermächtige Monolith 'There Will Be Blood' mit einem scheinbar uneinholbaren Abstand, der sich möglicherweise auch bis zum Ende des Festivals nicht dramatisch verringern wird. Aber die Kritiken waren noch nie sonderlich ausschlaggebend für die Preise. Es bleibt abzuwarten, ob die Jury dem internationalen Preisregen für Paul Thomas Andersons Meisterwerk einen weiteren hinzufügen, oder doch in alter Tradition einen kleinen würdigen Film auszeichnen wird. Lars Tunçay

 

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