Das FILMSTART-Fenster zur Berlinale 2007 –
Unsere Autoren vor Ort berichten vom Filmfest.
Diese Webseite wird während der 57. Internationalen Filmfestspiele Berlin (8.-18. Februar 2007) mehrmals täglich aktualisiert.
Schauen Sie also gern öfter mal vorbei!
Sonntag, 18. Februar 2007
Die Politisierung nicht honoriert
Die Berlinale präsentierte viele Stars, aber wenig herausragende Filme.
Glücklicher Gewinner: Regisseur Wang Quan’an küsst und wird geküsst
Am späten Samstagabend gab es noch einmal eine anrührende Szene auf der Berlinale zu sehen: Der chinesische Regisseur Wang Quan’an, der sein Glück noch immer nicht fassen konnte, drehte mit seiner Entourage eine Runde in die Cafés am Potsdamer Platz, zeigte stolz seinen soeben gewonnenen Goldenen Bären für den Besten Film des Wettbewerbs und ließ sich von den zufällig anwesenden Cafébesuchern noch einmal beklatschen.
Hauptdarstellerin Yu Nan, hier in Tuyas Ehe
Wang Quan’an sei die Auszeichnung für sein sensibel und präzise inszeniertes Ehedrama Tuyas Ehe und die damit verbundene Aufmerksamkeit von Herzen gegönnt, - es war einer der wenigen wirklich gelungenen Filme in einem ansonsten arg durchwachsenen Festival. Die Geschichte Tuyas und ihres behinderten Mannes Bater, der ihr angesichts seines zunehmenden körperlichen Zerfalls erlaubt, sich einen anderen Mann zu suchen, damit sie nach Baters Tod versorgt ist, präsentierte ein im Verschwinden begriffenes China der provinziellen, patriarchalischen Traditionen, deren Zukunft noch unklar ist, und erhielt auch den Preis der Ökumenischen Jury.
Verdiente Ehrung: Nina Hoss als Yella
..und als strahlende Gewinnerin
Auch die deutsche Nina Hoss hat ihren Silbernen Bären als Darstellerin der Yella in Christian Petzolds gleichnamigen Film vollauf verdient - auch wenn es Konkurrentinnen wie Marianne Cotillard als Edith Piaf ebenso gut verdient gehabt hätten -, ebenso wie der israelische Regisseur für seinen Film Beaufort, der die Absurdität des Nahostkonfliktes buchstäblich auf den Punkt bringt, indem er sich auf den Kampf um einen Bunker auf libanesischem Territorium konzentriert. Was allerdings die achtköpfige, internationale Jury um Drehbuchautor und Regisseur Paul Schrader dazu gebracht hat, ausgerechnet den handlungsarmen, langatmigen argentinischen Beitrag El Otro – Der Andere gleich mit zwei Silbernen Bären zu prämieren – mit dem Großen Preis der Jury, quasi ein Art „2. Platz“ nach dem Goldenen Bären, und für Hauptdarsteller Julio Chavez – ist kaum nachzuvollziehen.
Nein, kein Zuschauer oder Kritiker, sondern der prämierte Hauptdarsteller Julio Chavez in El Otro – Der Andere
Otro-Regisseur Ariel Rotter lässt seine Idee, einen Mann in der Identitätskrise ausbrechen und untertauchen zu lassen, viel zu sehr im Skizzenhaften, Ungefähren, als dass man argumentieren könnte, mit den Preisen sollte einem kleinen, sperrig inszenierten Film geholfen werden (der viele Zuschauer zum Nickerchen animierte). Vor allem der Preis für Darsteller Chavez, der kaum Dialog hatte und hauptsächlich geistesabwesend durch eine karge Szenerie tappen musste, ist angesichts zahlreicher bedeutender Leistungen von Schauspielern im Wettbewerb eine inakzeptable Entscheidung.
Jamie Bell
mit Sophia Myles im britischen Film Hallam Foe
Da war z.B. ein überragender Karl Markovics als um sein Leben kämpfender KZ-Häftling im deutschen Film Die Fälscher, da war der erfrischend dynamisch agierende, britische Jungstar Jamie Bell (Billy Elliot) als Ausreißer Hallam Foe im gleichnamigen, packenden englischen Film, da war ein erstmals voll überzeugender Joseph Fiennes als vom Gewissen geplagter, südafrikanischer Gefängnisaufseher von Nelson Mandela und schließlich war da der Ire Ivan Barnev als opportunistische, schwejksche Kellnerfigur in Jiri Menzels unterhaltsamer Politsatire Ich habe den englischen König bedient aus Tschechien. Alle diese großartigen Interpretationen hat ausgerechnet eine Jury übersehen, die selbst überwiegend aus männlichen Schauspielstars bestand: neben Mario Adorf noch Gael Garcia Bernal (Babel) und Willem Dafoe!
Die Erfahrung lehrt, dass solche nach Außen unverständlich erscheinenden Urteile zustande kommen, wenn sich zwei oder gar drei Fraktionen innerhalb der Jury nicht auf einen Film einigen können und die Favoriten der jeweils anderen rigoros ablehnen. Als Kompromiss wird schließlich zu einem Kandidaten gegriffen, den anfangs niemand so richtig wollte, aber auf den sich alle irgendwie einigen können, - der kleinste gemeinsame Nenner. Vielleicht hat die Jury aber auch bewusst kleine, um persönliche Fragen wie Ehe, Familie und Identität kreisende Filme bevorzugt, um den zum Teil unangebracht aufgemotzten, politischen Filmen des Wettbewerbs eine Absage zu erteilen.
Auch aus dieser Perspektive leicht zu erkennen: Jennifer Lopez mit Antonio Banderas in Bordertown
Festivalchef Dieter Kosslick rechtfertigte kurz vor der Abschlussgala die von ihm persönlich verantwortete Präsentation des bei der Kritik durchgefallenen US-Thrillers Bordertown, der die massenhafte Vergewaltigung und Ermordung mexikanischer Arbeiterinnen an der amerikanischen Grenze durch organisierte Banden und wahrscheinliche involvierte, korrupte Sicherheitsbehörden anprangerte.
Kosslick wurde durch den effekthascherisch und gefällig inszenierten Film erstmals mit dem Zwiespalt konfrontiert, einerseits ein humanistischen Idealen verpflichteter Kulturorganisator zu sein, der andererseits den Fachjurys und Kritikerscharen künstlerisch wertvolle Filme bieten muss. Da die Berlinale kein Amnesty-International-Festival ist, kann dieser Balanceakt nur dann gelingen, wenn wie im Falle des deutsch-österreichischen Films Die Fälscher oder des israelischen Films Beaufort das Ergebnis auch als künstlerisches und nicht nur politisches Statement überzeugt.
Joseph Cedars Anti-Kriegsfilm Beaufort
So endet das Festival wie es verlief: teils, teils. Festivalchef Dieter Kosslick und sein Team – so ist hinter vorgehaltener Hand zu hören – hätten selbst gerne noch mehr herausragende Filme präsentiert, wenn es sie gegeben hätte. Aber die Berlinale ist eben stets nur eine Momentaufnahme und die Preisvergabe immer eine relativ absurde Angelegenheit, in der Äpfel und Birnen miteinander verglichen werden. Der festlichen Stimmung auf den zahllosen Partys und Empfängen, den gut laufenden Geschäften und dem enormen Erfolg beim Publikum hat das durchschnittliche Hauptprogramm nichts anhaben können. Als Festival der großen Stars und der neuen Besucherrekorde wird es letztlich doch positiver in Erinnerung bleiben als es jetzt den Anschein hat. MPH
Sonntag, 18. Februar 2007
Generation 14 plus (III)
Wie jedes Jahr seit mehr als einem halben Jahrhundert blickte die Filmwelt erneut vom 8.- 18. Februar nach Berlin. Obwohl die Öffentlichkeit am „Wettbewerb“ der Internationalen Filmfestspiele Berlin mit seinen „Stars“ sowie dem „Goldenen“ und den „Silbernen Bären“ besonderen Anteil nimmt, gehört zur Berlinale weit mehr als das so genannte große internationale Kino, das in dieser Hauptreihe gezeigt wird. So gliedert sich das offizielle, im Jahre 2007 aus 373 Filmwerken bestehende Filmprogramm der Berlinale in insgesamt sechs Sektionen.
Die jüngste von ihnen heißt seit diesem Jahr „Generation 14plus“. Ins Leben gerufen wurde die Reihe „14plus“ 2004 als spezifische Sektion für 14- bis 18-jährige Zuschauer, weil sich die Beiträge des seit 1978 stattfindenden Kinderfilmfestes (seit diesem Jahr „Generation Kplus“ genannt) an Kinder bis 14 Jahren wenden, die weiteren Reihen der Berlinale jedoch einem Publikum ab 18 Jahren vorbehalten sind. Nach Sektionsleiter Thomas Hailer „thematisieren sie auf verschiedenste Weise den Weg ins Erwachsenwerden“. Hailer eröffnete am 9. Februar im hoffnungslos überfüllten Zoo-Palast 4 die Sektion zusammen mit Schauspieler Constantin von Jascheroff, der im Jahre 2004 mit „Jargo“ am ersten „Generation 14plus“-Wettbewerb teilnahm.
Antonia von
Tata Amaral
Eröffnungsfilm dieser insgesamt elf Spielfilme umfassenden Reihe war die brasilianische Produktion Antonia über vier junge Sängerinnen in einem Armenviertel von São Paulo, die durch die Musik dem grauen Alltag entfliehen. Die wohltuende Botschaft von Freundschaft und Vergebung wird leider nicht immer atmosphärisch dicht genug umgesetzt, um den Zuschauer über die 90 Minuten zu fesseln. Allerdings entschädigt die schöne Musik für manch dramaturgische Holprigkeit. Die ernsten Untertöne, die sich in diese „Erwachsenwerden“-Geschichte mischen, zeigen indes einen die „Generation 14plus“ kennzeichnenden Zug: Die Realität wird nicht verschönert.
Sozialrealismus in This is England
Dieses Prinzip, das sich die für die „Generation 14plus“ Verantwortlichen auf ihre Fahnen geschrieben haben, kommt insbesondere auch in zwei weiteren Beiträgen zum Vorschein: In der britischen Produktion This is England gerät der 12-jährige Shaun in eine Skinhead-Gruppe, die ihm die Geborgenheit anbietet, die der Junge nach dem Tod seines Vaters vermisst. Die sozialrealistische Inszenierung von This is England mit ihren ausgewaschenen Farben kontrastiert zwar mit den farbenfrohen Tableaus des indischen Spielfilmes Vanaja.
Mamatha Bhukya und Urmila Dammannagari in Vanaja
Hinter der „Bollywood“-Fassade dieser indischen Produktion lauert jedoch ebenfalls eine Tragödie, die den Schritt ins Erwachsenwerden der titelgebenden Vanaja prägt. Vanaja wurde mit dem „Preis für den Besten Erstlingsfilm“ der Berlinale ausgezeichnet.
