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Die sechste Jahreszeit
58. Berlinale wuchert als Plattform für Kongresse, Kunst und Kulinarisches


Ab Donnerstagabend dürfen sich Cineasten, Filmkaufleute, Kinobetreiber und Kritiker wieder den Herausforderungen des umfangreichsten Kulturereignisses der Republik stellen: den Internationalen Filmfestspielen Berlin, die diesmal 384 Filme – darunter 45 Kurzfilme – in 1069 einzelnen Aufführungen präsentieren.

Zusätzlich zu den zwölf Programmsektionen (Kernstück: der Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären mit 26 Beiträgen aus 19 Ländern), dem Talent Campus für Filmnachwuchs aus aller Welt und zahlreichen Spezialprogrammen wie z. B. „War at home“, die an den Anti-Vietnamkriegskongress in West-Berlin 1968 erinnern, finden am Rande des Filmfests unzählige Branchen- und Verbandstreffen statt, zu der weitere Tausende Gäste aus Film- und Medienberufen erwartet werden.


Auch in diesem Jahr wieder dabei: Die Filmreihe „Kulinarisches Kino“

Wie schon in den vergangenen Jahren wuchert das Festival weiter als Plattform für Fachkongresse und bezieht immer stärker die benachbarten Bereiche Bildende Kunst, Fotografie und sogar Kochkunst mit ein. Die Reihe „Kulinarisches Kino“ will zum zweiten Mal vermittels einer Filmreihe und Live-Brutzeln von Meisterköchen vor Kinopublikum Zusammenhänge zwischen den sinnlichen Vorgänge Sehen und Schmecken herstellen und für einen bewussteren Genuss von Speisen und Getränken werben. Besondere Schwerpunkte bilden Filme zum Thema 60 Jahre Israel, 40 Jahre Neuer Deutscher Film und Musik - darunter der Eröffnungsfilm 'Shine A Light' über die Rolling Stones von Regisseur Martin Scorsese, der als Cutter schon bei der Endfertigung von 'Woodstock' (1969) dabei war.

Mit fast 50 neuen deutschen Filmen quer durch alle Sektionen ist die 58. Berlinale auch wieder eine Plattform für die heimische Filmindustrie. Aber ach! Was ist bloß mit dem deutschen Filmnachwuchs los? Fühlen sich junge Regisseure durch die zurückliegenden Erfolge deutscher Filme eingeschüchtert? Lähmt sie der Erwartungsdruck oder gar die Aussicht, leichter an Fördergelder zu gelangen? Jedenfalls zeigt der junge deutsche Spielfilm zum ersten Mal seit längerer Zeit Symptome künstlerischer Auszehrung. Viele heimische Produktionen aus den Nebensektionen der Berlinale kommen stilistisch nicht über Fernsehfilmniveau hinaus und verschenken ihr inhaltliches Potential an eine plumpe Dramaturgie.

Deutscher Filmnachwuchs in Schwächephase

Der Mangel an stilistischer und dramaturgischer Raffinesse macht sich besonders schmerzlich in der „Perspektive Deutsches Kino“ bemerkbar, die für Produktionen deutscher Filmschulabsolventen reserviert ist. Seit ihrem Start 2002 konnte die Reihe die Erfolgsgeschichte des deutschen Films mit anschieben und begleiten. In diesem Jahr wird sie ihrem Titel nur insofern gerecht, indem sie die momentane Schwächephase wieder spiegelt, in der sich zumindest die nachrückenden Spielfilmregisseure befinden.


Leitet die 'Perspektive deutsches Kino' seit 2002: Alfred Holighaus

Der Leiter der „Perspektive“, der frühere Filmkritiker und –Produzent Alfred Holighaus, gibt offen zu, dass diesmal „in der Breite wenig Originalität“ zu finden war. Dass er und sein Team das vermeintlich Beste aus rund 250 gesichteten Filmen ausgewählt haben, steigert das Erschrecken über den Spielfilmjahrgang 2007 umso mehr. Zwar spricht Holighaus verteidigend von einer „Dominanz der Stoffe und Themen“ über „Fragen des Stils“. Doch auch dramaturgisch lassen die meisten „Perspektive“-Beiträge viel zu wünschen übrig: Denn ob Pubertätsdrama im Internat ('Teenage Angst'), Beziehungsdrama in der Provinz ('Die Dinge zwischen Dir und mir') oder Berlin-Collagenfilm ('Helden in der Nachbarschaft') - indem viele Geschichten auf ärgerlich aufdringliche und vorhersehbare Weise erzählt werden, wird die Imaginationsfähigkeit der Zuschauer unterfordert.


