
Schon die inspirierenden Musen der Antike sind Töchter der Mnemosyne, der Erinnerung. Und der französische Schriftsteller Maurice Blanchot bekannte 1992, wie alle, die nach Ruhm streben, sei auch sein Berufsstand getrieben von der Hoffnung auf Unsterblichkeit.
Ein Wunsch, der in der Neuzeit bei sehr vielen Menschen durch die modernen Reproduktions- und Verbreitungstechnologien beständig Nahrung erhalten hat. Denn die Möglichkeiten, schnell und über Grenzen hinweg berühmt zu werden, sind enorm gestiegen: „Der Traum vom Ruhm ist ein Traum von den Möglichkeiten der Medien – durch sie konkretisiert er sich“, schreibt der Medienwissenschaftler Dr. Thomas Küpper von der Goethe-Universität in Frankfurt a. M. in seinem Aufsatz über den Zusammenhang zwischen Ruhm und modernen Massenmedien, der zusammen mit anderen Essays im Buch „A Star Is Born – Ruhm im Kino“ zu finden ist.
Doch die Aufsätze – Ergebnisse einer Tagung an der Evangelischen Akademie Arnoldshain – beschäftigen sich nicht nur mit exemplarischen Kinofilmen wie Billy Wilders Tragikomödie Sunset Boulevard (1950), Miloš Formans Künstlerporträt Amadeus (1984) oder Spike Jonzes schräger Satire Being John Malkovich (1999), die aufzeigen, dass auch der größte Ruhm letztlich „sterblich ist“, wie der evangelische Theologe Werner Schneider-Quindeau schreibt. Manche Autoren schlagen einen weiten, historischen Bogen: Die Anglistin Barbara Straumann weist darauf hin, dass in „struktureller Analogie“ zum Souveränitätsbegriff des Mittelalters, in denen „Fehlbarkeit und Sterblichkeit des Individuums und seiner Leiblichkeit durch das symbolische Mandat, das der König als Stellvertreter Gottes im politischen System einnimmt“, aufgehoben werden, „die mediale Verbreitung und potenzielle Unsterblichkeit des Individuums als Star die Erzeugung eines Kunstkörpers“ ist – „bestehend aus Gesten, Posen und Rollen.“
Gerade im Wechselspiel mit der im Vollzug der Dauervermarktung oft zur Schau gestellten Zerbrechlichkeit dieser Starkörper – siehe im aktuellen Fall die Popsängerin Britney Spears – bilden „individueller und öffentlicher Körper keine geschlossene Einheit“, sondern treten in einen öffentlich ausgetragenen Kampf, so Straumann. Die Erschaffung moderner Superstars (übrigens ein Begriff, den der Avantgarde-Fotograf Jack Smith 1964 prägte, wie das Buch lehrt) sei Teil der „ökonomischen Globalisierung“ bzw. „weichen Macht Amerikas“ bezeichnet, die über die gleichmacherischen Verheißungen und die militärischen Drohungen des Kommunismus gesiegt habe, meint der Kurator der Kunsthalle Wien, Dr. Thomas Mießgang, mit Bezug auf andere, kulturphilosophische Schriften.
Von Elvis Presley, der als „ausgeliehener“ Popstar der damals darbenden US-Filmindustrie zu neuem Schwung verhelfen sollte, bis zur Crossmedia-Ikone Lara Croft sei eine stufenweise Transformation von „traditionellen Stars“ in popkulturelle Leitbilder zu beobachten, die spartenübergreifend in allen Massenmedien eingesetzt werden. Durch die enorme Auffächerung der Medienlandschaft und die Eigendynamik der Massenmedien ist die einstige Exklusivität der „Medienaristokratie“ aber dahin: Längst hat sich mit Gestalten wie Paris Hilton „eine Schwundstufe des Ruhmes“ etabliert, „in der man bekannt ist, weil man bekannt ist“, schreibt Thomas Küpper.
Vorläufiger Endpunkt ist die Verwirklichung von Andy Warhols Weissagung, in Zukunft werde „jedermann für 15 Minuten berühmt sein können“ – die totale Flüchtigkeit von Ruhm in einer Gegenwartsgesellschaft, die sich – so Thomas Mießgang – im Spannungsfeld zwischen „Informationsüberfluss, politischer Richtungslosigkeit, Erlebnishunger“, aber auch dem Verlangen nach Transzendenz und Spiritualität“ bewege. MPH (Margit Frölich, Klaus Gronenborn, Karsten Visarius (Hrsg.): „A Star Is Born – Ruhm im Kino. Arnoldshainer Filmgespräche Bd. 24“, 192 Seiten, Schüren Verlag 2007, EUR 16,90)
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