Freundschaft über Generationen hinweg
Prägten bereits letztes Jahr die Beziehungen zwischen Jung und Alt einen großen Teil der Filmbeiträge, so setzte sich dieser Trend in der diesjährigen „Generation 14plus“ fort. Dazu bemerkt die Co-Direktorin der Sektion Maryanne Redpath: „Weiterhin auffällig ist, dass wir in diesem Jahr viele Generationenfilme bekommen haben, also Filme, die sich explizit mit dem Verhältnis von alten und jungen Menschen und ihren jeweiligen Lebenswelten auseinandersetzen.“
The Fall von
Tarsem Singh
The Fall wurde von der siebenköpfigen Jugendjury mit einer „Lobenden Erwähnung“ bedacht. Die Jugendlichen würdigten „die beeindruckenden Bilder, welche die traumhafte Märchenwelt mit der harten Realität verbinden“. Sie hoben insbesondere auch die „wundervolle Hauptdarstellerin“, die zum Drehzeitpunkt erst siebenjährige Catinca Untaru, hervor: Sie „hat es geschafft, uns zu bezaubern und für 110 Minuten in ihren Bann zu ziehen.“
Danielle Kitzis und Tomer Steinhof in
Dror Shauls Sweet Mud
Der „Gläserne Bär“ für den besten Spielfilm ging jedoch an die internationale Koproduktion Adama Meshuga’at (Sweet Mud) des israelischen Regisseurs Dror Shaul. Basierend auf seinen eigenen Erinnerungen an das Leben in einem Kibbuz, erzählt Dror Shaul in Adama Meshuga’at die Geschichte des 12-jährigen Dvir (Tomer Steinhof). Nach dem Selbstmord des Vaters leidet die Mutter Miri an Depressionen. Miris Versuch, ihren nichtjüdischen älteren Freund Stephan aus der Schweiz zu heiraten, scheitert daran, dass sich Stephan nicht den rigiden Strukturen eines Kibbuz aus den 70er Jahren anpassen will. Was allerdings die Jury nicht zu stören scheint: Dvirs Entschluss, aus dem Kibbuz auszubrechen, ist mit der schwerwiegenden Entscheidung verbunden, seiner Mutter die Tabletten zu besorgen, mit denen sie Selbstmord begehen kann. Ein Schluss, der die durchaus vorhandenen Qualitäten von Adama Meshuga’at entscheidend mindert.
Adama Meshuga’at wurde mit Unterstützung des von Robert Redford im Jahre 1981 gegründeten Sundance-Instituts entwickelt. Zusammen mit Man in the Chair und The Fall steht der Film für einen Trend in der Reihe „Generation 14plus“ hin zu großem internationalem Kino, das die Sektion zu einem regelrechten „Insider-Tipp“ werden lässt. Was sich im Zuschauerraum bemerkbar macht: Über die eigentliche Zielgruppe der Reihe hinaus bestand augenfällig dieses Jahr die Mehrheit der Besucher aus Erwachsenen. JG
Samstag, 17. Februar 2007
Feinfühlige Dramen
Der Trend im Berlinale-Panorama: Filme von Schauspielern
Zu den auffälligsten Kinotrends der letzten Jahre zählt, dass immer mehr Schauspieler auf den Regiestuhl wechseln, wenn sie über genügend Einfluss bei den Produzenten verfügen. Die Filme der Berlinale, die von etablierten Schauspielern inszeniert wurden, zählen zu den interessantesten.
Julie Christie in Away From Her
So hat etwa die kanadische Schauspielerin Sarah Polley ihr Krankheitsdrama Away From Her, das im Panorama-Nebenprogramm läuft, psychologisch, aber auch dramaturgisch sehr überzeugend gestaltet. Polley, die wir als zierliche Akteurin aus so unterschiedlichen Filmen wie dem Horror-Neuaufguss Dawn of the Dead oder Wim Wenders Don´t come knocking kennen, hat eine ähnliche Abschiedsgeschichte inszeniert wie Mein Leben ohne mich, in dem sie die Hauptrolle spielte.
Anrührend, aber unpathetisch erzählt Polley, wie das Rentnerehepaar Grant (ein liebenswerter Brummbär: Gordon Pinsent) und Fiona (in Schönheit ergraut: Julie Christie), die seit fünfzig Jahren überwiegend glücklich verheiratet sind, plötzlich mit Fionas Alzheimerkrankheit konfrontiert werden. Als die Einweisung in ein Pflegeheim unausweichlich wird, fällt es vor allem Grant immer schwerer, schon vor dem Tod langsam von seiner geliebten Frau Abschied nehmen zu müssen. Dass Julie Christie (Shampoo) auch im hohen Alter eine nach wie vor umwerfend sinnliche Ausstrahlung hat, unterstreicht die Tragik der bewegenden Geschichte noch.
Víctor Pérez, Mario Casas, Maria Ruiz, Marta Nieto und Felix Gomez in Antonio Banderas zweiter Regiearbeit
Ein ähnlich ausgereiftes, emotional aufgeladenes Drama - allerdings nicht im kanadischen Schnee, sondern unter südländischer Sonne - präsentiert uns Spaniens Superstar Antonio Banderas mit seiner zweiten Regiearbeit, El Camino de los Ingleses – Die Straße der Engländer. In dieser Straße Malagas trifft sich um 1979 regelmäßig eine Clique achtzehnjähriger Jungs um den jungen Miguelito (ein junger Banderas-Wiedergänger: Alberto Amarillo). Die jungen Leute genießen den Sommer und die Erfahrungen der ersten Liebe. Doch der jugendliche Leichtsinn verführt den sensiblen Miguelito, der von einem Leben als Poet schwärmt und deshalb nach inspirierenden Erfahrungen aller Art sucht, zu Handlungen, die tragische Entwicklungen heraufbeschwören.
Banderas beherzigt als Regisseur die Grundregel, mehr über originelle Bilder zu erzählen als mit vielen Worten. Aber dass sein Film die sinnlich-leidenschaftliche Atmosphäre des Südens optisch derart einfallsreich einfängt und rhythmisch perfekt mit dem jazzigen Soundtrack abstimmt, war so gut denn doch nicht zu erwarten (Panorama).
Julie Delpy vor und hinter der Kamera
Weniger aufwändig, dafür aber mit viel Witz hat die französische Schauspielerin Julie Delpy ihr neues Werk 2 Tage in Paris inszeniert (Panorama). Delpy und ihr großartiger US-Kollege Adam Goldberg spielen ein intellektuelles, amerikanisch-französisches Paar, das vor allem gemeinsame Neurosen verbindet: Er ist ein eifersüchtiger, hypochondrischer Amerikaner, sie eine zerstreute, zur Hysterie neigende Französin, die ihrem neuen Freund erstmals ausführlich ihre Heimat und ihre Eltern vorstellt – die auch im wirklichen Leben Delpys Eltern sind.
Delpy macht sich einen gehörigen Spaß daraus, alle nur denkbaren Missverständnisse, die sich aus sprachlichen und kulturellen Unterschieden ergeben können, auf die Spitze zu treiben, wobei die französisch-amerikanischen Animositäten durch die politische Differenzen der letzten Jahre noch zusätzliche Nahrung erhalten.
Eine kleine Gastrolle hat Daniel Brühl, der wie so viele deutsche Schauspieler immer öfter in Koproduktionen dreht und diese positive Entwicklung eindeutig mit den Erfolgen des deutschen Films im Ausland erklärt. Auf die Frage, ob ihr Lover im Film nicht ein zu schwieriger Typ sei, um sich in ihn zu verlieben, antwortete die Delpy auf der Berlinale keck, dass doch alle Männer irgendwie schwierig seien, und ergänzte wie zur Beruhigung: „Ich mag neurotische Männer“.
Steve Buscemis Remake Interview
Steve Buscemi, Spezialist für schräge Charaktere im US-Film, hat mit Interview ein auf amerikanische Verhältnisse zugeschnittenes Remake des sechs Jahre alten Originalfilms von Theo van Gogh gedreht, der ein Jahr später wegen eines anderen Films von einem fanatischen Islamisten in Amsterdam ermordet wurde. Buscemi hat für seine Version Handlung, Umsetzung und Dialoge nahezu 1:1 von van Goghs Gesprächsduell zwischen einem arroganten Journalisten und einem scheinbar naiven Soap-Sternchen übernommen – und das ist gut so, denn besser kann man dieses pfiffige, an überraschenden Wendungen reiche Kammerspiel nicht inszenieren. MPH
Samstag, 17. Februar 2007
Highlights – Entdeckung im Panorama-Programm:
This Filthy World
Kult-Regisseur und "One-Man-Show" John Waters John Waters wurden schon viele Beinamen gegeben – Papst des Trash, König des schlechten Geschmacks – und alle treffen irgendwie ins Schwarze. Von seinen experimentellen Anfängen in den 60er Jahren entwickelte er sich vor allem in den 70er Jahren mit seinem Lieblingshauptdarsteller, dem übergewichtigen Drag-Star Divine, zum Heroen des Underground-Films.
Hairspray war sein massenkompatibelster Film, mittlerweile konzipiert er seine Kinofilme wieder eher für seine eingeschworene Fangemeinde. Obwohl John Waters nur alle paar Jahre einen neuen Film ins Kino bringt, ist er beileibe nicht untätig. Er reist quer durch die USA und unterhält sein Publikum an Universitäten oder in Theatersälen mit einer scharfzüngigen One-Man-Show. Diese Auftritte bildeten für den Film- und Fernsehkomiker Jeff Garlin die Grundlage für This Filthy World.
John Waters ist darin eineinhalb Stunden am Mikrofon zu erleben – mehr nicht. Der Kinozuschauer wird selbst zum Beobachter des überaus witzigen und kurzweiligen Monolog-Marathons, denn das Publikum vor Ort wird nur selten im Bild gezeigt. Aber auch wenn die Bühnendekoration spartanisch ist und Waters durchgehend in Standup-Comedy-Manier frontal zur Kamera spricht, wird einem bestimmt nicht langweilig – erst recht nicht, wenn man sich ein wenig mit den Arbeiten des Regisseurs auskennt.
Chronologisch hangelt er sich im Film durch die Stationen seiner Karriere, geht auf jeden seiner Filme und auf manche seiner Darsteller ein, erzählt von seinen privaten Vorlieben und kommentiert, was gerade so in den Schlagzeilen ist. Man merkt Waters an, dass er in unzähligen solcher Veranstaltungen sein Programm bereits perfektioniert hat. Jede Pointe sitzt, jeder Lacher wird mit schlafwandlerischem Timing von diesem fantastischen Alleinunterhalter gesteuert. Ein sehenswertes Comedy-Highlight, das nur durch einen Besuch in einer von John Waters’ Liveshows noch zu toppen ist. FB
Freitag, 16. Februar 2007
Deutsche Schauspieler erobern den internationalen Film
Auch wenn in diesem Jahr nur zwei rein deutsche Produktionen um den Goldenen Bären als bester Film der Berlinale konkurrieren (Yella von Christian Petzold und Die Fälscher von Stefan Ruzowitzky), zeichnet sich der positive Trend ab, dass zumindest deutsche Schauspieler in internationalen Filmen wieder ernst genommen werden.
