 
Deutschland - Iran: 1 - 1: Bilder von Anneke Kim Sarnau bei den Dreharbeiten zum Gewinnerfilm 'Match Factor' von Maheen Zia. Fotos: Peter Himsel
Auch in diesem Jahr entfacht der parallel zur Berlinale stattfindenden 'Talent Campus' beim Filmnachwuchs aus aller Welt wieder zusätzliche Neugier auf das Festival. Von mehreren tausend Bewerbern haben die Organisatoren um Dorothee Wenner 350 Talente aus rund 120 Ländern ausgewählt und eingeladen, die nun in Workshops und Diskussionen von anerkannten Profis wie z.B. den englischen Regisseuren Stephen Daldry ('The Hours') oder Mike Leigh (der seinen neuen Film 'Happy Go-Lucky' im Wettbewerb zeigt) Neues über die Praxis des Filmemachens hinzulernen. Mit dem 2001 gegründeten Talent Campus ist es Festivalchef Dieter Kosslick gelungen, mehr junge Nachwuchsregisseure, –Produzenten oder –Autoren nach Berlin zu locken und das Festival nicht als Ringelreihen etablierte Profis erstarren zu lassen. Aber auch als Kontaktbörse und Karrieresprungbrett hat sich der Talent Campus fest etabliert: In diesem Jahr sind mit dem Mexikaner Fernando Eimbcke ('Lake Tahoe') und dem US-Amerikaner Lance Hammer ('Ballast') gleich zwei Regisseure im Wettbewerb um den Goldenen Bären vertreten, die frühere Campus-Teilnehmer sind. Aber auch in anderen Berlinale-Sparten finden sich mehrere Filme ehemaliger Campus-Absolventen, darunter der beeindruckende Dokumentarfilm 'Football Under Cover' des Iraners Ayat Najafi und der Deutschen Steffi Niederzoll. Nach der Campuswoche haben die Teilnehmer Gelegenheit, Ideen für einen rund 15-minütigen Kurzfilm einzureichen, der eine persönliche Ansicht der Hauptstadt bieten soll und unter professionellen Bedingungen in Berlin gedreht wird.
Aus der Vielzahl von Manuskripten werden jeweils drei Projekte pro Jahr ausgewählt und mithilfe von Produktionsfirmen aus der Hauptstadtregion realisiert. Dass die Teilnehmer damit das Image eines gastfreundlichen Festivals und einer weltoffenen Stadt in alle Welt hinaustragen, ist ein willkommener Nebeneffekt des „Berlin Today“-Wettbewerbs. Vor allem aber rechtfertigen die zum Teil erstaunlich innovativen Ergebnisse die vergleichsweise üppige finanzielle Förderung von ca. 50.000 Euro je Film durch das Medienboard Berlin-Brandenburg: So warfen Talent-Campus-Absolventen in ihren Kurzfilmen einen originellen Blick von Außen auf Berliner Phänomene wie Schrebergärten, Currywurst oder lange U-Bahn-Fahrten.
Die erste Siegerin des „Berlin-Today-Awards“, die Libanesin Myrna Maakaron, sammelte mit ihrem Filmessay 'Berlin-Beirut' weltweit rund ein Dutzend Preise ein. Der amüsante, filmische Vergleich zwischen 'Bukarest-Berlin' stammte 2003 wiederum von Christian Mungiu, der letztes Jahr mit seinem Drama '4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage' u.a. die Goldene Palme in Cannes und den Europäischen Filmpreis gewann.
 
Die Waschmaschine als Freund und Henker: 'The Last Wash' vom finnischen Nachwuchsregisseurs Ville Jankeri. Fotos: David Ausserhofer
Auch 2007 sind drei interessante Kurzfilme von Campus-Absolventen über Berlin in Berlin entstanden, die jetzt auf dem Campus Premiere hatten, darunter das schwarzhumorige, melancholische Drama 'The Last Wash' des finnischen Nachwuchsregisseurs Ville Jankeri. Schon die Dreharbeiten in einer kleinen, antiquiert wirkenden Wäscherei in der belebten Müllerstraße im Wedding im letzten Herbst wirkten urig: Viel Platz für das Drehteam bot das Geschäft, dessen letzte Renovierung schon eine Weile her schien, nicht. Für die kurze Geschichte von 'Last Wash' aber eine adäquate Location: Regisseur Jankeri zeigt in seinem Kurzfilm eine von der Arbeitsroutine und den chemischen Dämpfen ermattete, polnische Bedienung (Peggy Lukac), deren einziger Freund die riesige Waschmaschine zu sein scheint. Als sich die Abgekämpftheit der isolierten Frau in Depression verwandelt, will sie sich mit kräftigen, letzten Atemzügen aus der dampfenden Wäschetrommel den Rest geben. „Die Waschmaschine als Freund und Henker“, sagt Jankeri, der seine Geschichte allerdings nicht traurig, sondern hoffnungsvoll enden lässt: Ein türkischer Nachbar wird zum Lebensretter und mithilfe des teuren Abendkleides einer snobistischen Kundin (Marie Gruber) startet die polnische Wäscherin in ein neues Leben. „Auf die Filmidee kam ich durch die Schilderungen einer Freundin, die in Helsinki in einem Waschsalon gearbeitet hat und selbst feststellen musste, wie die verwendeten chemischen Substanzen sich auf die Psyche auswirken“, sagt Regisseur Jankeri, der seine kleine Geschichte mit wenig Dialog fast nur über Bilder zu erzählen versteht und durch den Film auf ein gutes Weiterkommen in seinem Heimatland hofft. Hauptdarstellerin Peggy Lukac, die den raschen Wandel ihrer Figur von benebelter Lebensmüdigkeit zum selbstbewussten Neuanfang glaubhaft verkörpert, erweist sich als ideale Besetzung. „Außerdem stehe ich ja mit meiner Person für Klischee-Vermeidung“, sagt sie schmunzelnd über die Rolle als arme Polin.
 
Das trendige Berlin als Mekka unmodischer Haartrachten? 'Berlin Hair Today' des Dänen Ole Bendtzen. Fotos: Peter Himsel
Zur Überraschung vieler Zuschauer wählte die Jury des „Berlin-Today-Awards“ weder Jankeris Film noch die amüsante Dokumentation über die hoffnungslos unmodischen Haarschnitte vieler Berliner – 'Berlin Hair Today', des Dänen Ole Bendtzen – als Siegerfilm aus, sondern 'Match Factor' der pakistanischen Talent-Campus-Absolventin Maheen Zia. Sie wurde für einen sehr ruhigen, behutsam wirkenden Film belohnt, der vom Zusammentreffen eines iranischen Fußballspielers (Navid Akhavan) mit einer deutschen Polizistin (Anneke Kim Sarnau) am Rande der WM im Sommer 2006 erzählt. Vielleicht insofern keine Überraschung, weil Regisseur Wim Wenders diesmal in der Jury saß und 'Match Factor' in seiner undramatischen, bedächtigen Art doch sehr Wenderisch wirkt. Max-Peter Heyne
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