Peter Kurth und Cemal Subasi in 'Berlin – 1. Mai'

Nur zwei rühmliche Ausnahmen sind zu nennen, darunter ein weiterer "Berlinfilm", der wie seine Vorgänger 'Schwarze Schafe', 'Komm näher' und 'Berlin am Meer' die Vielfalt urbanen Lebens collagenartig einfangen will: 'Berlin – 1. Mai' ist eine Gemeinschaftsarbeit vier junger Regisseure (Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki, Ludwig & Glaser), die von den Schicksalen verschiedener Menschen am Rande der Kreuzberger Großdemonstration zum 1. Mai erzählen. Die einzelnen Episoden bieten viele überraschende Wendungen und sind erstaunlich flüssig miteinander verwoben, könnten sich so ähnlich aber ebenso gut im Kölner Karneval statt in einer Berliner Krawalldemo abspielen. Immerhin keine spekulative, sondern eher sanft-ironische Hinterfragung des Mythos vom 1. Mai à la Kreuzberg (8. und 9.2.).


Sylvana Krappatsch ist 'Die Besucherin'

Der mit Abstand überzeugendste Spielfilm der „Perspektive“ 2008 stammt von der in Köln ausgebildeten Regisseurin Lola Randl. Ihr Drama 'Die Besucherin' handelt von Agnes, einer Frau mittleren Alters, deren wohlgeordnetes Leben als erfolgreiche Wissenschaftlerin und glückliche Ehefrau und Mutter ins Wanken gerät, als sie vorübergehend in einer fremden Wohnung nach dem Rechten sehen soll. Als Agnes erfährt, dass die Bewohnerin bei einem Unfall gestorben ist, nimmt sie schrittweise die Identität der Toten an und beginnt – inklusive Partnerwechsel – in einem anderen Leben ‚fremdzugehen’. Elegant und nuancenreich erzählt, kann der Film eine beeindruckende Besetzung aufweisen, aus der wiederum Hauptdarstellerin Sylvana Krappatsch mit einer brillanten Leistung herausragt (11. und 12.2.).

Deutsche Dokumentarfilmer überzeugen ausnahmslos

Angesichts der insgesamt enttäuschenden Spielfilmleistungen erstrahlen die durchweg sehenswerten Dokumentarfilme in der „Perspektive Deutscher Film“ umso heller: In 'Football Under Cover' erzählen David Assmann und Ayat Najafi, wie es einem multikulturellen Frauenfußballverein aus Kreuzberg trotz aller Probleme und Widerstände gelungen ist, ein Match mit starker politischer Symbolkraft durchführen: ein Länderspiel in Teheran gegen die iranische Damen-Fußballnationalelf, die im Iran eigentlich nur auf dem Papier existiert. Zwei politische Welten – eine Leidenschaft. 'Football Under Cover', die neuste Produktion der 'Full Metal Village'-Firma „Flying Moon“ ist ein Mut machendes Plädoyer für die Völker verbindende, subversive Kraft von Sportsgeist und Frauenpower (10. und 11.2.).


Absurde Komik in 'Jesus liebt Dich'

Eine andere, nämlich religiöse Leidenschaft treibt die evangelikalen Christen an, zu denen sich immerhin auch der jetzige US-Präsident und rund ein Drittel der amerikanischen Wähler zählen. Für 'Jesus liebt Dich' haben sich mehrere Dokumentarfilmer an die Fersen von Evangelikalen aus den USA, Südafrika und Bayern geheftet, die während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 möglichst viele Menschen zu bekehren versuchten. Die dabei entstandenen, absurden Situationen sprechen für sich bzw. gegen einen missionarischen Eifer, der sich nicht an die biblische Weisung „Alles zu seiner Zeit“ hält (13. und 14.2.).

Eine seltene Balance aus unmittelbarer Nähe und doch respektvollem Abstand zu seinen Protagonisten ist Dokumentarfilmer Sebastian Heidinger gelungen, der drei junge Drogenabhängige im Umfeld des Bahnhof Zoo über Monate mit der Kamera begleitet hat: 'Drifter' führt den Zuschauer teils bis an die Schmerzgrenze an die Schicksale der Gestrauchelten heran, ohne je voyeuristisch zu wirken (16. und 17.2.). Keine soziologische Analyse, aber ein bewegendes Dokument des Ringens um Menschenwürde.


Mundakrobatik in 'Love, Peace & Beatbox'

Ein ganz anderes, aber ebenfalls authentisches Berlin-Flair bietet 'Love, Peace & Beatbox', der überschneidend auch ein Beitrag der Jugendfilmreihe der Berlinale „14 Plus“ ist. Volker Meyer-Dabisch porträtiert darin die Subkultur des Human Beatbox, bei dem junge Leute nur mit Hilfe ihres Mundes auf ebenso verblüffende wie amüsante Weise Schlagzeuge bzw. Rhythmusgeräte imitieren – und auch den Kinobesucher mitreißen (9., 16., 17.2.). Trotz gewisser Redundanzen sorgen die mundartlichen Künste der Protagonisten für ein ebenso witziges wie originelles Kinoerlebnis. Max-Peter Heyne

 

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