Ein seltsamens Paar: Ivan Barnev und Julia Jentsch
Julia Jentsch ist nach Sophie Scholl – Die letzten Tage, für den sie vor zwei Jahren den Silbernen Bären als beste Darstellerin in Berlin gewinnen konnte, heuer in der neuen Produktion des tschechischen Regisseurs Jiří Menzel zu sehen. Als nationalsozialistische Besatzerin in Prag verdreht sie in Ich habe den englischen König bedient Ivan Barnev den Kopf.
Moritz Bleibtreu mit Woody Harrelson
Auch Moritz Bleibtreu wurde in einem Wettbewerbsbeitrag, Paul Schraders The Walker, als Liebhaber der Hauptfigur eingesetzt. In der amerikanisch-britischen Koproduktion spielt der Star aus Elementarteilchen (wofür er 2006 den Silbernen Bären als bester Darsteller gewann) einen schwulen Fotokünstler, der sich in den Mordfall, in den sein Geliebter (gespielt von Woody Harrelson) verwickelt wird, einmischt und auf eigene Faust Ermittlungen anstellt.
Diane Kruger und Joseph Fiennes
Von Diane Kruger noch als deutscher Schauspielerin zu sprechen, ist etwas unpassend, da sie schon im internationalen Film erfolgreich war, bevor man hierzulande auf sie aufmerksam wurde. Aber die in Algermissen geborene Darstellerin (Troja) steht dieses Jahr auch auf der Besetzungsliste des Rassismusdramas um Nelson Mandela, Goodbye Bafana, das Bille August als europäisch-südafrikanische Koproduktion realisierte. Martina Gedeck durfte in Robert De Niros zweiter Regiearbeit, dem stargespickten CIA-Drama Der gute Hirte eine dankbare Nebenrolle übernehmen und ist nach Franka Potente nun schon die zweite Schauspielerin, die mit Matt Damon auf der Leinwand eine Affäre hatte.
Martina Gedeck in Robert De Niros Der gute Hirte
Und schließlich ist da noch André Hennicke, der in dem einzigen italienischen Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr, Saverio Costanzos In Memory of Myself, den Leiter des Priesterseminars spielt, in dem der junge Andrea (Christo Jivkov) in der Hauptrolle in Gefühlswirren gerät.
André Hennicke als besonders gestrenger Kleriker
Auch fernab unserer nationalen Filmszene scheinen deutsche Schauspieler zunehmend wieder zu einem Bestandteil internationalen Filmschaffens zu werden. Eine positive Entwicklung, die sich in der Zukunft hoffentlich weiter fortsetzen wird. FB
Freitag, 16. Februar 2007
Im Wettbewerb (X):
Heute gab es im Wettbewerbsprogramm auch endlich mal was zum Lachen! In seinem ersten Spielfilm seit geschlagenen zwölf Jahren I Served the King of England zeigt der tschechische Altmeister Jiří Menzel, dass er noch immer weiß, wie man die Zuschauer brillant zu unterhalten versteht.
Vom Hilfskellner zum Hotelbesitzer: Ivan Barnev (l.) als Jan Díte
Seine Verfilmung eines bekannten tschechischen Romans von Bohumil Hrabal hält stets gekonnt die Waage zwischen krachernem Slapstickhumor, gerne auch schon mal bewusst die Stummfilmzeit zitierend (und deswegen stilistisch vergleichbar mit seinem grandiosen Die wunderbaren Männer mit der Kurbel), und bitterböser Emporkömmling- und Opportunisten-Satire. Jan Díte weiß, wie man zu Geld kommt: einfach Kleingeld unter die Reichen werfen, dann bekommt man Banknoten zurück. Zwischen den Weltkriegen schafft er es so vom Hilfskellner zum Hotelbesitzer, vor allen Dingen auch deswegen, weil er mit den Nazi-Invasoren gemeinsame Sache macht. Diesem Jan, der in den verschiedenen Lebensabschnitten gleichermaßen überzeugend von Ivan Barnev und Oldrich Kaiser verkörpert wird, kann man dabei eigentlich kaum böse sein, obwohl sein unkritisches und moralisch fragwürdiges Verhalten natürlich Bedenken hervorrufen müsste. Spätestens zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als er sich mit der deutschen Vorzeige-Nationalsozialistin Líza einlässt, bleibt ein Makel an seinem Verhalten haften. Líza ist eine ironische Paraderolle für Julia Jentsch, die hier quasi das genaue Gegenstück zu der Rolle spielen darf, die sie international bekannt machte: Sophie Scholl.
Jiří Menzels Film ist natürlich politisch, aber er nimmt dabei nichts wirklich ernst. Das macht vor allem die Sexszene zwischen Jan und Líza deutlich, in der die Nationalsozialistin ihren Blick nicht vom Führerporträt nehmen will und schließlich mittels CGI-Technik sogar selbst zu einer Hitler-Fratze mutiert. Hier zeigt Menzel Mut zum Spott über das Dritte Reich, der den Kapriolen eines Dani Levy noch einen draufsetzt.
Vor allen Dingen die erste Hälfte des Films ist eine kurzweilige, freche und durchweg überzeugende Schelmenkomödie, die später etwas mehr Ernst entwickelt, aber bis zum Ende unterhaltsam bleibt. Die Unbeschwertheit, mit der Menzel die Charaktereigenschaften seiner betuchten Landsleute in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bloßstellt und auch das aufstrebende Proletariat sein Fett abbekommen lässt, zeugt von Stilbewusstsein und Komödientiming. Dem werden sich sicherlich auch die Jury-Mitglieder nicht verschließen können…FB
Donnerstag, 15. Februar 2007
Im Wettbewerb (IX):
The Walker. Der Film des diesjährigen Präsidenten der Internationalen Jury Paul Schrader wurde im Wettbewerb natürlich außer Konkurrenz gezeigt – echte Chancen auf Bären hätte er ohnehin kaum gehabt.
Lauren Bacall und Woody Harrelson
In seinem neuen Film hat sich der diesjährige Präsident der Internationalen Jury der Berlinale, Paul Schrader, viel vorgenommen. Er erzählt in The Walker von einem Mord in Washington, der weite Kreise zieht und verschiedene dunkle Verstrickungen ans Tageslicht bringt. Im Mittelpunkt steht Woody Harrelson, der sich als Begleiter reicher und einsamer Damen aus der amerikanischen Oberschicht seinen Lebensunterhalt verdient. Eine von ihnen, mit der er auch gut befreundet ist, wird zur Hauptverdächtigen bei einem skrupellosen Gewaltverbrechen.
Harrelsons Figur vertraut der Aussage der Freundin, unschuldig zu sein, und macht sich damit selbst verdächtig. Auch der schwule Lebenspartner des „Walker“ (gespielt von Moritz Bleibtreu) bringt sich in Gefahr, als er auf eigene Faust Recherchen anstellt, die bis in die höchsten Ebenen der amerikanischen Hauptstadt führen.
Nach American Gigolo hat sich Paul Schrader hier abermals mit einem professionellen Eskort-Model beschäftigt, sozusagen eine Fortsetzung mit einem reiferen Charakter geschaffen. Darüber hinaus möchte er aber auch den Lobbyismus der amerikanischen Politik thematisieren, streift am Rande die private Homosexualität seines Protagonisten und erzählt natürlich nicht zuletzt auch eine Kriminalgeschichte.
Das alles zusammengenommen ist aber dann etwas zuviel des Guten. Auch wenn Schrader bis in die kleinsten Rollen hervorragende Schauspieler zur Verfügung standen und man The Walker seine handwerkliche Perfektion nicht absprechen kann, gelingt es ihm kaum, eine emotionale Bindung zu seinen Figuren aufzubauen. Dazu sind es einfach zu viele Charaktere, zu viele Handlungsstränge und zu viele komplexe Fragestellungen, denen der Regie-Altmeister in seinem Film nachzugehen versucht. FB
Donnerstag, 15. Februar 2007 Im Wettbewerb (VIII):
Absturz: Christian Petzolds Yella
Devid Striesow und Nina Hoss
Autos – Keimzellen von Intimität und Entfremdung. Waffen ebenso, wie Selbstmordvehikel. Spätestens seit Wolfsburg sind sie elementarer Bestandteil eines jeden Petzold-Films. Vielleicht lag das Scheitern des vor zwei Jahren auf der Berlinale präsentierten Gespenster auch an der völligen Abwesenheit der Verkehrsmittel. Nun ist Christian Petzold zurück hinterm Steuer und mit Yella auf der Straße Richtung Bär.
Die namensgebende Titelfigur scheint den Bruch mit ihrer Vergangenheit geschafft zu haben. Sie reist nur noch ins heimatliche Wittenberge, um sich vom Vater zu verabschieden. Doch ihr Ex-Freund Ben (Hinnerk Schönemann) lässt sie so einfach nicht ziehen. Er sucht das Gespräch, sie blockt ab. Er holt sie ab, um sie zum Bahnhof zu bringen und Yella willigt ein. Eine fatale Entscheidung, denn die Fahrt endet im Fluss. Klatschnass rettet sie sich ans Ufer und steigt in den Zug nach Hannover.
Der neue Job entpuppt sich aber als Luftblase, mit der auch ihre Zukunftsträume zerplatzen. Da bittet sie der Risiko-Finanzier Philipp (Devid Striesow) um ihre Mithilfe bei einem Geschäft. Die beiden entpuppen sich als perfektes Team und es wächst eine vorsichtige Beziehung, die schließlich auch körperlich wird. Doch Ben taucht immer wieder auf und schüchtert Yella ein.
Es ist faszinierend, wie Petzold die Atmosphäre einer schleichenden Bedrohung aufbaut, die in einem Finale mündet, das zwar vorhersehbar, aber dennoch stimmig ist. Ähnlich, wie bei Wolfsburg beginnt auch Yella mit einer Katastrophe und alles, was danach kommt ist von einer unwirklichen Taubheit geprägt, die sich über unsere Sinne legt, wie Wasser über die Gehörgänge. Nina Hoss spielt die Betäubte mit einer spürbaren Verängstigung. Devid Striesow glänzt erneut im Maßanzug und bestätigt seine Position als einer der aktuell besten Nebendarsteller im deutschen Film (ein ausführliches Interview mit Devid Striesow finden Sie in der kommenden FILMSTART-Ausgabe 03/2007, Anm. d. Red.). Ein Spiel mit der Psyche, das lange nachwirkt. LT
Mittwoch, 14. Februar 2007
Der Preis der Deutschen Filmkritik ist vergeben:
In der HomeBase Lounge in der Nähe des Potsdamer Platzes, des Herzen der Berlinale, wurde am Abend des 13. Februar der Preis der Deutschen Filmkritik verliehen.
