Genres und Stile, das sind neben der verbreiteten Chronologie zwei Kriterien, an Hand derer man eine systematische, theoretische Annäherung an die Filmgeschichte gliedern kann.
Erstere scheinen jedoch immer stärker an eine subjektive Definition des Themenbereichs gebunden zu sein als die Chronologie. Vielleicht nicht bei der Frage, ob Außer Atem von Jean-Luc Godard ein Nouvelle-Vague-Film ist, und auch nicht, ob Easy Rider ein Road Movie ist, doch bei Godards Nouvelle Vague von 1990 oder Kenneth Angers experimenteller Rocker-Hommage Scorpio Rising kann man sich schon streiten. Kritik an der Auswahl ist vorprogrammiert.
Viel spannender als streiten ist allerdings, sich auf die Argumente für die Auswahl einzulassen, und die sind bei den vorliegenden Bänden durchaus nachvollziehbar. Der erste Band, der im Bender-Verlag von Norbert Grob, Thomas Klein u.a. herausgegebenen Genres/Stile-Reihe widmet sich der „Nouvelle Vague“, also einem Stil.
Von den vier zentralen Figuren der französischen Bewegung der späten 50er- und 60er-Jahre, Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol und Jacques Rivette, hangelt man sich in weiteren Kapiteln zu Eric Rohmer, Alain Resnais, Louis Malle, Agnès Varda, Jacques Demy und Jean Eustache. In weiteren Texten geht man Fragen nach Bildlichkeit, Realismusverständnis, Geschlechterbild, Selbstreflexion und Zitat in der Nouvelle Vague nach. Ergänzt werden die Beiträge durch kurze Hommagen an prägende Schauspieler (Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Jeanne Moreau, Anna Karina, Jean-Pierre Léaud) und eine knappe Filmografie.
Die einzige Überschneidung zum zweiten Band der Reihe über das Genre der Road Movies ist Godards Pierrot le fou. Die Eingrenzung des Themas ist hier noch deutlicher eine Frage der Interpretation, die Kapitel beim Genrefilm im Gegensatz zum Autorenfilm mehr an Themen denn an Personen orientiert und vor allem an philosophischen und sozialen Fragen der Bewegung im Raum – der Flucht, der Suche und des Findens interessiert.
Die in den beiden Bänden versammelten Texte von Autoren aus akademischen wie auch feuilletonistischen Kontexten sind angenehm allgemeinverständlich, ohne an Sachwissen, Tiefe und Genauigkeit einzubüßen. CM
(Norbert Grob/Bernd Kiefer/Thomas Klein/Marcus Stiglegger (Hg.): „Nouvelle Vague“ und „Road Movies“, 224 bzw. 190 Seiten, Bender Verlag 2006, je EUR 12,90)
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