
Wiedersehen nach 16 Jahren: Gregg Araki beim Panorama-Special
Nicht nur die Retrospektive bietet den Zuschauern der Berlinale in diesem Jahr die Möglichkeit, Perlen von einst zu entdecken. In einem Panorama-Special stellte Gregg Araki ('Mysterious Skin') eines seiner Frühwerke noch einmal vor: 'The Living End' aus dem Jahr 1992, das die Independent-Ikone seinerzeit ebenfalls im Panorama-Programm der Berlinale präsentierte, hat er von 16mm in HD-Format umgewandelt und sowohl optisch als auch akustisch dem neuen Jahrtausend angepasst. Die Geschichte selbst hat darüber hinaus auch nichts von ihrer Sprengkraft eingebüßt.
Als der junge Schwule Jon Anfang der 90er Jahre, als die AIDS-Epidemie ihren Höhepunkt erreicht hat, die schockierende Nachricht erhält, dass er HIV positiv ist, hat er gar nicht die Zeit, in Selbstmitleid zu verfallen oder sich die neuen Lebensumstände bewusst zu machen. Denn schon am selben Tag läuft ihm der gut aussehende Luke über den Weg, der sich auf der Flucht befindet, weil er mal wieder eine Dummheit begangen hat. Auch Luke ist schwul und positiv und verliebt sich Hals über Kopf in den vergleichsweise biederen Jon. Er kann ihn überreden, mit ihm zusammen ziellos umherzufahren und das Leben zu genießen – sterben kann man schließlich immer noch.

"Ein Film über Sex, Tod und Autofahren"
Gregg Araki erklärte bei der Präsentation in Berlin, dass sein Film ursprünglich den Untertitel „Ein Film über Sex, Tod und Autofahren“ tragen sollte, was den Inhalt auf jeden Fall treffend zusammengefasst hätte. Dass hier zwei adrette, sonnengebräunte und athletisch-muskulöse junge Männer Sex miteinander haben, war zur Entstehungszeit noch ziemlich ungewöhnlich. Der Mainstreamfilm jedenfalls hatte noch lange nicht den Mut aufgebracht, eine solche Geschichte zu erzählen. Auch wenn man heute fast schon bedauert, dass der Film sexuell nicht freizügiger gemacht ist, kann man seine filmgeschichtliche Bedeutung trotzdem erkennen. Ebenso interessant, dass eine Dialogzeile auch sechzehn Jahre später noch mit der gleichen Intensität funktioniert: „Los, lass uns nach Washington fahren und Bushs Kopf wegpusten.“ Gemeint war natürlich der Senior, dass nun (noch) der Junior am Hebel sitzt, ist wohl Ironie des Schicksals. Aber auch hinsichtlich der filmischen Gestaltung braucht sich Arakis Frühwerk keinesfalls hinter seinen neueren Arbeiten zu verstecken. Mit geradezu akribischer Leidenschaft scheint er jedes Szenenbild bis in die Details entworfen zu haben, seine teilweise fast statischen Einstellungen gleichen perfekt arrangierten Bildtableaus, an denen man sich gar nicht satt sehen mag. Eine lohnenswerte (Neu-) Entdeckung. Frank Brenner
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