Dieter Landuris moderierte den Abend
In gemütlicher Atmosphäre machten sich die zahlreichen geladenen Mitglieder und Stimmberechtigten über Fingerfood und Getränke her. Da hatte es Schauspieler Dieter Landuris, der durch den Abend führte, dann sichtlich schwer, bei den Anwesenden um ein wenig Aufmerksamkeit zu heischen, denn schließlich sollten in den verschiedenen Kategorien die Sieger noch persönlich vor Ort mit ihrem symbolischen Preis ausgezeichnet werden. Vielleicht war es auch einfach unklug gewesen, die Pressemitteilungen mit den Siegern schon im Vorfeld rundzumailen, denn dadurch waren viele der Zuschauer um die Spannung gebracht. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Gewinner auch in der Lounge zugegen und freuten sich sichtlich über die Anerkennung, die sie nun aus den Händen der kritischsten deutschen Kinozuschauer entgegennehmen durften. FB
Die Gewinner in den einzelnen Kategorien sind:
1. SPIELFILM
Requiem (geht an den Regisseur: Hans-Christian Schmid)
2. SPIELFILMDEBÜT
Das Leben der Anderen (geht an den Regisseur: Florian Henckel von Donnersmarck)
3. DARSTELLERIN
Sandra Hüller (Requiem)
4. DARSTELLER
Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen)
5. MUSIK
Knallhart (Bert Wrede)
6. DOKUMENTARFILM
Den Preis teilen sich:
Behind the Couch (geht an den Regisseur: Veit Helmer)
Deutschland. Ein Sommermärchen (geht an den Regisseur: Sönke Wortmann)
7. SCHNITT
Das Leben der Anderen (Patricia Rommel)
8. DREHBUCH
Sommer vorm Balkon (Wolfgang Kohlhaase)
9. KAMERA
Das Leben der Anderen (Hagen Bogdanski)
Mittwoch, 14. Februar 2007
Im Wettbewerb (VII):
Sprachlos:
When A Man Falls In The Forest
Timothy Hutton mit Sharon Stone
Bill arbeitet als Nachthausmeister in einem Büro. Der einsame Job entspricht seinem Naturell, weil er dann rund um die Uhr nur selten auf andere Menschen trifft. Doch weil es in Garys Ehe nicht mehr zum Besten bestellt ist, bleibt dieser häufig länger im Büro und trifft dabei auf den ehemaligen Schulkameraden Bill. Lakonische Außenseiterballade.
Bill ist kein Mann der großen Worte, weil er schon als Kind gehänselt wurde und deswegen den Kontakt zu anderen Menschen scheut. Dylan Baker gelingt es auf faszinierende Weise, diesem apathischen Duckmäuser ein realistisches Gesicht zu verleihen. Mit dicker Brille und albernem Seitenscheitel ausgestattet, sind die äußeren Ingredienzien bereits von der Maske mitgegeben. Aber auch in seiner Körpersprache weiß Baker stets die richtigen Akzente zu setzen, um seine tragische und allzu alltägliche Figur authentisch zu zeichnen. Er ist einer dieser unscheinbaren Typen, die einem immer mal wieder im täglichen Leben begegnen, denen man aber nie allzu große Aufmerksamkeit schenkt.
Der von Timothy Hutton gespielte Gary ist die zweite zentrale Figur von „When a Man Falls in the Forest“, der im Gegensatz zu Bill ein Familienleben mit Frau, Sohn und apartem Eigenhaus zustande gebracht hat, nun aber an einem Punkt in seinem Leben angelangt ist, an dem all diese kleinbürgerlichen Glücksmomente in sich zusammenzufallen beginnen. Der Ehesegen hängt schief, weil sich das Paar nichts mehr zu sagen hat und auch der Teenagersohn hat sich ihnen entfremdet.
Ryan Eslinger verharrt bei der Schilderung dieser gewöhnlichen, aber dennoch bewegenden Einzelschicksale durchweg in einer lakonischen Sprachlosigkeit. Einzig in einer Beichtszene, in der Gary seiner Frau Karen alle seine Fehler und falschen Vorstellungen auf den Anrufbeantworter spricht, kommt es zu einem gigantischen Redefluss. Doch den lässt Eslingers präzise Inszenierung mit einer kleinen Geste in einer saftigen Pointe ausklingen.
Ohnehin kommt trotz der tragischen Begebenheiten der Humor in seinem Film nie zu kurz. So schwingt sich Bill beispielsweise in immer wiederkehrenden Träumen zum Held des Alltags auf, der dann freilich nicht an so profanen Dingen scheitert, wie einer Frau seine Telefonnummer zu geben. Wer intelligent geschriebene und vorzüglich gespielte kleine Geschichten mag, die ohne allzu viel Aufsehen, aber dennoch raffiniert inszeniert sind, wird diesen Film sicherlich mögen. FB
Dienstag, 13. Februar 2007
Im Wettbewerb (VI):
Wichsen für die gute Sache: Irina Palm von Sam Gabarski
Die "singende Schauspielerin" Marianne Faithfull übetzeugt in Irina Palm
Darauf haben Journalisten und Publikum gewartet: mit Sam Gabarskis Irina Palm war heute, zur Halbzeit der Berlinale, endlich ein Wettbewerbsfilm zu sehen, auf den sich alle einigen können. Wem der Hirte zu lang, Der Andere zu –weilig, Die Fälscher zu bekannt und der Cyborg zu koreanisch war, der findet mit dem belgischen Film einen Kandidaten, der witzig und sozialkritisch, anspruchsvoll und unterhaltend ist.
Getragen von seiner wundervollen Hauptdarstellerin, der schauspielernden Sängerin (oder singenden Schauspielerin, wie sie auf der Pressekonferenz enthüllte) Marianne Faithfull drehte Gabarski eine urbritische Geschichte, die ursprünglich gar nicht in London angesiedelt sein sollte. Am Ende ist aber doch alles gelungen, wie es sein sollte. Maggie (Faithfull), eine biedere Hausfrau mittleren Alters kümmert sich aufopfernd um ihren kranken Enkel. Seine einzige Chance: eine Operation im fernen Australien. Flug und Überführung müssen die Eltern selbst zahlen, eine Summe, die sie nicht imstande sind, aufzubringen. Also bewirbt sich Maggie um Job und Kredit, doch ihr Alter macht diesen Versuch aussichtslos. Schließlich gerät sie ins Rotlichtviertel und an Mikki, den Besitzer eines Sexshops. Er bietet ihr einen Job an: sie soll bei Männern Hand anlegen und dafür ein stattliches Gehalt bekommen. Zunächst ist sie angewidert, doch entwickelt schnell ungeahntes Talent.
Mit viel Situationskomik und einer menschlichen Qualität, die schon sein Debüt, den Publikumsliebling Der Tango der Rashevskis auszeichnete, erzählt Gabarski den Weg einer Frau, die für die Liebe zu ihrer Familie bereit ist, alles zu tun. Marianne Faithfull spielt die Maggie mit einer sympathischen Naivität und entwickelt ungeahnt absurde Komik. Ein potentieller Bärenkandidat mit sicherer Option auf den Darstellerpreis der Berlinale `07. LT
Dienstag, 13. Februar 2007
Im Wettbewerb (V):
Mit der Lehrkraft in der Kiste: Tagebuch eines Skandals
Cate Blanchett mit Andrew Simpson
Im Laufe des 21. Jahrhunderts hat die moderne westliche Zivilisation einige grundlegende Wertewandel durchlaufen, die mit Hilfe der neuzeitlichen Aufklärung aus so manchen einstmals moralisch verfemten Lebensstilen endlich tolerierte Lebensentwürfe machten. Viel gibt es heutzutage deswegen nicht mehr, was das Etikett „Skandal“ noch verdienen würde.
Zoë Heller hat in ihrem Roman aus dem Jahr 2001, der diesem Film als Vorlage diente, dennoch einen solchen zum Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse gemacht. Sheba Hart (Cate Blanchett), Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines deutlich älteren Mannes, bekommt als Lehrerin Avancen von einem ihrer 15jährigen Schüler gemacht. Nach kurzer Abwehrhaltung lässt sie sich auf die Affäre mit dem halb so alten Steven ein – und wird bei einem ihrer intimen Treffen von ihrer älteren Kollegin Barbara (Judi Dench) ertappt. Diese willigt ein, niemandem davon zu erzählen, erhofft sich durch ihr Entgegenkommen sogar, die Zuneigung Shebas zu gewinnen, für die sie weit mehr als bloß Freundschaft empfindet.
Man kann nur hoffen, dass die Zuschauer aufgeklärt genug sind, um Barbaras pathologisches Verhalten nicht mit ihrem Lesbischsein in einen Topf zu werfen. Ansonsten könnte es nämlich passieren, dass Richard Eyres (Stage Beauty) Film unterbewusst die Homosexualität seiner Protagonistin als degeneriert und kriminell erscheinen lässt. Gerade die, den Horrorkonventionen abgeschaute, letzte Szene unterstreicht nämlich diese Lesart.
Dem entgegen steht die wieder einmal vorzügliche Darstellerleistung Dame Judi Denchs, der es als Ich-Erzählerin und Tagebuchschreiberin durchaus gelingt, die Zerrissenheit, Sorgen und Nöte ihrer Figur glaubhaft zu machen und der pathologischen Getriebenheit somit auch nachvollziehbare, tragische Momente hinzuzufügen. FB
Montag, 12. Februar 2007
Im Wettbewerb (IV):
Zweifel über den richtigen Weg –
Filme über das Individuum und sein Verhältnis zur Gruppe.
Auf einem so überdimensionalen Festival mit so unterschiedlichen Filmen wie der Berlinale Trends behaupten zu wollen, ist zwar eine müßige und wenig sinnvolle Angelegenheit. Aber in diesem Jahr bot das Wettbewerbsprogramm der ersten Tage erstaunlich viele Geschichten mit einem ähnlichen Leitthema, nämlich das komplexe, spannungsreiche Verhältnis vom Individuum zu Gesellschaftssystemen, Organisationen und Hierarchien, die es umgeben.
Cate Blanchett und George Clooney in The Good German
Ob subtiler Anpassungsdruck im Priesterkolleg oder in der Irrenanstalt, ob brutale Repression im Nazi- oder Apartheidsystem, - jedes Mal ging es um die Frage, wie sich der Einzelne gegenüber den Erfordernissen und Zwängen seines Umfeldes verhält, welche Stellung er dazu bezieht, wie und warum er zweifelt und moralische Entscheidungen trifft. Man darf also sagen: eine sehr soziologische Ausprägung, zumindest was das Berlinale-Hauptprogramm betrifft.
