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Zwischen Hoffen und Bangen
Ein Buch dokumentiert Briefe von Künstlern, die aus Nazideutschland flohen


Es gibt Menschen, deren Wirken einen großen Unterschied ausmacht. Der deutsch-amerikanische Künstleragent Paul Kohner (1902-1988) war so ein Mensch, denn ohne seinen unermüdlichen, persönlichen Einsatz hätten viele Schriftsteller, Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseure nicht vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen können und wären der Verhaftung, der Ermordung oder dem finanziellen Ruin zum Opfer gefallen.

In einigen Biografien oder historischen Abhandlungen ist Kohners Einsatz für die verfolgten Künstler verschiedentlich erwähnt worden, aber erst jetzt würdigt ein einzelnes Buch seine besondere Lebensleistung, von der bislang nur wenige Deutsche wissen: „Ich bin ein unheilbarer Europäer“ ist eine kommentierte Sammlung von Auszügen aus Briefwechseln Kohners mit Exilsuchenden, Unterstützern wie Thomas Mann sowie Behörden und Hilfskomitees in den USA während der 1940er Jahre.

Die zitierten Briefe und Dokumente sind Teil des Kohnerschen Agenturarchivs – eines rund 200.000 Blatt umfassenden Konvoluts –, das noch kurz vor dem Tod Kohners 1988 mit Hilfe verschiedener deutscher Stiftungen und des Berliner Filmhistorikers Gero Gandert von der Stiftung Deutschen Kinemathek in Berlin erworben und archiviert werden konnte.

Heike Klapdor, Mitarbeiterin der Kinemathek, hat aus der Fülle des Archivmaterials einen Querschnitt gebildet, der eher an Personenschicksalen als an der Chronologie orientiert ist.
Die Briefe und Telegramme sowie eine Fülle ergänzender Erläuterungen und Fußnoten spiegeln die sich im Laufe der 1930er Jahre stetig verschlechternde politische Situation in Europa wider, aber auch die Bandbreite an Exilantenschicksalen dies- und jenseits des Atlantiks: Ängste vor Elend, Tod und den Unwägbarkeiten der Flucht oder des Neubeginns in der Fremde, Ohnmacht und Wut, Hoffnung, Erleichterung, Enttäuschung, Ernüchterung.

„Die politische Praxis der Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung isoliert die Menschen, entwurzelt sie, reißt sie aus materieller Sicherheit, aus sozialen Bindungen und kulturellen Traditionen, beraubt sie ihrer gesellschaftlichen und individuellen Identität“, schreibt Heike Klapdor, die das intensive Briefeschreiben vieler Emigranten als „Akt des Widerstands gegen die erzwungene Einsamkeit in der Verbannung“ und als Entwurf „einer pragmatischen Utopie“ deutet.

Als die Nazis große Teile Europas beherrschen und viele Immigranten in Südfrankreich und anderen Exklaven in der Falle sitzen, wird der polyglotte, ebenso kommunikationsfreudige wie hartnäckige Paul Kohner für viele, die aus politischen oder religiösen Gründen zum Exil gezwungen sind, zu einem Retter in größter Not. Zunächst half der aus einer böhmisch-jüdischen Familie stammende Kohner, früherer Manager des Filmkonzerns Universal in der Weimarer Republik, befreundeten Schriftstellern wie z.B. Stefan Zweig.

Die Literaten wurden der Grundstock der Agentur, mit der sich Kohner 1938 in Hollywood selbstständig gemacht hatte. Seine hervorragende Kenntnis der europäischen Dramen, Romane und Erzählungen sowie seine persönlichen Kontakte mit berühmten Autoren halfen ihm, diese als Drehbuchautoren oder Lektoren bei Hollywood-Filmstudios unterzubringen. In anderen Fällen bemühten sich Paul Kohner und seine Mitstreiter – darunter auch die Gattin des damaligen US-Präsidenten Roosevelt – um Visa und Bürgschaften oder schoben mit Hilfe diverser US-Komitees Hilfsaktionen für bedrohte Filmkünstler an.

