
Im Vergleich zu den Nachrichtensendungen des Fernsehens bieten Kinofilme mit ihren Möglichkeiten der beispielhaften, fiktionalen Verarbeitung von politischen und individuellen Problemen eher eine Chance, das Phänomen des religiösen Fundamentalismus nachvollziehbar darzustellen.
Einigen dieser in den letzten Jahren entstandenen Filme, die sich den Problemlagen des erstarkten, religiösen Fundamentalismus gewidmet und dabei nicht durch Unterkomplexität entzogen haben, war im Dezember 2006 eine Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain gewidmet.
Wie immer haben die Organisatoren der „Arnoldshainer Filmgespräche“ die Wortbeiträge der damaligen Referenten als Buch herausgebracht, das seit kurzem unter dem Titel „Projektionen des Fundamentalismus“ vorliegt. Nur vier der rund ein Dutzend im Buch beschriebenen Filme – die man für das Verständnis der einzelnen Texte oder der Gesamtproblematik nicht gesehen haben muss – beschäftigen sich mit christlichem Fundamentalismus (z.B. mit Nicholas Hynters leidlich gelungener Adaption von Arthur Millers Theaterstück „Hexenjagd“ von 1996; und M. Night Shyamalans stimmungsvolles und spannendes Gruselmärchen The Village – Das Dorf, 2002). Offenkundig ist Fundamentalismus im christlichen Kulturkreis kein allzu gravierendes, aktuelles Problem, sieht man von Exzessen der US-Evangelikalen ab, die in einem Text zum Dokumentarfilm Jesus Camp (2005) behandelt werden.
Wie viel unversöhnlicher der Machtkampf zwischen Mythos und Logos, zwischen Glauben und Ratio um die Deutungshoheit der Welt hingegen in Teilen der zeitgenössischen jüdischen und muslimischen Welt gefochten wird, darüber geben aktuelle Filmbeispiele Auskunft, zu denen das Buch mehr oder minder aufschlussreiche Essays bietet: z.B. Kadosh (1999) von Amos Gitai, der im orthodoxen Milieu Israels spielt, Elia Suleimans Göttliche Intervention (2001), der die Ohnmacht und Machtphantasien der in den von Israel besetzten Gebieten lebenden Palästinenser illustriert, oder den mehrfach preisgekrönten, indes nicht unumstrittenen Film Hany Abu-Assads Paradise Now (2002), der Selbstmordattentätern ein Gesicht gibt.
Für Cineasten, die auch an Soziologie und Geschichte großes Interesse haben, sind die beiden Einführungskapitel besonders lesenswert, in denen sich Dr. Clemens Six, Lektor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, und Christian Schneider, Privatdozent für Soziologie an der Uni Kassel, an Definitionen und Beschreibungen des Phänomens Fundamentalismus versuchen, der für beide Autoren kein Privileg einer bestimmten Religion ist. Six trennt zwar religiösen Fundamentalismus von Traditionalismus – und auch von „politisierter Religion“ (wie etwa bestimmte aggressive Nationalismen) –, aber Religion sei letztlich der „relevante Legitimationsrahmen“ für Fundamentalisten, die ein „monokausales Verständnis von Gesellschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft“ entwerfen. In „der Besinnung auf unwiderrufliche, absolut geltende religiöse Fundamente“ (bestimmte Lehren, Praktiken) werde eine Reduktionsleistung vollbracht, deren selektierter Kanon „einem Reflexionsverbot“ unterliegt und „entsprechend exkluvistisch und intolerant“ umgesetzt wird.
In seinem anschaulichen Beitrag – mit verblüffenden Exkursen auf die Philosophie Wittgensteins und moderne, psychologische Theorien – unterscheidet Christian Schneider Fundamentalismus vom bloßen Fanatismus und erkennt darin einen „rational umstrukturierten Glauben“, der jeden Zweifel pathologisiert. Die „de-individualisierte Suspendierung jeder Zweifelsfunktion“ bedeute „einen fundamentalen Umbau der gesamten intellektuellen und psychischen Struktur der Person“.
Die verhängnisvolle Folge aus Sicht Schneiders ist die Aufgabe eines gewachsenen „Weltbildes“ zugunsten der Selbst-Inszenierung als „omnipotentes Opfer“ äußerer Einflüsse. Diese Fundamentalisten übernehmen – um der Ohnmacht zu entgehen – die „Doppelrolle des Gekreuzigten und zugleich Richtenden, des Märtyrers und Rächers in Personalunion“. MPH (Margit Frölich, Christian Schneider, Karsten Visarius (Hrsg.): „Projektionen des Fundamentalismus – Reflexionen und Gegenbilder im Film. Arnoldshainer Filmgespräche, Sonderband“, 192 Seiten, Schüren Verlag 2008, EUR 19,90)
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