Robert De Niro während der Dreharbeiten zu Der gute Hirte
In den amerikanischen Wettbewerbsfilmen The Good German und Der gute Hirte, die den hohen Erwartungen jeweils nicht gerecht wurden, ging es um Ideale, Integrität und ethische Wertvorstellungen, die durch die desolaten Umstände zerrüttet werden. In Steven Soderberghs merkwürdig steif wirkender Imitation eines 40er-Jahre-Melodrams Good German muss ein amerikanischer Korrespondent (George Clooney) zu seiner Enttäuschung erkennen, dass auch seine ehemalige deutsch-jüdische Geliebte und die amerikanische Besatzungsarmee in schmutzige Geschäfte verwickelt sind. In Robert de Niros zweiter, überdehnt und bisweilen allzu gemächlich wirkender Regiearbeit Der gute Hirte erscheint der US-Geheimdienst CIA als von paranoiden, kontrollbesessenen Politologen ins Leben gerufene Hybris der Macht. Gute Deutsche und gute Hirten – wirklich gute Filme wären uns lieber gewesen. Lim Soo-jung in I'm A Cyborg, But That's Ok
Nicht wirklich gut, aber sehr speziell und schräg ist der Film Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts vom Südkoreaner Park Chan-wook geraten. Die so auf großer Leinwand bisher selten gesehene, super-hochauflösende Digitalästhetik passt gut zu der Art, mit der die Hauptpersonen des Films, allesamt Insassen einer Nervenklinik, die Welt wahrnehmen. Garniert mit schwarzhumorigen Einlagen und computeranimierten Tricksequenzen zieht der Regisseur den Zuschauer in die Wahnwelten der Verrückten hinein, über die man auch ungehemmt lachen darf (sofern man dies persönlich kann, viele verweigerten diesen Schritt durch Flucht aus dem Film!).
Als gesetzlicher Vormund eines stark geistig Behinderten erlaubt sich der Autor dieser Zeilen, dass der Film als skurrile Komödie zwar nur zur Hälfte gelungen ist, aber die Annäherung an die verqueren Denkwelten der Behinderten, die für „Normalos“ mitunter auch erfrischend wirken, ziemlich gut gelungen ist.
August Diehl als aufrechter Kommunist in Die Fälscher
Von einer viel brutaleren Form des Anpassungsdrucks und der Abrichtung von Menschen erzählt der Wiener Regisseur Stefan Ruzowitzky in der deutsch-österreichische Koproduktion Die Fälscher. Basierend auf den KZ-Erinnerungen des heute 89jährigen Deutsch-Slowaken Adolf Burger, der heute in Prag wohnt, wird von der größten Geldfälschungsunternehmung aller Zeiten erzählt: Die SS ließ zwischen 1942-45 handwerklich oder zeichnerisch besonders begabte Juden im KZ-Sachsenhausen gefälschte Pfund- und Dollarnoten in der Hoffnung herstellen, mit Hunderten Millionen solcher Blüten die Ökonomie der damaligen Kriegsgegner zu schädigen.
Zwar ist es auch Ruzowitzky kaum noch möglich, den bisherigen Filmen über das Leben in den KZs der Nazis etwas wesentlich Neues hinzuzufügen, aber dank der lebensecht nachgezeichneten und kraftvoll gespielten Figuren fesselt die Geschichte von den Opfern, die mit dem Teufel paktieren müssen, um die eigene Haut so lange wie möglich zu retten, bis zum Schluss. Einzig die von August Diehl gespielte Figur des Kommunisten, die dramaturgisch dazu dient, die Gewissenskonflikte der Fälscher zu verdeutlichen, wirkt allzu idealistisch. Tatsächlich hat es laut Adolf Burger nie einen moralischen Streit unter den Fälscher gegeben wie im Film. In der existentiellen Situation der Häftlinge sei der Überlebenstrieb jedes Einzelnen größer als irgendwelche Zweifel und Sabotageüberlegungen gewesen, sagt Burger in einem kürzlich erschienen Interview. Wer würde den Häftlingen, die die Hölle auf Erden erlebten, diese erzwungene Unterstützung der eigenen Unterdrücker je vorwerfen? Schauspielerisch im höchsten Maße bären-verdächtig!
Joseph Fiennes in
Goodbye Bafana
Erstaunlich überzeugend verkörpert der seit längerem unterforderte Joseph Fiennes in der internationalen Koproduktion Goodbye Bafana die Wandlung vom Saulus zum Paulus. Der schwedische Regisseur Bille August erzählt spannend und emotional, aber ohne übertriebene Dramatik eine wahre Geschichte: Zuerst überzeugter Vertreter der Apartheid, entsetzt den südafrikanischen Gefängniswärter James Gregory die unmenschliche Behandlung von angeblichen Terroristen wie Nelson Mandela (Dennis Haysbert imitiert großartig jene stoische Erhabenheit, wegen der das Original weltweit so geschätzt wird) derart, dass er Sympathien für die ihm unterstehenden, politischen Häftlinge entwickelt und im Reformprozess der späten 1980er Jahre schließlich sogar eine Art Vermittlerrolle bei den Gesprächen zwischen Mandelas ANC und der weißen Regierung de Klerks spielte. Ein sicherlich aus dramaturgischen Gründen geschönter, indes packender Film, der vom großen Wert der eigenen Integrität und schlichter Mitmenschlichkeit inmitten einer verrohten Umgebung erzählt.
Der einzige Wettbewerbs-Beitrag aus Italien: In Erinnerung an mich selbst
Nagende Zweifel am eigenen Tun – allerdings nicht in einer von Gewalt geprägten, sondern im Gegenteil der ausgesprochen friedfertigen und christlichen Idealen verpflichteten Umgebung eines Klosters – überkommen auch den Piesternovizen Andrea (von unschuldiger Attitüde: Christo Jivkov). In einem der bislang interessantesten, aber auch sperrigsten Filme, dem einzigen italienischen Wettbewerbsbeitrag In memoria di me (In Erinnerung an mich selbst) von Regisseur Saverio Costanzo, dessen Titel bereits andeutet, dass der Protagonist dabei ist, sich selbst zu verlieren, stellen weniger die abgeschiedene Atmosphäre und Anpassung ans Klosterleben den Novizen auf die Probe, als vielmehr ominöse Dinge, die er nicht einordnen kann - und wohl nach dem Willen der Patres und seiner Mitzöglinge auch nicht verstehen soll. Bald aber ist offenkundig, dass zwei Novizen unter homosexuellen Neigungen und dem Mangel an klärenden Gesprächen untereinander leiden, in deren Seelenpein Andrea hineingezogen wird, zumal er betroffen erkennen muss, dass für die Klosterleitung (der perfekt italienisch sprechende Deutsche André Hennicke verkörpert einen ausgesprochen asketisch-gestrengen Kleriker) nicht sein kann, was nicht sein darf. Regisseur Constanzo hat einen ästhetisch klar durchdachten Film gedreht, der Hierarchien kritisiert, wenn sie ausschließlich Autorität als Maßstab wählen und Probleme ansonsten ignorieren.
Ein großes Manko, unter dem in diesem Jahr auffällig viele Wettbewerbsfilme leiden, ist die oft unpassend aufdringliche Musik. Viele Regisseure trauen offenkundig der Emotionalität ihrer Geschichte nicht und übertreiben bei der musikalischen Unterstützung, die ins störende kippt. Schade. MPH
Sonntag, 11. Februar 2007
Im Wettbewerb (III):
Robert De Niros Politdrama Der gute Hirte.
Angelina Jolie und Matt Damon in Der gute Hirte
Dieser Film hat Einiges, was für ihn spricht, insbesondere eine der herausragendsten Nebenrollenbesetzungen überhaupt, aber seinen epischen Absichten kann er nicht so ganz gerecht werden.
Der erste grobe Patzer in dieser Geschichte von der Gründung der Central Intelligence Agency (CIA) ist die Fehlbesetzung Angelina Jolies als unglückliche Ehefrau des CIA-Beamten Edward Wilson (Matt Damon). Mit ihrer immer reifer werdenden exotischen Schönheit und ihrem nicht mehr aus den Schlagzeilen verschwindenden Privatleben ist sie nicht mehr in der Lage, die jugendliche Energie aufzubringen, die in den frühen Szenen benötigt wird. Auch nimmt man ihr die Frau, die in einem eintönigen Leben und einer lustlosen Ehe im zweiten Teil des Films gefangen ist, einfach nicht ab.
Und auch Damon bleibt in seiner Rolle praktisch vollkommen ausdruckslos. Seine von Eric Roth geschriebene Figur ringt ständig mit ihrem Pflichtbewusstsein, das bis auf einige wenige Ausnahmen dem privaten Glück im Wege steht. Damon gelingt es nicht, Wilsons Innenleben transparent zu machen. Dennoch gibt es im Film Einiges, was von diesen Unzulänglichkeiten ablenkt.
Alec Baldwin als FBI-Agent auf der Spur eines CIA-Maulwurfs, Michael Gambon als Wilsons Mentor, John Turturro als CIA-Kollege und Regisseur Robert De Niro in einem Cameo als General, der Wilson seinen Job beschafft, hinterlassen alle bleibende Eindrücke. Auch Joe Pesci in seinem ersten kurzen Leinwandauftritt seit 1998 haucht dem Film zusätzlich Leben ein.
Die komplexe Flashbackstruktur stellt Untersuchungen der fehlgeschlagenen Schweinebuchtinvasion von 1961 mit Szenen aus Wilsons Karriereanfängen gegenüber. Er transportiert dabei Botschaften zu Pflichtgefühl und Karrierestreben. Der Zuschauer wird sich am Ende nur wünschen, dass ihm das etwas zügiger als in den 167 Minuten des Films gelungen wäre. LD
Sonntag, 11. Februar 2007
Im Wettbewerb (II):
Clint Eastwoods Kriegsdrama Letters from Iwo Jima läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz.
Shidou Nakamura in Letters from Iwo Jima
Der Schlachtenlärm von Flags of Our Fathers ist noch nicht richtig verklungen, da erhebt er sich schon von neuem. Nach Clint Eastwoods respektvollem, aber auch bitteren Blick auf das Kämpfen und Sterben amerikanischer Soldaten bei der Schlacht um die Pazifikinsel Iwo Jima – ein Blick, der auch eine elegische und kritische Reflektion über Heldenmut und Heldenmythos umfasste – wechselt jetzt der Regisseur die Perspektive. Die Kamera steht gewissermaßen in den feindlichen Linien. Die anonymen Japaner aus Flags of Our Fathers bekommen Gesichter und Geschichten. Werden Menschen.
Letters from Iwo Jima nannte Eastwood seinen Film. Ein einfacher und wirkungsvoller Titel – bezieht er sich doch auf jene Briefe, die Jahrzehnte nach der Schlacht, vergraben in der kargen Erde der Insel, gefunden wurden. Briefe, die japanische Soldaten an ihre Angehörigen schrieben – wissend, dass diese weder das Geschriebene in Händen, noch die Schreiber jemals wieder in Armen halten werden. Die Verteidigung Iwo Jimas war ein Himmelfahrtskommando. Von Anfang an. Das emotionale Potenzial dieser schlichten Tatsache ist enorm. Die Gefahr, dass daraus ein kitschtriefender Film wird, ebenfalls. Doch Eastwood macht einfach, was er verdammt gut kann: Er inszeniert durchaus mit pathetischer Geste – aber das lakonisch und trocken. Mit all der Ruhe, die sich ein souveräner Geschichtenerzähler erlauben kann.