Ab 1940 musste Kohner größere Anstrengungen unternehmen, um die immer restriktiver gegen die Flüchtlingsschwemme aus Europa vorgehenden amerikanischen Einwanderungsbehörden vom Wert der einzelnen Exilanten für die US-Filmindustrie zu überzeugen. Oft entschieden seine Briefe und Telegramme über Leben und Tod – wie im Falle des jüdischen Drehbuchautoren und Regisseurs Paul Schiller und dessen Familie. Nachdem Kohner von der Flucht Schillers aus dem von den Nazis besetzten Frankreich Richtung Portugal im August 1940 brieflich unterrichtet worden war, erfolgte einer der dramatischsten Hilfsaktionen, die Kohner je unternahm. Sie ist im Buch akribisch dokumentiert und liest sich noch heute aufregend wie ein Krimi.
Die auf der Flucht von Marseille nach Lissabon auf telegrafierte Gelder von Übersee angewiesene Familie schaffte es schließlich – der Wettlauf gegen die Gestapo gelang. In den USA erhielt Paul Schiller einen der begehrten Blanko-Arbeitsverträge für 100 Dollar pro Woche, die Kohner den Hollywoodbossen bei MGM oder Warner Bros. aus dem Kreuz geleiert hatte. Doch Schillers weiteres Emigrantenschicksal verlief tragisch: Anders als viele Autoren oder Regisseure, die nach dem biografischen Bruch einigermaßen (Max Ophüls) oder sogar erfolgreich (Robert Siodmak) in den USA reüssierten, fiel Schiller nach einigen Misserfolgen ins Bodenlose: Bis ins hohe Alter – er starb 1977 nach gescheiterten Rückkehrversuchen Richtung Europa – blieb Schiller auf finanzielle Zuwendungen durch einen von Kohner begründeten „Rescue Fund“ angewiesen.

Auch die Schicksale des Regisseurs Joe May und des Rezitators Ludwig Hardt dokumentieren, wie bitter der Neustart in der neuen Welt scheitern konnte, welche Probleme mit Assimilierung, Neuanfang und Erfolglosigkeit verbunden waren. Manchmal blieben alle Bemühungen umsonst, wie im Falle von Charles Huszar-Puffy, einer der Stars des österreichisch-ungarischen Kinos der 1920er Jahre, der sich etwas zu spät zur Flucht entschloss. Trotz intensiver Hilfsangebote wurde der jüdische Schauspieler zusammen mit seiner Frau 1941 nach überstandener Flucht auf der nordeuropäischen Route Richtung des russischen Hafens Vladiwostok beim Besteigen des Fluchtschiffs von der sowjetischen Polizei verhaftet und deportiert: Durch den kurz zuvor erfolgten Überfall Nazideutschlands auf die UdSSR galt das Paar wegen seiner ungarischen Pässe plötzlich als „feindliche Ausländer“. Kohner erfährt erst 1947, dass die Huszars in einem kasachischen Deportiertenlager elendig zugrunde gingen.

Welche Sensibilität und Geduld Paul Kohner im ständigen Umgang mit den z.T. sehr eitlen und in Luftschlössern wohnenden Künstlernaturen besaß, belegt der Briefwechsel mit Albert Bassermann. Bassermann, gefeierter Star der deutschsprachigen Bühnen der Weimarer Republik, setzte ein stolzes Zeichen, als er seiner jüdischen Frau zuliebe emigrierte und sich mit über 70 Jahren noch einen beschwerlichen Neuanfang in einer fremden Sprache in einem Land, in dem ihn niemand kannte, zumutete. Wer mag ihm verdenken, dass er in Unkenntnis seines verlorenen Status in den USA weiter auf große Hauptrollen im Film und am Theater hoffte und Kohner dafür barsch rüffelte, als diese ausblieben?

Paul Kohner blieb trotz aller Undankbarkeit oder Ungeduld seiner Schützlinge gelassen und versuchte, „jedem einzelnen Bittsteller zu helfen“. Diese Hilfsbereitschaft war ihm ein „religiöses Ethos“ schreibt Heike Klapdor. Hinter seinem Schreibtisch hing sein Credo: „Gott bewahre jedem ein hilfsbereites Herz. Wir gehen diesen Erdenweg ja nur einmal und nachher ist es zu spät.“ MPH

(Heike Klapdor (Hrsg.): „Ich bin ein unheilbarer Europäer“ – Briefe aus dem Exil, 510 Seiten, Aufbau Verlag 2007, EUR 29,90)

 

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