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Sicko


Ein Armutszeugnis für das Gesundheitssystem der USA

Wie kein anderes Genre kann der Dokumentarfilm von der DVD als Medium profitieren. Zusammenhänge, die gerade in Michael Moores Filmen der Polemik und dem Populismus zum Opfer fallen, können (wieder-)hergestellt werden. Gedanken- und Handlungsstränge können weiter verfolgt werden. Und die Diskussion, die der Film hoffentlich entfacht hat, kann quasi in das Gesamtpaket integriert werden. Außerdem kann man die Informationsquellen, aus denen sich der Filmemacher bedient hat, näher beleuchten.

Die Special Features dieser DVD-Veröffentlichung werden diesen Möglichkeiten nur teilweise gerecht. Das Featurette über Norwegen beispielsweise, stellt zusätzlich zu den im Film vorgestellten Ländern (Kanada und Frankreich) eben noch Norwegen als Utopie dar. Das Interessanteste an diesem Featurette ist ein Zusammenschnitt von negativer Kritik, der von politischen Kommentatoren im amerikanischen Fernsehen geäußert wurde. Das, was Michael Moore natürlich am meisten vorgeworfen wird, ist heuchlerische, linkspopulistische Parteinahme und Verbreitung von Halbwahrheiten oder Lügen. Wenn aber nur ein Fünkchen Wahrheit in seinen Argumenten steckt, dann ist das schon ein ausreichendes Armutszeugnis für Amerika. Außerdem hält er sich in diesem Film deutlich zurück und lässt andere Menschen über ihre Schicksale reden.

In dem Featurette über den Gesetzesvorschlag HR 676 wird auch deutlich, wie sehr hier über Parteigrenzen hinaus gedacht werden muss. Leider ist dieser Beitrag etwas zu kurz – mehr wäre hier tatsächlich mehr gewesen. Und das Featurette über General Electric in Frankreich wirkt wie eine zu Recht herausgeschnittene Szene. Das trifft auch auf die anderen Beiträge „Religious Freedom“, „Father Mike“ und „Fundraising“ zu, die schlicht zu kurz sind bzw. den Film mit wenig zusätzlichem Gehalt bereichern. Das L. A.-Premieren-Special zeigt erschütterte Gesichter im Publikum – allerdings nicht von Promis, sondern Obdachlosen, was eine nette Idee ist, aber leider nur zum Gimmick gerät, da man doch auch gerne Meinungen gehört hätte – Michael Moore hätte eine Diskussion mit den Anwesenden führen können.

Das Beste sind die Interviews, z. B. mit dem ehemaligen britischen Abgeordneten Tony Benn, einer Kubanerin, und zwei Buchautorinnen. Im Interview mit Michael Moore darf dieser dann auch sagen, was seine hauptsächliche Motivation ist, Filme zu machen: Unterhaltung. Da wird einem erst recht deutlich, dass er noch nie ein lupenreiner Dokumentarfilmer gewesen ist – er ist nämlich zuallererst Entertainer, dann Satiriker und politischer Aktivist, und dann erst Dokumentarist. Er ist vielleicht am ehesten mit einem gesellschaftskritischen Stand-Up-Comedian à la George Carlin vergleichbar.

'Sicko' ist von all seinen Filmen am nächsten an der reinen Dokumentation dran. Umso enttäuschender ist vielleicht, dass die Special Edition unter ihren Möglichkeiten bleibt. Da es aber auch sein bester, weil weltoffenster, humoristisch zurückhaltendster und am wenigsten populistischer Film ist, und das Zusatzmaterial sich durchaus sehen lassen kann, kann man die DVD auf jeden Fall empfehlen. Thomas Hemsley

USA 2007. Regie und Buch: Michael Moore. Mit: Michael Moore, Reggie Cervantes, John Graham, Linda Peeno, William Maher. Senator. 116 Min. (Spr: D/GB [DD 5.1], Widescreen [2,35:1 – anamorph], Bonus: Interviews, Featurettes, Music Clip) Ab 28. April 2008 im Handel.

 

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