Wie auch schon Flags of Our Fathers ist Letters from Iwo Jima ein Gruppenporträt. Da ist Saigo, der Bäcker, der nichts weiter will, als seine neugeborene Tochter sehen – und Leutnant Ito, der, gefangen im Ehrenkodex, den Heldentod sucht. In diesem Spannungsfeld aus menschlichem Bedürfnis und soldatischem Ethos, installiert Eastwood sein weiteres Personal. Den charismatischen Baron Nishi, einst erfolgreicher Olympiareiter, oder Shimizu, einen Idealisten, der am Kriegsgrauen zu zerbrechen droht. Die faszinierendste Figur in diesem Fresko – und das Kraftzentrum des gesamten Films – ist jedoch Generalleutnant Kuribayashi. Der kultivierte Oberbefehlshaber, der Amerika bereiste, um die Chancenlosigkeit seiner Truppe weiß und der dennoch, aufgrund seiner Kenntnisse amerikanischer Militärstrategie, die Insel fast vierzig Tage zu verteidigen vermag.
Kuribayashi wird von Ken Watanabe gespielt. Und Watanabe (Last Samurai) fügt sich, mit dieser Mischung aus Stoizismus und Melancholie, wunderbar ins Fluidum Eastwoodscher stiller Heroen. Über Watanabes Figur findet sich auch der Zugang des westlichen Regisseurs zur fernöstlichen Mentalität. Denn natürlich ist Letters from Iwo Jima eine Annäherung – und eine Respektbekundung. Respekt für die 20.000 Japaner, die auf Iwo Jima fielen – und Respekt, vor einer Kultur, die nicht zuletzt großartiges Kino hervorbrachte. Diesem Respekt schuldet sich auch die Tatsache, dass Eastwood seinen Film komplett in Japanisch drehte. Mehr als nur eine Geste. Denn wie Eastwood es vermag, in den Kampfszenen die Bildsprache eines Akira Kurosawa, oder – in den vielen stillen und intimen Momenten – den kontemplativen Blick eines Yasujiro Ozu seinem eigenen Stil anzugleichen, ist mehr als bloßes Zitieren. Eastwood, auf der Höhe seiner Regiekunst, zeigt ein sanftes Verschmelzen. Zeigt die leise, zähe Hoffnung, hinter den Bildern des Kriegsgrauens. SG
Samstag, 10. Februar 2007
Generation 14plus II
Heute wurden in der "Generation 14plus"-Reihe zwei Spielfilme
vorgeführt, die von Handlung und Stil her sehr unterschiedlich sind
(Hollywood versus Bollywood), aber eine Reihe von Gemeinsamkeiten besitzen.
Christopher Plummer in Man in the Chair
Michael Schroeders Man in the Chair erzählt die Geschichte des 17-jährigen
Cameron, der auf der Suche nach einem Stoff für seinen Abschlussfilm an der
High School über das letzte noch lebende Mitglied des Citizen
Kane-Kamerateams Flash (Christopher Plummer!) an eine Reihe in die Jahre
gekommener Filmleute gerät, die mit ihm zusammen den Film realisieren wollen - und dadurch
eine neue Aufgabe in ihrem Leben finden.
Lee Pace und Catinca Untaru
in The Fall
The Fall, ein in 27 Ländern gedrehter, opulenter Film im Bollywood-Stil
mit vielen schönen Postkartenbildern aus der halben Welt, handelt von einem
Stuntman aus der Stummfilmzeit, der nach einem Arbeitsunfall die Beine nicht
mehr bewegen kann. Im Krankenhaus lernt er die 5-jährige Alexandria kennen,
der er Geschichten mit Helden und Bösewichten erzählt, in die immer mehr
Elemente aus dem Leben der beiden einfließen. Man in the Chair und The Fall sind "große" Filme, die genauso gut in einer "Erwachsenen"-Reihe, etwa in Panorama, hätten vorgeführt werden können. Beide Filme sind eine Hommage an das klassische Kino: In The Main in the
Chair lernen sich Flash und Cameron in einem kleinen Programmkino in Los
Angeles kennen, das klassische Filme spielt. The Fall setzt den Stuntmen der
Stummfilmzeit ein filmisches Denkmal.
Und noch eins ist beiden Filmen gemeinsam: Sie werden dem neuen Namen der
Reihe "Generation" dadurch ganz besonders gerecht, dass sie von wunderbaren
Freundschaften über Generationen hinweg erzählen.
JG
Samstag, 10. Februar 2007
Zum vierten Mal: Generation 14plus
Im hoffnungslos überfüllten Zoo-Palast wurde am Freitagabend die
Sektion "Generation 14plus" von Sektionsleiter Thomas Hailer und
Schauspieler Constantin von Jascheroff eröffnet.
Leilah Moreno, Negra Li, Quelynah, Cindy in Antonia
"Generation 14plus" wendet sich mit 11 Spielfilmen aus aller Welt
insbesondere an Jugendliche von 14 bis 18 Jahren. Sie wurde vor vier Jahren
ins Leben gerufen. Hauptdarsteller in Jargo, einem der Filme, die am
ersten "Generation 14plus"-Wettbewerb teilnahm, hieß Constantin von
Jascheroff. Mittlerweile ist er ein etablierter Schauspieler - Falscher
Bekenner hieß sein letzter Film. Am Forum der Berlinale nimmt er mit Jagdhunde teil.
Eröffnungsfilm war die brasilianische Produktion Antonia über vier junge
Sängerinnen in einem Armenviertel von
São Paulo, die durch die Musik dem
grauen Alltag entfliehen. Die schöne Botschaft von Freundschaft und
Vergebung wird leider nicht immer atmosphärisch dicht genug umgesetzt, um
den Zuschauer über die 90 Minuten zu fesseln. Die schöne Musik entschädigt
da allerdings für manch dramaturgische Holprigkeit. JG
Freitag, 9. Februar 2007
Im Wettbewerb (I):
Cao Hamburgers feine Coming-of-Age-Geschichte O ano em que Meus Pais Saíram de Férias
Michel Joelsas, Germano Haiut
Mit dem brasilianischen Kindheitsdrama Das Jahr als meine Eltern in Urlaub waren von Regisseur Cao Hamburger hatte der Berlinale-Wettbewerb nach dem eher zwiespältigen La Vie en Rose ein erstes filmkünstlerisches Highlight zu verzeichnen. Hamburger erzählt mit autobiografischen Zügen vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft 1970 die Geschichte des zwölfjährigen Mauro aus Sao Paolo, dessen Eltern von den Schergen der damaligen Militärdiktatur verhaftet werden. Da auch Mauros jüdischer Großvater stirbt, ist der Junge auf die Hilfe der unmittelbaren Nachbarn angewiesen, die allesamt zur jüdischen Enklave Brasiliens gehören. Der alte, abgeschottet lebende Shlomo hilft dem Findlingsjungen zunächst nur widerwillig. Aber nach und nach erkennen sowohl Shlomo als auch Mauro – von den jiddisch sprechenden Nachbarn Moishele genannt – was sie aneinander haben.
Wie der Regisseur diese Annäherung auflöst und wie er dabei jüdisches Gemeindeleben, politische Repression und das brasilianische 1970er-„Sommermärchen“ aus kindlicher Sicht zusammen bringt, ist schon große dramaturgische Kunst. Ein wohltemperierter, zu Herzen gehender, aber keineswegs rührseliger Film, der nachwirkt. So darf es weitergehen… MPH
Freitag, 9. Februar 2007
Als Journalist in Berlin
Harte Zeiten für Pressevertreter?
Auf der Tasche liegen
Gerüchteweise ist es ja für manche Journalisten das wichtigste am ganzen Festival: Die Sponsorengeschenke einsacken. Äußerlich gut sichtbares Erkennungszeichen, ob man akkreditiert ist bzw. wieder mal dazugehört, sind in jedem Jahr die VW-gesponserten Berlinale-Taschen, die 10 Tage das Straßenbild der Hauptstadt dominieren wie kaum ein anderes Gimmick. Regelmäßige Festivalteilnehmer memorieren die Geschichte der Berlinale eher anhand der Berlinale-Taschen (hässlich, nützlich, nach dem Festival noch verwendbar?) als über die Gewinner-Filme. Dieses Jahr werden wir doppelt enttäuscht: Die Tasche ist satt violett, also außerhalb des Festivals kombinationstechnisch unverträglich – was bislang vor allem die Männer stört. Und – schlimmer noch – viel zu klein. Nur Millimeter über DIN A4 Standard und nichts passt mehr rein. Fazit: Eher Modeaccessoire für Farbenfrohe als nützliches Utensil (was – pssst! – VW-Leute hinter vorgehaltener Hand auch so sehen).
Auf dem Trockenen sitzen
Schock auch für durstige Journalistenkehlen (und die sind eigentlich immer durstig): Es gibt keine vollgeladenen Trinkwasser-Container mehr! Das heißt, jeden Schluck muss man außerhalb von Partys und Empfängen selbst bezahlen. Liebe Vösslauer – lasst uns nicht auf dem Trockenen sitzen! Wir wollen – was wir ja eh schon seit langem machen – auch das ganze, liebe lange Jahr eure leckeren Durstlöscher konsumieren, großes Journalistenehrenwort!
Auf die sanfte Tour abfahren
Aber wir wollen nicht immer nur meckern – hier ist mal ein wahrlich tolles Zusatzangebot von einem der Hauptsponsoren: die Volkswagen-Film-Locationtour quer durch Berlin. Zwei Stunden lang geht es per bequemem Spezialbus zu wichtigen Drehorten der Stadt, die aus Filmen wie Eins, zwei, drei, Das Leben ist eine Baustelle, Lola rennt, In weiter Ferne, so nah oder Die Bourne Verschwörung bekannt sind. Ein professioneller Schauspieler erläutert als Führer, welche Motive wie für welchen Film verwendet wurden und berichtet Anekdoten über den Film-Schauplatz Berlin. Zur VW-Locationtour kann sich jeder Festivalgast und Normalo anmelden. Die Touren finden während der Berlinale (bis 18. Februar) dreimal täglich um jeweils 9, 12 und 15 Uhr ab dem Treffpunkt „Volkswagen startklar“ beim Sony Center am Potsdamer Platz statt. Rechtzeitiges Erscheinen sichert Plätze, ansonsten anmelden für eine spätere Tour. MPH
Donnerstag, 8. Februar 2007
Berlinale Eröffnungsfilm:
La Vie en Rose bestand vor Publikum und Kritik. Marion Cotillard mit Gérard Depardieu
Gleich am ersten Tag des Festivals trennt sich unmittelbar nach dem hastig eingenommenen Frühstück die Spreu vom Weizen: Ist man/frau „nur“ Boulevard- oder gar TV-Boulevard-Journalist (die seriöse Printmedienvertreter um sich herum eher mitleidig erdulden), trudelt man locker am Potsdamer Platz ein, tratsch erst mal rum, steht abends mit Mikrofon bewaffnet am Roten Teppich und schlemmt hernach Rote Grütze. Ist man/frau „tatsächlich“ Journalist, also weniger gut bezahlt und schlampiger aussehend, muss mit der Akkreditierung alles ganz schnell gehen, denn bereits zwischen 9-11 Uhr kann der Eröffnungsfilm gesehen und beurteilt werden. Also nix wie rein…
Diesmal am Ende der Aufführung zwar nicht lautstarke Begeisterung, die einen beschwingt durch den Rest der Mammutveranstaltung trägt (wie weiland Chicago), aber doch spürbare Erleichterung – Festivalchef Dieter Kosslick hat nicht wieder eine überkandidelte Gurke von Pseudoweltkino angeschleppt, sondern ein würdiges Epos um eine große europäische Künstlerin, das alle Gefühle bedient wie sonst nur bestes Hollywood-Kino – noch dazu mit Musik, die alle kennen.
Der Eröffnungsfilm, La Vie en Rose, ist zwar nicht die erste Filmbiografie über die weltberühmte, stimmgewaltige Chansonsängerin Edith Piaf (1915- 1963), aber die erste mit solcher Grandezza, sprich: hohem Produktionsaufwand.
Der Film lässt sich mit der Beschreibung der erbärmlichen Verhältnisse, aus denen Edith Piaf stammte – sie wuchs nach dem Ersten Weltkrieg zeitweise bei „Ersatzmüttern“ in einem Bordell auf – viel Zeit, um die Zerrissenheit und Getriebenheit des späteren Weltstars verständlich zu machen. Dabei wechselt Drehbuchautor und Regisseur Olivier Dahan sehr souverän zwischen Episoden aus den Kinder- und Jugendjahren der Piaf, der turbulenten Zeit ihres Aufstiegs und dem frühen, bitteren Ende, als sich die Frau durch Alkohol und Drogen zerschlissen hat.
Ein pralles Panoptikum, dabei bleiben bei Dahane die meisten Figuren und Ereignisse (die zahlreichen Kurzehen, die musikalische Förderung von Liebhabern wie George Moustaki oder Yves Montand) zugunsten der zentralen Liebesgeschichte im Leben der Piaf mit dem Boxer Marcel Cerdan sogar unerwähnt. Bei der Schilderung dieser Episode gleitet der Film mitunter in eine gefällige, allzu konventionelle Inszenierung ab, so dass man sich noch mehr originelle Regieeinfälle von jener Art gewünscht hätte, als die Piaf - vor einem Riesenpublikum singend - gar nicht zu hören ist, sondern nur ihre Mundbewegungen und die begeisterten Gesichter in Publikum zu sehen sind.
Was La Vie en Rose zum Ereignis macht, ist die sensationelle Leistung der Hauptdarstellerin Marion Cotillard, die sich die Rolle der jungen, ungestümen wie auch der gealterten, gebrechlichen Piaf gleichermaßen überzeugend – man muss sagen: wie eine zweite Haut – überstreift, dass es einem den Atem verschlägt. Fazit: Kein überragendes Meisterwerk, aber dank kurzweiliger, anrührender Unterhaltung mit einer grandiosen Hauptdarstellerin kann Festivalchef Dieter Kosslick getrost in den Schlussakkord des Films, „Je ne regret rien“ mit einstimmen. MPH
Donnerstag, 8. Februar 2007
Die Berlinale-Jury ist eingetroffen
Jetzt geht’s los…
Lange Schlangen beim Ticket-Vorverkauf
Während sich an den Vorverkaufsstellen der Berlinale bereits seit Montag lange Schlangen von Ticket-Käufern bildeten, die z.T. bis zu zwei Stunden Wartezeiten in Kauf nahmen, hat Festivalchef Dieter Kosslick am Mittwoch die meisten Jurymitglieder persönlich bei ihrer Ankunft begrüßt. Als erster war bereits am Dienstag Mario Adorf in Berlin, da er am Abend im Berliner Ensemble eine Lesung aus Joseph Roths Roman „Die Legende vom Heiligen Trinker“ gab. Ein Schelm, wer da vermutete, es sollte damit bereits auf die feucht-fröhlichen Events der nächsten Tage vorbereitet werden.
Ebenfalls am Dienstag trafen am Flughafen Berlin-Tegel der diesjährige Präsident der internationalen Jury, Drehbuchautor und Regisseur Paul Schrader, und US-Schauspieler Jeff Goldblum ein. Letzterer, der als Schauspieler in Hal Hartleys Politsatire Fay Grim im Panorama vertreten ist und als Fan des Berliner Clubszene gilt, besuchte zusammen mit Cosma Shiva Hagen und Veronica Ferres am Dienstagabend die Premiere der deutschen Komödie Die Aufschneider.
Jeff Goldblum und Parker Posey in Fay Grim
Mit der Installation letzter Techniken am Berlinale-Palast am Potsdamer Platz und der großen Berlinale-Plakatwände am Zoo-Palast (Spielstätte der Kinder- und Jugendsparte „Generation“ und des Panorama) waren am Mittwochabend alle notwendigen Vorbereitungen abgeschlossen. Ab heute werden einige Tausend Akkreditierte sich bereits um die – diesmal hell-violetten – Berlinale-Taschen balgen, die Erkennungszeichen der „Happy Few“ sind.
Donnerstag, 8. Februar 2007
Guckst Du Prekariat oder was?
Deutsche Nachwuchsfilme auf der Berlinale richten den Fokus auf soziale Probleme
In der Spezialreihe der Berlinale mit Filmen des deutschen Regienachwuchses „Perspektive Deutsches Kino“ geht es mehr denn je knallhart zu – nachdem der Siegeszug des deutschen Films vor zehn Jahren mit einer Komödienwelle begann, greifen die jungen Regie-Absolventen der diversen Filmhochschulen im Zeitalter von Hartz IV und anhaltender Massenarbeitslosigkeit voll ins prekäre Leben. Erstaunlich treffsicher und authentisch bilden die jungen Talente – diesmal zu zwei Dritteln Frauen! – die sich dramatisch verschlechternden, sozialen Verhältnisse ab, ohne dabei in ein pauschales Lamento zu verfallen. Stattdessen wird der Zuschauer in das Leben der geplagten Figuren hineingezogen und gleichsam zur solidarischen Anteilnahme aufgefordert, die oft den letzten Ausweg aus der Misere darstellt, die die Politik hinterlassen hat.
Autopiloten und Blindflüge
Ein grandioses schauspielerisches Kabinettstück bietet Charly Hübner (Im Schwitzkasten, Das Leben der Anderen) als überforderter Vetrerter von Badewannenlifts (hier beim Anbaggern auf einer seiner Touren) in Bastian Günthers multiperspektivischem Gesellschaftsdrama Autopiloten.
Gerade noch vor dem Abstieg stehen die vier Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs im Langfilmdebüt von Bastian Günther, Autopiloten. Der Titel deutet bereits darauf hin, dass die vier gestandenen Männer – ein abgehalfterter Schlagersänger, ein zum Abschuss frei gegebener Fußballtrainer, ein Vertreter von Medizintechnik und ein rasender TV-Reporter – sich nur mehr in Routineabläufen bewegen, die sie emotional längst ausgedörrt haben. Dem steigenden Erfolgsdruck und den sich verschärfenden Verteilungskämpfen in ihrem Umfeld sind sie kaum noch gewachsen. Die vier hervorragend gespielten (Charly Hübner als schmieriger Badewannen-Lift-Vertreter bietet eine „Lola“-reife Leistung) und über weite Strecken überzeugend miteinander verwobenen Einzelgeschichten schließt Bastian Günther mit einem Schein-Happy-Ending ab – der Lauf im Hamsterrad geht einfach irgendwie weiter.
Auch der Debütfilm von Ben von Grafenstein , Blindflug, zeigt drei Menschen, die sich ihrer emotionalen Verworrenheit stellen müssen: Auf ebenso amüsante und melancholische Weise erzählt der fast komplett auf einem Flugplatz inszenierte Film, wie ein jung-dynamischer Geschäftsmann mit z. T. illegalen Mitteln versucht, seine beziehungsmüde Lebensgefährtin daran zu hindern, mit einem Unbekannten in die Ferne zu fliegen.
Sozialstaat alle-alle
Die Reihe mit deutschen Filmen auf der Berlinale wartet mit großartigen Schauspielerleistungen auf: Hier die Nachwuchsstars Paula Kalenbach (links) und Marie Luise Schramm als ungleiches Frauenpaar in Julia von Heinz' Was am Ende zählt (nämlich die Freundschaft).
Eine Reise in ein neues Leben will auch die junge Carla in Julia von Heinz’ berührendem Ausreißerdrama Was am Ende zählt antreten, wird daran aber schon am Berliner Ostbahnhof gehindert, wo sie den Albtraum jedes Touristen erlebt: Sie wird ausgeraubt. In ihrer Not lässt sich die aus bürgerlichem Hause stammende Carla sogleich von dem zwielichtigen Michael ins Bett locken, der ihr immerhin auch noch eine illegale Arbeitsstelle verschafft. Dort trifft Carla auf Lucie, die es gewohnt ist, ein unstetes Leben zu führen und ihr eine große Hilfe wird, vor allem, als Carla ihre ungewollte Schwangerschaft entdeckt. Lucie schlägt einen riskanten Rollentausch vor, will später die Mutterrolle übernehmen. Die an Überraschungen reiche Geschichte besticht durch ihre pointierte, stilistisch ausgereifte Erzählweise und das nuancierte Spiel der jungen Schauspielerinnen Paula Kalenberg (Die Wolke) und Marie-Luise Schramm (Komm näher).
Die Reihe mit deutschen Filmen auf der Berlinale wartet mit großartigen Schauspielerleistungen auf: Hier Milan Peschel als heruntergekommener, Brandenburger Kleinunternehmer in Pepe Planitzers AlleAlle, der durch die Begenungen mit einem geistig Behinderten (Eberhard Kirchberg) und seiner Jugendliebe (Marie Gruber) neuen Lebensmut schöpft.
Mit den besonders prekären Verhältnissen – um das Soziologenneudeutsch aufzugreifen – in Ostdeutschland beschäftigt sich Regisseur Pepe Planitzer in seinem sensibel inszenierten Drama AlleAlle. Die Geschichte vom fast bankrotten, bereits vom Alkoholismus gezeichneten Kleinunternehmer Domühl (grandios: Milan Peschel), dem in der Brandenburger Provinz durch Zufall der geistig behinderte Hagen (ebenfalls großartig: Eberhard Kirchberg) zuläuft und seinem antriebslosen Dasein neue Inspiration und Sinn verleiht, wirkt in der Nacherzählung, als wollte Planitzer wahlweise die jüngst veröffentlichten, deprimierenden Ergebnisse einer Sozialstudie über die wachsende Unzufriedenheit der ostdeutschen Arbeitslosen oder den Hirtenbrief der deutschen Bischöfe bebildern. Doch die No-Budget-Produktion entpuppt sich als erfreulich unpathetisches und abwechslungsreiches Gleichnis über den Wert gelebter Solidarität.
Ghettos, Gangsta und Prinzessinnen
Einblicke in die harte, von sich verschärfenden sozialen Unterschieden geprägte Lebensrealität in den Problemkiezen unserer Großstädte bieten die Dokumentarfilme der Reihe. Für ihren Film über den Hamburger Stadtteil Osdorf begleitete Babelsberg-Absolventin Maja Classen monatelang eine Gang jugendlicher Migranten, die bereits straffällig geworden und doch stolze „Ghetto-Bewohner“ sind.
Die Eindrücke und Interviews verdichten sich zu einem Mosaik einer in weiten Teilen gescheiterten Integrations- und Sozialpolitik, die sich immer mehr mit dem Lindern von Symptomen begnügt. In Astrid Schults Kurzreportage Zirkus is nich steht der achtjährige Dominik im Mittelpunkt, der als Neben-Oberhaupt einer sozial schwachen Familie seiner allein erziehenden Mutter helfen muss, den Alltag mit zwei jüngeren Geschwistern zu bewältigen. Wie der Junge diese ihm eigentlich nicht angemessene Aufgabe zu bewältigen sucht, lässt den Zuschauer teils mit Bewunderung, teils mit Erschrecken zurück.
Da können die Hollywood-Diven einpacken: Im Dokumentarfilm Prinzessinnenbad (Anspielung auf das Kreuzberger Freibad "Prinzenbad") porträtiert Regisseurin Bettina Blümner die rotzig-freche Kreuzberger Mädchenclique bestehend aus Tanutscha, Klara und Mina (v. l.).
Nicht gerade ein Ghetto, aber doch ein soziales Biotop der ganz eigenen Art zeigt auch die Dokumentarfilmerin Bettina Blümner und präsentiert in Prinzessinnenbad eine verschworene Mädchenclique aus dem links-alternativen Kreuzberg. Angesichts dieser drei erst 15-Jährigen, aber im Alkohol- und Jungs-Konsum kaum noch zu toppenden, rotzfrechen Diven können Hollywoodschicksen wie J-Lo aber gleich einpacken. Für Gegner der antiautoritären Erziehung bieten die Szenen mit den Alt-68er-Müttern reiche Argumentationshilfen, ansonsten verdeutlicht auch dieser Porträtfilm von drei erfahrungs- und orientierungshungrigen Großstadtgören, wie gefährdet das bislang ausgeglichene soziale Klima in unseren Städten bereits geworden ist. MPH
Perspektive Deutsches Kino: 9. bis 18. Februar 2007, tägl. im Cinemaxx 1,3 und 6, Potsdamer Platz und UCI-Kino Colosseum, Schönhauser Alle, Berlin; 19. bis 24. Februar 2007: Filmmuseum Potsdam.
Mittwoch, 7. Februar 2007
Küche, Kunst und Kino
Filme satt – aber auch Feinschmecker kommen bei der Berlinale auf ihre Kosten
Berlinale Palast
Ohne Glamour weniger Resonanz – und deshalb sind zu den 57. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, die am 8. Februar mit der Welturaufführung der Filmbiografie La Vie en Rose über die französische Chansonsängerin Edith Piaf eröffnet werden, prominente Weltstars wie Cate Blanchett, Sharon Stone, Jennifer Lopez, Antonio Banderas, Sir Ben Kingsley, Dame Judi Dench, die Haudegen Robert De Niro, Clint Eastwood und Gérard Depardieu und vor allem die versammelte deutsche Filmprominenz geladen, auf dass sich Festival und Stargäste gegenseitig Aufmerksamkeit verschaffen. Doch neben der Starpower, die überregional für Aufmerksamkeit sorgen soll, muss Festivalchef Dieter Kosslick zugleich auch die hohen Ansprüche der rund 19.000 Fachbesucher, Medienvertreter und Cineasten erfüllen.
Filme satt
So ist das Kernstück des Festivals, der Wettbewerb, in dem 22 Spielfilme um die Bären-Preise konkurrieren, wieder einmal mit Filmen mit hochpolitischen Themen gespickt, werden z. B. der Nahost-Konflikt, der Völkermord an den Armeniern, die Machenschaften des CIA oder verschiedene Vorfälle aus dem 2. Weltkrieg behandelt. In einer Sondervorführung wird in einer US-Dokumentation an die Biografie und das Vermächtnis des Nazi-Verfolgers Simon Wiesenthal erinnert.
Nina Hoss in Yella
Karl Markovics, Devid Striesow und Martin Brambach in Die Fälscher
Sharon Stone in When a Man Falls in the Forest
Dass die Filmländer USA, Frankreich und China diesmal betont stark vertreten sind, während die heimische Filmindustrie erstmals in der Ägide Kosslick nur zweimal vertreten ist (mit Christian Petzolds Yella und Stefan Ruzowitzkis Die Fälscher), wird dadurch relativiert, dass mehrere multinationale Koproduktionen, an denen auch deutsche Regisseure, Schauspieler und Produzenten beteiligt sind, im Wettbewerb laufen, so z.B. When a Man Falls in the Forest mit Sharon Stone und Timothy Hutton. Zudem sind 32 weitere deutsche Filme in fünf anderen Programmsparten der Berlinale zu sehen: im Internationalen Forum des Jungen Films, im Panorama, beim Kinder- und Jugendfilmfest, im Kurzfilmprogramm und natürlich in der Spezialreihe Perspektive Deutsches Kino, in der viele Nachwuchsfilme aktuelle soziale Probleme unserer Gesellschaft, die immer mehr Schichten zu erfassen scheinen, behandeln.
Trends
Ohnehin ist leichte Kost überall die Ausnahme: Ein Trend ist z.B. die Auseinandersetzung mit den Auswüchsen der Terrorismusbekämpfung bzw. das wachsende Misstrauen zwischen Menschen verschiedener Kulturen wie in der neuen, von Deutschland mitproduzierten Produktion des US-Independent-Regisseurs Hal Hartley, Fay Grim. Mehrere Schauspieler sind mit ungewöhnlichen Filmen im Panorama vertreten, darunter der Spanier Antonio Banderas, die Französin Julie Delpy, die Kanadierin Sarah Polley und der Amerikaner Steve Buscemi.
Warren Beatty und Faye Dunaway in Bonnie und Clyde
In diesem Jahr gibt es wieder eine Hommage, die dem renommierten Hollywood-Regisseur Arthur Penn – Spezialist für psychologisch ausgefeilte Kriminalfilme wie Bonnie und Clyde – gewidmet ist, und der einen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhält. Die filmhistorische Retrospektive „City Girls“ reflektiert anhand von 46, teils neu restaurierten Stummfilmen das moderne Bild der Frau zwischen 1915 und 1930, als die westlichen Filmindustrien auf die immer größere Zahl von berufstätigen Frauen (meist „Bürofräuleins“) und die Emanzipationsbestrebungen reagierten: teils mit Melodramen im bürgerlichen Milieu, teils mit verführerischen, Männer verschlingenden Vamps. Highlight ist die Wiederaufführung der restaurierten 1920er-Version von Hamlet, in der Stummfilm-Megastar Asta Nielsen einen weiblichen „Prinzen“ von Dänemark verkörperte – wie alle Retrospektive-Vorführungen mit Orchestereinsatz.
Asta Nielsen in Hamlet
Integrierte und Visionäre
Insgesamt bringt es die größte Kulturveranstaltung Deutschlands auf mehr als 370 Einzelbeiträge in über 1190 Aufführungen. Eine geballte Programmfülle darf auch die Fachwelt auf dem Europäischen Filmmarkt im repräsentativen Martin-Gropius-Bau bewältigen, wo die Geschäfte getätigt werden. Dort werden u.a. 37 hochrangige Spielfilmprojekte aus 25 Ländern vorgestellt, deren Budgets zwischen 1 und 7 Millionen Euro bereits teilfinanziert sind und nun auf interessierte Koproduzenten warten.
Gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse wird die Berlinale wieder die Veranstaltung „Breakfast & Books“ durchführen, bei der interessierte Produzenten auf Vertreter der Verlagsbranche treffen, die ausgewählte Stoffe für Literaturverfilmungen vorstellen. Ins Nobelhotel Ritz Carlton sind Visionäre und Vordenker aus der Film- und Medienbranche eingeladen, um sich dort in Kurzvorträgen mit den Zukunftsfragen der Medienindustrie zu beschäftigen.
Dank verschiedener Initiativen ist es Festivaldirektor Dieter Kosslick in den letzten fünf Jahren erfolgreich gelungen, nicht nur Magnet für den etablierten Teil der Branche, sondern auch für den Nachwuchs zu sein. Dazu gehört in erster Linie der Berlinale Talent Campus, eine Art Weiterbildungswoche für begabte Filmstudenten aus aller Welt, die von Profis wie dem deutschen Erfolgsregisseur Tom Tykwer (Das Parfum) praktische Lektionen erhalten. Außerdem wird auf dem Festival eine von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftete, mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung für den besten Debütfilm des Festivals verliehen.
Kunst und Kochen
Nirgends drückt der erklärte Feingeist und Feinschmecker Dieter Kosslick dem Berliner Filmfest so sehr seinen persönlichen Stempel auf wie bei der Einbeziehung der Bildenden und der Koch-Künste: So dient die Reihe „Forum expanded“ mittels Film-, Video- und installativer Arbeiten in diversen Kinos, Galerien und Museen der kritisch-künstlerischen Kommentierung des Kinematografischen. Herzstück ist das von der Künstlergruppe CHEAP entworfene „Gossip Studio“, ein Salon „zur Herstellung und Verbreitung von Klatsch im Untergrund“ mit Cocktail Bar – ein Versuch, die Gerüchteküche, die ein Filmfestival immer auch begleitet, zu versinnbildlichen. Erstlingswerke junger, internationaler Video- und Filmkünstler thematisieren u.a. die Expansion von Aufzeichnungs- bzw. Aufnahmetechniken in die Medizin und sogar in den menschlichen Körper hinein.
Fünf Köche für Kulinarisches Kino: Michael Hoffmann, Tim Raue, Thomas Kammeier, Bobby Bräuer, Kolja Kleeberg
Die neue Reihe „Kulinarisches Kino“ will Zusammenhänge zwischen guten Filmen und gutem Essen schaffen und für einen bewussteren Genuss von Speisen und Getränken werben – was in der Dauerhektik des Festivals kein leichtes Unterfangen ist. Vom 11. bis 15. Februar werden im Kinosaal des Martin-Gropius-Baus täglich um 19:30 und 22 Uhr Spiel- und Dokumentarfilme zu kulinarischen Themen gezeigt und mit einem auf die Filme abgestimmten, mehrgängigen Abendmenü eines Berliner Sternekochs gekrönt. Die sich anschließenden, öffentlichen Diskussion mit gastronomischen Experten (etwa vom Gault-Millau-Führer) und anderen Kulturschaffenden werden vom TV-Koch Alfred Biolek moderiert. „Köche sind dazu da, Lebensmittel in wohlschmeckende Speisen zu verwandeln“, sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, „und mit ihrer Kunst die Menschen zu verzaubern – ähnlich wie Regisseure und Schauspieler dies mit ihren Filmen tun.“ MPH
Die offizielle Webseite der Berlinale: www.berlinale.de
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